Erinnerungen eines Zeitzeugen

Ein Zeitzeuge hat uns über den Deutsch-Vietnamesischen Freundschaftsverein (DVF) Magdeburg e.V. seine Erinnerung an den Angriff auf das Wohnheim der vietnamesischen Vertragsarbeiter:innen vom 2. Oktober 1990 zukommen lassen.

Der Zeitzeuge war im August 1981 in die DDR eingereist und hat nach einem sechsmonatigen Sprachkurs eine dreijährige Ausbildung gemacht. Anschließend arbeitete er im Automobilwerk Ludwigsfelde und ab 1987 als Dolmetscher für seine Landsleute im VEB Bekleidungswerk in Magdeburg. Das Verhältnis zu den Betreuer:innen, Lehrer:innen und Kolleg:innen empfand er als positiv, da diese zu den vietnamesischen Vertragsarbeiter:innen nett und hilfebereit gewesen seien. Er möchte anonym bleiben.

In dem Wohnheim am Scharnhorst-Ring in Magdeburg-Olvenstedt lebten zu der Zeit mehr als 200 vietnamesische Vertragsarbeiter:innen, die in den Werken in der Mittagsstraße und der Großen Diesdorfer Straße arbeiteten. In den Nachbargebäuden lebten weitere Hunderte Vietnames:innen, die in anderen Werken wie dem VEB Schuhfabrik Roter Stern Burg oder dem VEB Gummiwerk Schönebeck arbeiteten.

Die folgenden Zeilen hat der Zeitzeuge per Hand auf Vietnamesisch geschrieben. Sie liegen dem DVF vor und wurden von diesem ins Deutsche übersetzt:

„Ende September bis Anfang Oktober 1990 sammelten sich viele deutsche Anwohner:innen unterschiedlichen Alters und aus unterschiedlichen sozialen Schichten vor und um unser Wohnheim und belagerten unser Wohnheim. Es gab Gewalt-Akte wie folgende: Einige Jugendliche haben mit Hammern und Knüppeln auf die Eingangstür getrommelt und geschlagen.

Wir mussten in unseren Wohnungen zusammenkommen und in den Wohnungen bleiben, um unser Leben zu schützen. Zu diesem Zeitpunkt waren wir noch nicht arbeitslos. Auf dem Weg zur Arbeit musste die Polizei uns begleiten.

Wir haben erst später verstanden, warum sie so etwas getan haben: Viele Deutsche haben damals gedacht, dass wir ihnen die Arbeit wegnehmen. Einige sind aus Neugier gekommen, um uns zu sehen, aber sie haben keine Gewalt ausgeübt oder irgendetwas gegen uns unternommen.

Der Höhepunkt war Anfang Oktober 1990. Diese Leute haben deutschlandweit Flyer verbreitet und dazu aufgerufen, nach Magdeburg zu kommen und unser Wohnheim in Brand zu setzen. Die Behörden in Magdeburg haben diese Gefahr erkannt und viele Polizisten zu uns geschickt, um unser Wohnheim und weitere Wohnblöcke in der Nähe, in denen vietnamesische Vertragsarbeiter:innen wohnten, zu schützen. Die Polizei hat uns über die Lage informiert und uns gesagt, dass, wer im Wohnheim bleiben wolle, in den oberen Etagen zusammenkommen solle; ansonsten konnten wir das Wohnheim verlassen und selbst nach Schutz und Obdach suchen.

Die Kriminalpolizei war im Keller und im Erdgeschoss präsent und war mit Schusswaffen ausgerüstet. Sie ging zu den Leuten, die das Wohnheim belagerten, sprach mit ihnen und riet ihnen, die Menschenansammlung aufzulösen usw. Zum Schluss haben die Beamten die Wege zum Wohnheim gesperrt, damit niemand in dessen Nähe gelangen konnte. Die Rassisten konnten ihren Plan nicht umsetzen und am nächsten Tag versammelten sich nur ein paar einzelne Jugendliche um das Wohnheim herum.

Unser Leben normalisierte sich langsam, bis wir von Deutschland Abschied nahmen und in die Heimat zurückkehrten. Ich danke den Deutschen, die uns gerettet haben.“

Erinnerungen eines Zeitzeugen, aufgezeichnet vom Deutsch-Vietnamesischen Freundschaftsverein (DVF) Magdeburg e.V.
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