Interview mit Arne

zweiteroktober90: Danke, dass wir das Interview machen können. Du bist so aus der Südthüringer Ecke, warst aber am 2./3. Oktober in Berlin. Mich würde erstmal interessieren: Wo kommst du so her? Was war dein Hintergrund? Was hast du vor der Wende gemacht und in der Wendezeit?

Arne: Mein Background ist, dass ich ab 1985 ungefähr in der DDR-Punkszene gewesen bin und dort die erste Politisierung stattfand, vor allem gegenüber dem aufkommenden Rechtsradikalismus innerhalb der DDR, den es schon signifikant gab, weil wir uns unheimlich häufig anhören mussten, dass man sowas wie uns früher vergast hätte. Direkt zur Wende war ich in der NVA. Die haben mich ’88 geholt. Und später kam raus, dass es eine Maßnahme der Stasi war, weil ich eine Wohnung zur Verfügung hatte, die meine Eltern hatten, die in Russland waren, und sich dort die Punks getroffen hatten. Also direkt ’89 habe ich in der NVA verbracht und bin im Januar ’90 verfrüht entlassen worden und eigentlich gleich mit meinen Freunden aus der Punkszene zusammen in die Antifa-Szene eingestiegen. Wir hatten ziemlich dicke Kontakte damals nach Berlin in die aufkommende Hausbesetzer:innen-Szene und uns in Südthüringen erstmal vernetzt gehabt. Also die Städte Meiningen, Suhl fing’s an, später Ilmenau.

zweiteroktober90: Du hast es schon gesagt, ihr habt schon früh den aufkommenden Rechtsradikalismus in der DDR bemerkt. Kannst du erzählen, wie habt ihr das gemerkt hab, ab wann, was ist euch da passiert?

Arne: Das ist irgendwie innerhalb der Jugend irgendwie subkulturübergreifend gewesen, dass es da rechtsradikale Tendenzen gab. Du hattest zum Beispiel in Suhl so’ne Vokuhila-Zentrum-Clique, die sich immer am Zentrum Warenhaus getroffen hatten, die eigentlich so Udo-Lindenberg-Fans waren, von denen hast du einen „Sieg Heil“-Gruß kassiert und die haben auch gerne dich irgendwie mal verkloppen wollen. Und es ist immer wieder passiert, dass du da eben dieses Vergasen-Ding abgekriegt hast. Und ab Mitte ’80er ungefähr eine aufkommende offene rechtsradikale Szene, die erstmal ne Abspaltung aus der Punk-Szene war. Da sind nämlich etliche, vor allem im Raum Weimar, Jena und Erfurt zu Skins geworden. Diese Skins waren rechtsorientiert. Das war so die erste Konfrontation dann so mit denen. Also wo dann richtig offen mit Symbolik rumgearbeitet wurde.

zweiteroktober90: Als es dann möglich war, sich offener zu organisieren, als du aus der NVA zurückgekommen bist, was habt ihr politisch gemacht in Südthüringen, Berlin?

Arne: Wir haben erstmal selber angefangen, Häuser zu besetzen in Thüringen. Da gab es die Meininger Straße 115. Daraus ist dann später die Seelenbinder Straße hervorgegangen, wo das AJZ gegründet wurde.

zweiteroktober90: In welcher Stadt?

Arne: Suhl, jetzt erstmal. In Meiningen war das nicht ganz so aufregend. Da gab es nur kurzzeitig die Besetzung am Topfmarkt 27, glaub ich, ich weiß nicht mehr, am Topfmarkt eine. Die haben das auch von sich so selber aufgegeben, weil, ich glaub, die Bausubstanz ist denen eigentlich schon unter den Füßen weggebrochen. Auf alle Fälle ging es darum, die Nazis auch in Südthüringen erstmal kleinzuhalten. Das hat einen Vorlauf gehabt in Südthüringen, weil wir haben mitgekriegt, wenn es schon in der DDR Ärger gab, zum Beispiel durch die Skinheads, dann hat sich dieser Ärger mit der Wende personell so, sagen wir mal, vervierfacht. Das heißt, die haben ordentlich Nachwuchs gezogen und ordentlich Leute an sich binden können. Auch in der allgemeinen Grundstimmung, die es dann gab, diese Deutschtümelei. Und wir hatten in Südthüringen das Glück, dass aus der Punkszene heraus es diese Abspaltung nicht gab, dass die sich selbst erstmal so ein bisschen finden mussten. Was wir mitbekommen haben, es sind zum Beispiel Leute gewesen, die aus dem Knast zurückgekommen sind, die dort rechtsradikal sozialisiert wurden. Im Knast in der DDR muss ziemlich viel rechtsradikales Gedankengut verbreitet worden sein. Das war so auf alle Fälle. Einer der größten Nazischläger war vorher Gruftie, ist in den Knast gegangen, weil er sich auf dem Friedhof verlustiert hatte, und ist als Nazi wiedergekommen.

zweiteroktober90: Viele Leute, mit denen wir bisher geredet haben, haben uns erzählt, dass es zu Angriffen in der Nacht zur Wiedervereinigung kommen würde, das war keine Überraschung. Was habt ihr in Südthüringen mitbekommen von den Nazis? Was habt ihr erwartet? Wir habt ihr euch darauf vorbereitet?

Arne: In Südthüringen waren die zu der Zeit relativ schwach organisiert. Das waren noch nicht so viele, weil dieser Vorlauf nicht existiert hatte. Das hat damals ein anderes Kräfteverhältnis gegeben, als es jetzt ist. Jetzt ist es in der Regel so: Die Universitätsstädte, die großen Städte sind mehr so die linken Hochburgen. Da zieht alles hin, was ein bisschen Köpfchen hatte. Und die ländlichen Regionen sind eher so das Rechtsradikale. Um die Zeit war es so, dass auch Kleinstädte unheimlich links orientiert gewesen sein konnten, weil es diese Entmischung noch nicht gab. So eine Konstellation hatten wir in Südthüringen. Und dass es die großen Auseinandersetzungen in den größeren Städten damals gab, Weimar, Jena, Erfurt. Da waren die großen Angriffe, auch aus den Fußballspielen heraus. Wir hatten keine oder wenig Kontakte in diese Szene. Wir hatten Kontakte nach Berlin und in Berlin gab es massive Angriffe. Vornehmlich von BFC-Hools und von den Nazis und diese Weitlingstraßen-Sache, die ausgestrahlt hat. Von dort ging Terror aus. Da haben wir uns entschlossen, wir gehen hoch nach Berlin und bieten den Leuten an, Hausschutz zu machen. Wir wissen, dass es im Vorfeld Überfälle gab, zum Beispiel, dass Nazis über die Nachbarhäuser in die Kreuziger Straße eingestiegen sind und die Leute in ihren Schlafsäcken verprügelt haben nachts. Auf alle Fälle haben uns die Leute dort gesagt, dass die Kinzigstraße 9 Verstärkung braucht, weil es ein ungesichertes Haus an einem Neubaublock ist, und dass da zu wenig Leute sind. Und da ist der ganze Südthüringer Trupp dann in die Kinzigstraße 9 rein und hat dort abgesichert und hat dort Schutz gemacht, also in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober ’90. Und der Plan war, dann am nächsten Tag zur Deutschland-halt’s‑Maul-Demo zu gehen.

zweiteroktober90: Wie ist dann die Nacht abgelaufen?

Arne: Wir haben versucht, auf dem Dach eine Sicherung zum Nachbarhaus anzubringen und sind dabei andauernd gestört worden. Das heißt, die Polizeihubschrauber der westdeutschen Polizei fingen dann an, die besetzten Häuser abzuleuchten. Da sind wir dann immer in Deckung gegangen. Und wir haben auch mitgekriegt, dass die jetzt schon mit dem Bullenwagen in das Viertel einfahren und durchchecken. Also das haben uns die westdeutschen Autonomen dann ganz genau gesagt: Die machen sich jetzt die Pläne, um später gut durchgreifen zu können. Das war das eine Ding. Das andere, irgendwie den Stacheldraht anbringen, damit die ein Hindernis haben, aufs Dach zu kommen. Unser Problem war, wenn wirklich Nazis aufs Dach kommen, dann sind die [Besetzer:innen] höchstgefährdet, weil es gab nur eine Luke, über die du ins Haus reinkamst. Da musstest du dich einen Moment lang über die Dachkante lehnen, hast im Grunde genommen in den Abgrund geguckt, und konntest dann erst rein. Da wäre die Leute nie weggekommen. Das war schon, aus der Sicht angegriffen zu werden, ein heikles Haus. Und auf alle Fälle irgendwann Mitternacht hast du mitgekriegt, dass die ganze Böllerei losgeht, als ob’s Silvester wär. Und du wusstest, die ganzen Truppen, diese ganzen Nazis und Deutschtümler, die treffen sich erstmal am Brandenburger Tor und feiern da. Und wir haben damit gerechnet, dass von dort die Mobs losziehen und die besetzten Häuser angreifen. Das ist nicht passiert. Wir haben nur mitgekriegt, dass eine größere Gruppe irgendwie am Frankfurter Tor langgezogen ist, aber dass die dann doch nicht an die Häuser ran sind. Nur ein paar Suffköppe haben versucht, bei uns reinzukommen. Das heißt, eigentlich Glück gehabt. Die konzertierten Angriffe kamen nicht. Das hat wahrscheinlich auch irgendwas damit zu tun, dass die im Vorfeld, in den Wochen vorher schon, die ersten Stoppschilder bekommen haben von den Besetzer:innen, dass die massiv zurückgeschlagen haben und sie aus dem Kiez vertrieben haben. Also dass die Nazi da wussten, sie können nicht mehr im freien Vorwärtsgang da durchmarschieren. Und das war sehr wichtig, dass es diesen Punkt gab.

zweiteroktober90: Am nächsten Tag wolltet ihr zur Demo gehen. Wie lief der Demo-Tag für euch?

Arne: Der Demo-Tag lief … Du, ich kann dir jetzt nicht mehr sagen, wo das anfing. Auf alle Fälle, bei der Demoaufstellung hast du schon gemerkt, es wird eine sehr militante Demo. Die Leute sind angepisst und die Leute sind durchweg vermummt mit Hassmasken. Das war die schöne autonome Folklore aus den 80ern. Die Demo endete am Alexanderplatz und vorher gab’s schon diesen Angriff auf den Lautsprecherwagen, wo die Cops unheimlich reingeknüppelt haben. Da hast du richtig gemerkt, die hatten auch Bock, irgendwie Dampf abzulassen. Ich weiß nicht, wie viele Verletzte es gab. Aber der Lauti-Schutz ist komplett mit Knüppelei eingedeckt worden. Und so wie ich das mitgekriegt habe damals, einzig und allein aus dem Grund, dass sie von Heiter und Wolkig den Song „Rote Zora“ abgespielt haben. Das ist irgendwie so eine Provokation, wo die Bullen meistens losgeknüppelt haben. Am Alex selber habe ich mitgekriegt, dass von den Türkengangs welche einen Mercedes Benz auf den Kopf gestellt und angezündet haben, dass das der Startschuss für die Cops war, da reinzugehen. Da haben sich dann so langwierige Straßenschlachten entwickelt. Du hast mitgekriegt, der Wasserwerfer fährt auf. Hast dir gedacht: Ok, harter Strahl ist es nicht, wird dir nichts ausmachen. Naja, im zweiten Moment hast du mitgekriegt, da ist Tränengas drin. Die haben mit Tränengas gesprüht. Ich glaube, das war CN. Und immer wieder Gaskartuschenangriffe von Polizisten, dann Trupps, die mit Gasmaske durch diese Wolken durch angegriffen haben, versucht haben, Leute abzugreifen. Und dabei haben sie einen Fehler gemacht: Auf dem Alex war mehr oder weniger so ein Deutschland-Einheitsfest. Und da haben sie die Leute reingetrieben und das hat sich irgendwie vermischt, weil die haben dann auch mitgemacht. Es kam dann zu so einer Art freien Zone aufm Alex, innerhalb derer dann so die Plünderungen abliefen und die Leute auf einmal angefangen haben, alles zu teilen, was sie da aus den Schaufenstern vom Zentrum Warenhaus rausgezerrt haben. Also da kamen Leute vorbei und haben gefragt: Wollt ihr Bier haben? Ok, wir nehmen uns drei und der Rest der Palette ist euch. Für die Fitteren waren das Wurfgeschosse, die weniger Fitten haben sich besoffen. Der Spaß ging dann ungefähr so bis Mitternacht, dann haste mitbekommen, dass die Cops jetzt zumachen. Dass die schon durch die U‑Bahn-Etagen gelaufen kommen und dass die jetzt flächendeckend den Platz räumen. Haben wir dann gemacht, dass wir weggekommen. Aber das hat ewig Stunden gedauert, bis die Ruhe reingekriegt haben.

zweiteroktober90: Wie ist es so für dich weitergegangen?

Arne: Für mich danach?

zweiteroktober90: Ja, so allgemein.

Arne: Persönlich, ok, erstmal arbeitslos geworden. Das auch genossen, muss ich ehrlich sagen. Und politisch eigentlich weiter Hausbesetzungsszene und Antifa gemacht. Also versucht, Jugendarbeit zu machen und einen Gegenpol zu rechtsradikalen Tendenzen aufzubauen, auch kulturell. Das war eigentlich so Anfang 90er so das Ding. Und natürlich, wenn Naziterror aufgekreuzt ist – unser Schwerpunkt war dann, ich glaube, ab ’92 massiv Ilmenau – dorthin zu fahren und die Leute, die dort an der Wand gestanden haben, zu supporten und zu unterstützen. Also wir haben uns dann auch immer noch nach Leipzig orientiert und denen dort Hilfe gegeben und sind auf Demo gefahren. Klingt jetzt alles sehr heldenhaft, aber wir hatten auch genug Spaß dabei im Privatleben. Es ist jetzt nicht so, dass das alles nur aus Kampf und Stiefelei bestand.

zweiteroktober90: Wenn du jetzt so zurückblickst und interviewt wirst, was bedeutet der Tag der Wiedervereinigung für dich?

Arne: Der Tag der Wiedervereinigung ausm Rückblick bedeutet für mich, dass da [denkt nach] ein Land wieder zueinander gefunden hat, was erstmal unter Größenwahn gelitten hat und die Relation zu sich selbst verloren hat. Und das Ding an Minderheiten damals ausagiert hat, die angegriffen wurden und die auch im Stich gelassen wurden. Also für mich war das ein Übergang in ein System, was ich nicht wollte, wo ich nie hinwollte. Ich hab mich nie in den Westen orientiert. Und die DDR ab ’89 war für mich ein Experimentierfeld, was ich lieber erhalten wollte, weil ich hatte die Hoffnung, dass da irgendwo Selbstorganisierungen sich finden können, die nicht unbedingt in einen festgefahren demokratischen Westen münden. Das ist nicht passiert. Das ist von der Mehrheit der Menschen nicht gewollt worden. Die wollten die nächste Sicherheit, die wollten die D‑Mark, die wollten den Konsum. Ich wollte das nicht und so verhalte ich mich auch heute noch.

zweiteroktober90: Danke für das Interview!