Interview mit Claus Bach

zweiteroktober90: Hallo Claus, schön, dass wir das Interview machen können. Du hast in den 80er Jahren in Weimar die Gegenkulturen und die Dissident:innen-Kreise fotografisch begleitet und dokumentiert und dann eben auch die Besetzung der Gerberstraße 3. Vielleicht kannst du zunächst erstmal ein bisschen erzählen, wie du dazu gekommen bist, und welches Verhältnis du zu dieser Szene hattest.

Claus: Also in den frühen 80er Jahren war ich angestellter Fotograf an der damaligen Hochschule für Architektur in Weimar, so richtig bei den Architekten. Das war eigentlich ein ziemlich schöner, freier Job, weil ich zwar feste Arbeitszeiten hatte, aber ich ziemlich viel Stadtbild und auch Stadtleben fotografieren musste. Das hatte zum Teil mit den Auftraggebern oder mit dieser Sektion Architektur zu tun; die waren ziemlich ehrgeizig. Und Weimar ist ja nun eine Kleinstadt, wo buchstäblich das geflügelte Wort, dass jeder jeden irgendwie kennt – auch in den unterschiedlichsten sozialen Milieus -, zum Tragen kommt. Kurz gesprochen habe ich quasi in 1984 eigentlich so die ersten Punks in Weimar über Bekannte kennengelernt. Einer arbeitete zu der Zeit bei der Post, und der lud mich zu einer Probe von einer Band ein, die damals den lustigen oder etwas ironischen Namen „Der Rest“ hatte. Und dort – quasi in seinem Jugendzimmer – wurde ich eingeladen, ein paar Fotos während der Probe von dieser Band zu machen. Das war 1984 im Frühjahr. „Der Rest“ nannten die sich deshalb, weil ein Teil der Kumpels von denen zu der Zeit schon Stück für Stück meist nach Westberlin ausgereist war. Und die haben sich dann einfach nur noch „Der Rest“ genannt. Das fand ich schon ziemlich kernig, ziemlich lustig. Und die Leute hatten einen Hammer thüringischen Dialekt. Das kann ich deshalb sagen, weil ich zu der Zeit, Ende 70er bis Mitte/Ende 80er, mehr in Berlin als in Weimar war. Ich arbeitete mit ein paar Künstlerkollegen – einer Graphikerin, einer Siebdruckerin und einem Schriftsteller – zusammen. Der war auch ganz überrascht, dass auf einmal in Weimar in den 80ern eine Punkszene Stück für Stück entstand, abseits der „Zentren“ wie Berlin oder Leipzig. Und auch, dass da Bands wie Pilze aus dem Boden schossen. Auch Volle z.B. war in einer Band, den „Madmans“, und es gab noch andere. Jedenfalls, nachdem ich da diese Probenfotos gemacht hatte, gab es die ersten Konzerte, meistens auf irgendwelchen Privatfeten, auch von Studenten – also jetzt nicht nur von irgendwelchen Punkprolls oder Lehrlingen. Das erstreckte sich eigentlich über verschiedene soziale Milieus, wie man das heute sagt. Und Stück für Stück habe ich dann auch das ein oder andere Konzert mit den Leuten fotografiert. Also Partyfotos gemacht, wie man es heute auch machen würde. Und die Angelegenheit gipfelte dann ein, zwei Jahre später in einem Plattencover für besagte Band „Der Rest“. Der Bassist von der Band ist dann auch nach Westberlin ausgereist und hatte von dort aus die Herstellung der Platte organisiert. Es gab also ein Mastertape, das wurde in Weimar aufgenommen. Und ich habe da natürlich meinen ganzen Ehrgeiz rausgekehrt. Und die Band fand es auch toll. Das ist jetzt ein bisschen lokaler Kult geworden: so eine schöne schwarze Plattencover-Fotografie. Da sieht man die vier Leute, wie die so um eine Neonröhre herum drapiert sind, bzw. sich da hinstellen mussten. So ein bisschen 80er Jahre. Grufti-Look hat man dazu gesagt, obwohl das die Punks nicht gerne hörten. Ja, und über die Jahre hinweg, über die zweite Hälfte der 80er hinweg hat die Platte dann sogar ein bisschen Wirbel ausgelöst, gerade im Sender RIAS, der in Westberlin stationiert war. Die spielten das natürlich genüsslich und zelebrierten diese Platte. „Die erste Punkband aus der Dichterstadt.“ Und dann saßen wir in einem Café am Alex unterm Fernsehturm, und dann lief diese Musik, und dann hörte man diesen thüringischen Dialekt von dem Sänger. Und ich dachte „Mein Gott!“, aber das war egal, weil, es war natürlich schon abgefahren, dass ausgerechnet eine Band aus der Provinz Weimar so eine Platte im Westen raushaute. Über diese Konstellation habe ich quasi dann ab Mitte bis Ende der 80er Jahre diese ganze Punker- und größtenteils auch Musikszene in Weimar, z.T. auch in Erfurt, genauer kennengelernt. Als die Wende kam, ist ein Teil schon in Westberlin bzw. im Westen gewesen oder ausgereist. Ein harter Kern blieb da und gründete dann, bzw. besetzte dann 1990 im April die Gerberstraße.

zweiteroktober90: Du hast im Vorgespräch erwähnt, dass es viele Dinge, die sich mit der Wende Bahn gebrochen haben, auch in den 80er Jahren schon gab. Ich vermute, du meintest damit auch die Neonaziszene, die da auch schon da war. Hattest du vor der Vereinigung schon Berührungspunkte oder Situationen mit Neonazis? Oder wann bist du denen zum ersten Mal begegnet?

Claus: Den ersten Schlagabtausch mit Glatzen, bzw. Neonazis hatten wir „erst“ im Oktober 1990. Da wurden wir so 500–800 Meter vor unserem Haus von so ein paar … – das war ein Mix aus Glatzen und Hooligans – angegriffen. Die sind einfach nachts durch die Straßen gefahren. Es war für Oktober noch eine relativ laue Nacht, wir kamen an einem Freitagabend von irgendeiner Party wieder, und da hielten die auf einmal zehn Meter vor uns und kamen uns entgegen und verkloppten uns. Allerdings hatten wir Glück, weil es eine Kreuzung am Stadtring in Weimar war, und es war dann relativ schnell ein Taxifahrer da, der per Telefon die Polizei verständigt hat. Und dann waren die relativ schnell weg. Das war der erste direkte Schlagabtausch. Die Zeit davor haben wir so etwas nicht direkt miterlebt, sondern nur immer gehört, dass Freunde von Freunden mit denen Probleme hatten. Es gab sowohl, wie ich das wusste, in Erfurt schon eine kleine Hardcore Naziszene und in Weimar aber auch. Die agierten allerdings extrem verdeckt. Nun muss man dazu sagen, dass die Punkszene, die ich in Weimar kannte, in der Regel linksgerichtet war. Es gab ja dann auch noch so Abstufungen – Redskins und so weiter. Da bin ich jetzt nicht so detailliert drin. Das hing mit Schnürsenkeln zusammen: Die Skins, die rote Schnürsenkel in ihren „Docs“ hatten, das waren die linken Skins, und die, die das nicht hatten, das waren die rechten. Allerdings weiß ich das nur von den Punks, die mir das erzählten. Kennengelernt habe ich die in Weimar überhaupt nicht. Was Feindseligkeiten zwischen diesen linken und rechten Punks und Skins betraf, wurden die in der Regel nie spektakulär ausgetragen. Das heißt, von richtigen Schlägereien weiß ich zumindest nichts. Ob es die wirklich gegeben hat in Weimar, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur das, was auch in verschiedenen Filmen schon verhackstückt worden ist. Das betrifft z.B. diesen Naziüberfall auf diese Umweltbibliothek in der Zionskirche [in Berlin]. 1988 war das glaube ich. Ich hatte etwa ein halbes Jahr vorher eine Ausstellung in einer privaten Wohnungsgalerie in der Schönhauser, und da bekamen wir diese ganzen Umweltleute mit. Und die luden uns ein, da auch auszustellen. Und die Organisation lief schon, und dann krachte es da. Allerdings habe ich da auch ein, zwei Protagonisten kennengelernt, und das war es dann. Denn die wurde dann ja erstmal dicht gemacht, so dass alle weiteren Aktivitäten, seien es Lesungen, Ausstellungen usw., dann auch gecancelt worden sind. – Das ist das, was ich grob zu den Auseinandersetzungen sagen kann.

Die Konfrontation, die wir mit diesen Hools hatten, verlief dann so, dass ich Anzeige erstattet habe. Ich hatte noch das Glück, dass das keine Hardcore-Typen waren. Ich hatte Glück im Unglück, denn ich konnte mir sogar noch – kurz bevor die Bullen kamen – das Nummernschild von dem PKW aufschreiben. Also richtig harte Nazis hätten mich richtig vertrimmt. Da wäre ich garantiert nicht dazu gekommen, noch irgendetwas aufzuschreiben. Das muss ich rückwirkend auch sagen. Und zwei Tage nachdem die Anzeige bei der Polizei gelandet war, sind mir so drei, vier Typen vorgeführt wurden – einen habe ich identifiziert. Dummerweise hat es keine richtigen Zeugen gegeben, obwohl die Angelegenheit wie im Film war – das heißt, wir haben in die erleuchteten Fenster der umliegenden Häusern geguckt, wo überall schwarze Menschenschatten zu sehen waren. Es gab dann auch extra noch mal einen Artikel in der Zeitung, dass sich Zeugen melden sollten. Es hat sich aber keine Sau gemeldet, obwohl es garantiert mindestens vier bis fünf Zeugen gewesen sein müssen. Die Angelegenheit ist dann leider sozusagen im Sande verlaufen, weil die Gegenseite natürlich behauptet hat, wir würden übertreiben und hätten alles erfunden. Obwohl wir uns am Folgetag auch noch blaue Flecken usw. vom Arzt attestieren ließen, wie es uns die Polizei geraten hat. Und ich muss der Fairness halber sagen: Die Bullen mit denen wir es damals zu tun hatten, haben diesem typischen 80er-„Die Bullen sind alle blöd“-Klischee nicht entsprochen, d.h. die haben das schon richtig ernst genommen. Also nicht nur formal die Anzeige durchgezogen. Denn die Typen, die uns überfallen hatten, hatten die sowieso schon auf der Rolle. Dummerweise hat es keine Zeugen gegeben, sonst hätten sie die richtig – nicht nur für ein paar Monate – verknackt. Was dann mit denen später geworden ist, das ist schon sehr lange her, weiß ich nicht.

zweiteroktober90: Um den Tag der Vereinigung hat es ja einen weiteren großen Angriff von mehreren Rechten, Neonazis und Hools auf das besetzte Haus in der Gerberstraße 3 gegeben. Und du hast es geschafft, davon ein Bild zu schießen. Vielleicht kannst du ein bisschen erzählen, wie du diesen Abend wahrgenommen hast, wie dieser Angriff vonstattengegangen ist und was so deine Rolle dabei war.

Claus: Naja, die Vorgeschichte, was die Gerberstraße und den Zoff zwischen Linken und Rechten betrifft, das war ja, wenn man so will, im Osten flächendeckend. D.h. in allen größeren und mittelgroßen Städten wurden einfach seit 1990, bzw. schon seit Herbst 1989, die Auseinandersetzungen zwischen Rechten und Linken immer extremer. Das hatte sicher auch damit zu tun, dass eine Menge „altrechte Zombies“ aus dem Westen in den Osten eingeritten sind und sich da ziemlich etabliert haben und da den Zampano gegeben haben. Logischerweise hat die Entwicklung, was die Gerberstraße betrifft, eine Vorgeschichte. D.h. seitdem es das besetzte Haus gab, gab es auch immer Auseinandersetzungen und die ein oder andere Schlägerei zwischen Linken und Rechten – also zwischen der Szene aus dem besetzten Haus in der Gerber und der Szene aus dem besetzten Haus von den Rechten – das war im Dichterweg in Weimar. Und die haben sich da eben ab und zu gegenseitig besucht, um sich zu verkloppen. Das hatte zum Teil wirklich auch recht infantile Züge. Denn da ging es manchmal auch nicht mehr um Inhalte, sondern es ging eigentlich nur um Eitelkeiten und Antipathien – ums Prinzip. Diskutiert wurde nicht allzu viel. Warum eigentlich auch, könnte man fragen. Am Ende überwog natürlich schon der Hintergrund, dass man diese Nazis in Weimar nicht duldete und die einfach vernichten wollte. Und das ging von beiden Seiten aus und schaukelte sich Stück für Stück hoch. Und die Höhepunkte waren dann nach 1990. Aber 1990 am Tag der Wiedervereinigung war es einer der ersten Höhepunkte, weil sich da immerhin eine Gruppe von – ich habe sogar noch die Zahl grob im Kopf – ungefähr 120 Glatzen am Goetheplatz versammelt hatte. Das war der Polizei im Vorfeld bekannt. Die war auch im Grunde genommen sowohl in Erfurt als auch in Weimar schon überall präsent. Weil einfach die Sicherheitslage prekär war und man mit solchen Auseinandersetzungen durchaus gerechnet hat. Die Polizei war darauf also vorbereitet. Und ich bekam von einigen Freunden aus der Gerberstraße die Einladung bzw. die Bitte: „Heute Abend wird es richtig Krach geben, Claus“, das weiß ich noch sinngemäß, „Ab um acht kannst du kommen, wenn du willst.“ Und dann hatten die auch schon so eine Art Zeitplan, wann da ungefähr sozusagen der Überfall einsetzt. Und ich habe das zu diesem Zeitpunkt schon ernst genommen. Aber ich hatte vorher auch schon das eine oder andere Mal Geschichten miterlebt, die schon ein bisschen albern waren. D.h. da wurde großer Zoff angekündigt, und es passierte gar nichts. Weil die Gegenseite nicht aufkreuzte – also weil die Glatzen nicht kamen oder umgekehrt. Aber an dem Abend war das alles andere als lustig. – Ich bin da schon so um sieben da gewesen. Und ich weiß noch, zur Einstimmung – oder eher nicht zur Einstimmung, sondern zur Zerstreuung – lief da noch der erste Teil dieses amerikanischen Films „Gremlins“, diese Gruselkomödie. – Und spätestens halb zehn kam dann aber schon aus der 1. Etage jemand runter und brüllte: „Jetzt gehts los, jetzt gehts los!“ – Und dann wurden die Fenster… – die meisten waren sowieso schon verrammelt, und im Erdgeschoss waren sie zugemauert – und im 1. OG wurden dann alle Fenster, soweit es denn ging, mit Holzlatten o.ä. einigermaßen verbarrikadiert, damit das Glas nicht gleich splitterte. Und ich bekam, das weiß ich noch, so einen Motorradsturzhelm auf, für alle Fälle, und dachte noch: „Was soll denn das? Das ist doch albern.“ – Also so einen richtigen vollen Integralhelm, nicht so ein kleines Ding. – Und ungefähr 10 min später dachte ich mir: „Das ist schon okay, dass du das Ding aufgesetzt bekommen hast“, weil, dann kam schon der ganze Glatzenmob – im Laufschritt, kann man schon fast sagen. Die sind am Anfang alle den Graben, das ist die Straße von der Hauptpost Richtung Gerberstraße, runtergerannt. Und die letzten 20 m davor verlangsamte sich der Zug, und da flogen auch schon die ersten kleinen Pflastersteine, die die Glatzen aus den Fußgängerwegen herausgenommen hatten. – Ich muss der Fairness halber sagen: In dem Raum, in dem ich war, in der Gerberstraße, roch es sehr extrem nach Benzin, d.h. da standen ein paar vorbereitete Mollis – die dann aber doch keiner geworfen hat. – Aber es flogen dann so faustgroße Pflastersteine durch die Scheiben durch. Und ein oder zwei detonierten direkt neben meinem Kopf, aber okay, es hat keinen getroffen. Die Dinger sind durch die Scheiben durch, aber es hat in dem Moment keine Verletzten gegeben. Und dann mit einem Schlag musste irgendeiner von den Glatzen – die waren halt zum Teil auch besoffen, das war, etwas zynisch gesagt, auch ein Trauerspiel – einen Molli aus der Hand fallen lassen, und dann hatte ein anderer eine Zigarette… – Kurz gesagt: Dann hattest du auf einmal wie im Film so eine Benzinspur, aus der dann ziemlich schnell eine Feuerspur wurde, und so ist das Foto entstanden. Weil, ich hatte zwar meine Technik mit dabei, aber das wurde alles nichts, jedenfalls nicht mit Blitz usw. Denn man muss wissen, in dieser Oktobernacht war die Luftfeuchtigkeit so hoch, dass das Blitzgerät auf meiner Kamera so gewirkt hat, als ob ich in Nebel reinleuchte. D.h. man hat gar nichts gesehen. – Es gibt insgesamt zwei Bilder, wo ich den Blitz ausgeschaltet habe – sorry für diese technische Erklärung – und wo dann das Licht nur von diesem Feuer bzw. Molli kam. Eins davon war verwackelt, und das andere habe ich retten können. – Und ein paar Minuten später, nachdem ich die Fotos gemacht hatte, tauchten dann richtige GSG9-Leute auf. Also Polizisten mit Helm und Schild. Und dann auch von allen drei Seiten, also allen drei Straßen, die an der Gerberstraße mehr oder weniger langgehen. D.h. die riegelten richtig den ganzen Bereich ab und drängten dann auch Stück für Stück die Glatzen zurück. Und nahmen dann auch, das haben wir aus der Entfernung mitbekommen, einen Teil hopp. Aber nicht alle natürlich, sondern, ich denke mal, vielleicht fünf oder sechs oder zehn, keine Ahnung. Und alle anderen, also der Rest der Glatzen, verzog sich dann wieder. – So spielte sich das damals ab. – Von der Zeit her war das eine Sache von anderthalb bis zwei Stunden. Also so gegen 11, 12 war dann, so mehr oder minder, wieder entspannte Ruhe, wenn man so will, war der Spuk vorbei, wenn man so will.

Das war so eine Art Höhepunkt. Danach hat es noch Öfters Übergriffe oder streckenweise richtige Straßenkämpfe gegeben. Allerdings kann ich da über die Härte oder über die Dimensionen wenig sagen, weil, da war ich entweder nicht dabei oder kam zu spät. Das kam ja dann nicht so angekündigt, wie es am 3. Oktober war. Das war ja wirklich so, dass das in der Regel spontan passierte. Und das hatte ja auch zur Folge, dass es so eine Ping-Pong-Geschichte wurde. D.h. es gingen Glatzen in die Gerberstraße und versuchten in die Kneipe reinzukommen, was manchmal klappte und manchmal nicht. Und wenn die reinkamen, gab es eine Schlägerei. Da weiß ich aber nichts über die Dimensionen. Und dann passierte das Gegenstück – d.h. es gingen Linke aus der Gerber zu den Glatzen in den Club am Dichterweg. Das ist ungefähr so anderthalb Kilometer von Weimar entfernt. Dort hatten damals die Glatzen ihren Club. Warum da in dem Viertel dieser Club war, weiß bis heute kein Mensch, oder ich jedenfalls nicht. Der Club existierte dort bis ‘93/‘94.

zweiteroktober90: Kannst du etwas über die Leute sagen, die euch an diesem Tag angegriffen haben – außer, dass es „Glatzen“ waren und „Hools“?

Claus: Gar nichts weiter, nein. Was wir nur mitbekommen haben, war, dass das zum größten Teil Leute aus Weimar bzw. aus Thüringen waren. Das hat man vom Dialekt gehört. Also anhand dessen, was wir so an Rufen gehört haben, waren es größtenteils Glatzen aus Thüringen. Und ich habe nie richtig rausgekriegt, ob da vielleicht ein paar Anführer aus dem Westen oder sonst woher kamen. Keine Ahnung. Das schien schon eher so ein hausgemacht organisiertes Teil gewesen zu sein. Das hatte mir dann, glaube ich, auch Volle erzählt. Der wusste das im Vorfeld schon, weil er jemanden kannte, der jemanden kannte, der aus dieser Glatzen-Szene kam – wie das halt in einer Kleinstadt ist. Das ist also schon von lokalen Glatzen, wenn ich das mal so sagen darf, organisiert worden.

zweiteroktober90: Gab es irgendein Nachspiel?

Claus: Dazu kann ich relativ wenig sagen. Also ich selber kenne keine Nachspiele. Das hat aber eher damit zu tun, dass ich das dann einfach nicht weiter mitbekommen habe. Es muss wohl zwei oder drei oder vier Fälle gegeben haben, wo ein paar von den Glatzen wegen „vermehrten Rowdytums“… – oder wie heißt noch mal der Paragraph dazu?

zweiteroktober90: Landfriedensbruch?

Claus: Sowas in der Richtung, genau. – …dann angezeigt worden sind und auch einen Prozess gekriegt haben. Aber das waren relativ wenige, weil, der große Teil war halt die Herde, die mitgezogen ist. – Und das änderte sich ja dann ganz langsam. Wobei ich sagen muss, dass die frühen 90er, die Zeit zwischen ’90 und ’92/’93 die extremste war. Aber dieser dritte Oktober war schon so eine Art Höhepunkt.

zweiteroktober90: Noch mal kurz bzgl. der Ankündigung des Angriffs: War das eigentlich eher so, dass die Leute in der Gerber angenommen haben, dass was passiert? Sozusagen aus Erfahrung? Oder gab es tatsächlich eine Art Vorwarnung?

Claus: Das muss irgendwie in der Szene durchgesickert sein. Ich hab das nur von Volle erfahren. Er war ja einer der Initiatoren der Hausbesetzung in der Gerber und auch derjenige, der in den frühen 90ern offensichtlich über drei, vier Ecken so ein paar Kontakte hatte, durch die das durchgesickert ist. Es war also keine Ansage, aber es ist durchgesickert, dass es an dem 3. Oktober abends richtig krachen würde.

zweiteroktober90: Kannst du etwas über die Größendimension der anderen Angriffen sagen? Waren das deutlich weniger als die geschätzten 120 Angreifer am 3. Oktober?

Claus: Ja, auf alle Fälle. Bei den „alltäglichen“ Übergriffen waren das vielleicht fünf bis sechs Mann. Oder es waren auch mal zwei, drei angesoffene Glatzen, die die nicht sehr romantische Idee hatten, spontan ins besetzte Haus in die Gerberstraße zum Biertrinken zu gehen. Es war also auch manchmal eher so, dass die spontan losgingen und dann nicht unbedingt auf Stress aus waren, sondern eher so auf Frotzeleien. Also zum Teil, wie ich schon gesagt habe, infantil. Zu weiteren richtig geplanten Angriffen in der Dimension vom 3. Oktober kann ich nichts sagen. Dazu müsst ihr noch mal andere fragen. Wenn es noch geplante Sachen gegeben hat, dann waren es mal 10 oder 20, was auch nicht gerade wenig war. Da war dann aber die Polizei bisweilen auch ziemlich fix auf der Matte. Weil, so ein Angriff in der „Dichterstadt“ zum Tag der Wiedervereinigung hat ja einfach auch das ganze Image der Stadt in der „neuen Zeit“ usw. ramponiert. Denn natürlich hat auch die lokale Presse die Angelegenheit entsprechend thematisiert.

zweiteroktober90: Ist dein Foto dann eigentlich auch in der Zeitung erschienen?

Claus: Nein, zunächst nicht. Ich glaube, es wurde später veröffentlicht. Ich glaube, ich habe es ein paar Tage später der Lokalpresse angeboten und dann es ist in die Zeitung gekommen. Aber relativ klein mit einem 10-Zeiler oder so dazu.

zweiteroktober90: Kannst du aus der Anzahl der Nazis bei den Übergriffen einschätzen, wie viele aktive, gewaltbereite Nazis es in Weimar gab? Daraus ließe sich ja vielleicht ableiten, wie viele zum 3. Oktober wirklich angereist waren.

Claus: Also in Weimar hattest du die Situation, dass es einen harten Kern der Neonaziszene gab. In Persona z.B. von dem ehemaligen FDJ-Sekretär und Koch Thomas Dienel. Der hat in Weimar gewohnt. Ich habe damals für eine lokale Illustrierte als Fotoreporter gearbeitet, und die hatte sogar mal ein Interview mit ihm geplant. Allerdings dann ohne Foto – ich wurde wieder ausgeladen. – Dienel hat dann auch einen Prozess gekriegt wegen Volksverhetzung, einige Jahre später allerdings erst. Und der hat in Weimar die Fäden in der Hand gehabt in den frühen 90ern. Er hat allerdings die richtigen Hetz-Veranstaltungen nie in der Stadt abgehalten – schon gar nicht in seiner Wohnung -, sondern meistens auf irgendwelchen Dörfern, im Umland vom Weimar, auf dem Weimarer Land. – Und diese ganze Szene, die sich da am 3. Oktober zusammengerafft hatte, ist offensichtlich die Szene gewesen, die es in Weimar und Umgebung mehr oder minder so gegeben hat. Weil, Erfurt war dann wieder Erfurt und Umgebung; da hattest du auch so eine Struktur. In Jena, wie wir wissen, genauso. So war das aufgeteilt. Also die ganzen Mitläufer oder Büttel oder meinetwegen Angehörige der Szene waren schon über die Städte hinaus auf das Umland verteilt. Und die Stadt Weimar hat natürlich extremen Wert darauf gelegt, dass so eine rechte Szene nicht unbedingt dominant im Stadtraum erscheint. Das ist zwar ab und zu passiert ist – allerdings weniger mit Demos.

zweiteroktober90: Ja, dann vielen Dank für das Interview.

Claus: Bitte!

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