Interview mit Jessica Lindner-Elsner

Jessica Lindner-Elsner stammt aus Eisenach und schreibt am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam ihre Dissertationsarbeit zum Thema „Arbeitsverhältnisse und soziale Ungleichheiten im Automobilbau Ostdeutschlands – Das Automobilwerk Eisenach (AWE) seit den 1970er Jahren“. Am 7. Dezember 2020 hatten wir die Gelegenheit zu einem E‑Mail-Interview mit ihr.

zweiteroktober90: Wie bist du dazu gekommen, zur Situation der mosambikanischen Vertragsarbeiter:innen in Eisenach zu forschen?

Jessica Lindner-Elsner: Im Prinzip kam dies durch die Recherchen für meine Dissertation, in der ich soziale Ungleichheitsverhältnisse untersuche, die im DDR-Betrieb existierten. Ich gehe dabei von verschiedenen Kategorien und Faktoren aus, durch die soziale Disparitäten installiert wurden. Dazu zählen beispielsweise das Geschlecht, die politische Loyalität, aber eben auch die geografische Herkunft. Zunächst standen die ausländischen ArbeiterInnen – MosambikanerInnen und KubanerInnen – jedoch nicht in meinem Fokus, da ich nicht genau wusste, ob es darüber überhaupt belastbare Unterlagen gibt. Nach einer Anfrage an die Außenstelle der Stasi-Unterlagen-Behörde in Erfurt verdichteten sich jedoch die Hinweise zu VertragsarbeiterInnen im VEB Automobilwerk Eisenach (AWE), und ich habe dann gezielt weiter geforscht. Nun nimmt dieser Aspekt in meiner Arbeit einen großen Punkt ein, denn auch für den zweiten Hauptteil meiner Arbeit, in der ich mich mit der Zeit nach dem Mauerfall und damit verbundenen neuen sozialen Ungleichheiten beschäftige, waren die ausländischen ArbeiterInnen in Eisenach präsent und erfuhren weiterhin Benachteiligungen.

zweiteroktober90: Wie ist dein Eindruck von der Arbeits‑, Lebens- und Wohnsituation der Arbeiter:innen?

Jessica Lindner-Elsner: Die VertragsarbeiterInnen des VEB AWE waren in Wohnheimen im Stadtteil Eisenach-Nord untergebracht. Dort lebten sie in Mehrbettzimmern auf wenig Raum zusammen. Erschwerend kam hinzu, dass die ArbeiterInnen beispielsweise in unterschiedlichen Schichten arbeiteten, und so kaum Ruhezeiten gewährleistet werden konnten. Die beengte Wohnsituation führte nicht zuletzt auch immer wieder zu Konflikten unter den BewohnerInnen, aber auch mit den einheimischen NachbarInnen. Männer und Frauen, auch Ehepaare, wurden getrennt untergebracht, und es gab strenge Besuchsregelungen. Für Einheimische war es theoretisch nicht gestattet, die Wohnheime zu betreten, denn diese wurden auch durch einen Pförtner am Eingang überwacht, und dazu gab es Betreuungspersonal. Damit und mit der konzentrierten Unterbringung in Wohnheimen behielten die Betriebe auch außerhalb der Arbeitszeit die Kontrolle über die ausländischen MitarbeiterInnen. Im Betrieb wurden den ArbeiterInnen Arbeitsplätze zugewiesen; sie konnten hier wie beim Einsatzbetrieb überhaupt nicht mitentscheiden. Zumeist bekleideten die VertragsarbeiterInnen Arbeitsplätze, für die wenig Qualifikation nötig war, die aber zumeist durch schwere körperliche und Schichtarbeit gekennzeichnet waren. Viele Quellen legen nahe, dass die Betreuung der AusländerInnen an den Werkstoren aufhörte. In das gesellschaftliche Leben waren sie auch in Eisenach nur so weit integriert, wie es wirtschaftlich nötig war. Immer wieder kam es zu Konflikten in den Wohngebieten, weil sich die MosambikanerInnen und KubanerInnen nicht so verhielten, wie es die AnwohnerInnen für angemessen hielten.

zweiteroktober90: Wie war zu DDR-Zeiten das Verhältnis zwischen deutschen und mosambikanischen Arbeiter:innen und Anwohner:innen?

Jessica Lindner-Elsner: Wie eben vielleicht schon angeklungen ist, waren Kontakte zwischen Einheimischen und VertragsarbeiterInnen eigentlich nur am Arbeitsplatz erwünscht und dort auch gefördert. Nach Arbeitsende bestanden keine oder kaum Kontakte zu den AusländerInnen. Im Betriebsalltag wurden sie weitgehend akzeptiert, aber eine gesellschaftliche Integration war nicht gewollt, weil die Dauer des Arbeitsaufenhaltes von vornherein zeitlich begrenzt wurde. Konflikte entstanden auch wegen des Erwerbs von Konsumgütern – dass sich AusländerInnen beispielsweise Kassettenrekorder kauften und in die Heimat verschickten, rief bei den Einheimischen materielles Konkurrenzdenken hervor. Von einem guten oder positiven Verhältnis kann also nicht für alle Lebensbereiche gesprochen werden.

zweiteroktober90: Wie hat sich die Situation der Arbeiter:innen mit dem Mauerfall geändert und wie ist es dann für sie weitergegangen?

Jessica Lindner-Elsner: Ziemlich schnell nach den politischen Ereignissen im Herbst 1989 wurden die ausländischen ArbeiterInnen zu Konkurrenten erklärt – nunmehr nicht nur um Mangel- und Konsumwaren, sondern die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes spielte hier eine ganz große Rolle. Deswegen wurden mit den veränderten Bedingungen durch die Währungs‑, Wirtschafts- und Sozialunion zum 1. Juli 1990 zunächst marginalisierte Beschäftigungsgruppen aus den Betrieben entlassen bzw. in Kurzarbeit versetzt. In Eisenach waren dies die ausländischen ArbeiterInnen genau wie RentnerInnen. Mit der Deutschen Einheit am 3. Oktober endeten die gesetzlichen Grundlagen für den Arbeitsaufenthalt in der DDR und die meisten VertragsarbeiterInnen verließen bis zum Jahresende die Betriebe und Städte in Richtung Heimat. Doch bis dahin eskalierten an vielen Orten die Situationen, so auch in Eisenach in der Nacht vom 2. Zum 3. Oktober 1990: Einheimische Jugendliche und hessische Rechtsradikale verbündeten sich und bedrängten gewaltsam die ausländischen BewohnerInnen in Eisenach-Nord. Dieser Zustand hielt mehrere Tage an, und weil sich auch immer mehr AnwohnerInnen an den Aktionen beteiligten, entschlossen sich Behörden und Polizei, die AusländerInnen kurzfristig woanders unterzubringen. Der bis zum Mauerfall latent und nur unter vorgehaltener Hand existierende Rassismus brach sich in den Monaten und Wochen nun öffentlich Bahn. Nur wenige Tage nach der deutschen Einheit verließen auch die letzten MosambikanerInnen Eisenach. Fotografien aus dem Automobilwerk belegen jedoch, dass es auch 1991 bis zum Produktionsende noch vereinzelt ausländische MitarbeiterInnen gab. Viele ehemalige VertragsarbeiterInnen sind heute noch benachteiligt durch ihre Arbeit in der DDR, denn Rentenansprüche sind bei vielen immer noch nicht geklärt.

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