Interview mit Torsten

zweiteroktober90: Hallo Thorsten, schön, dass wir heute das Gespräch machen können. Es geht um den Angriff auf das besetzte Haus in Zerbst in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990. Und ich würde gerne mit der Vorgeschichte beginnen. Vielleicht kannst du einfach kurz was über euch erzählen? Wie habt ihr so die Wende erlebt? Wie ist es dazu gekommen, dass ihr in Zerbst ein Haus besetzt habt? Und was wart ihr so für ein Kreis von Leuten?

Torsten: Ja, ich war damals 16 Jahre alt. Also wir waren alle noch relativ jung gewesen. Und ich war damals schon ca. ein Jahr in der Gothic-Szene drin gewesen. Gothic-Szene und natürlich ein bisschen Punk-Szene. Wir waren ein Gruppe von Leuten, die sowohl aus dem Punk- als auch aus dem sogenannten Grufti-Spektrum kamen. Wir haben uns getroffen, weil es schon etwas Außergewöhnliches gewesen ist, wenn wir, so wie wir aussahen, damals zum Marktplatz gelaufen sind. Man könnte sagen, ein dreiköpfiges Alien hätte wahrscheinlich nicht mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen können, zumindest in unserer Kleinstadt. Wir haben uns getroffen natürlich wegen der gleichen Musik und natürlich auch zum Selbstschutz, um einfach irgendwo in Ruhe feiern zu können, um nicht alleine zu sein. Das war erst mal so der Hauptpunkt, warum wir uns getroffen haben, weniger politisch. 

Ja, das muss man so sehen: In der damaligen Zeit, gerade bis zur Wende, war es tatsächlich so, dass politische Themen so gut wie gar nicht Hauptthema waren, sondern da ging es, wie logischerweise bei jungen Leuten, um Rauchen, Musik, Alkohol, Partymachen und natürlich ständige Provokationen mit dem Staat, einfach weil der natürlich – aufgrund der Tatsache, dass wir nun schon besonders aussahen – uns auch gleich als Querulanten angesehen hat. Und wenn man dann zum Beispiel in Magdeburg, wie es bei mir meistens war, ankam, dann konnte es schon passieren, dass man bis zum Hauptbahnhof-Ausgang so bis zu zehnmal seinen Ausweis zeigen musste. Und das hat natürlich zum einen Belustigung bei uns hervorgerufen, zum anderen natürlich auch eine gewisse Antipathie gegen den Staat selber, ohne gleichzeitig den Sozialismus in Frage zu stellen, sondern einfach den Staat als Ordnungsmacht. Und so hat sich die Szene dann entwickelt. 

Gerade Magdeburg war es diesbezüglich interessant. Wir hatten in Magdeburg im Gegensatz zu Berlin zum Beispiel eine Punk-Skinhead-Szene gehabt, die ziemlich stark miteinander verbunden war. Also keine politischen Themen muss man dazu sagen, politische Themen waren da tatsächlich eher im Fußball-Umfeld vorhanden. Und Stress hatten wir mehr mit den Metal-Leuten, weil die teilweise sehr stumpfsinnig waren. Das heißt, am Anfang, wenn man die DDR-Zeit sieht, war zumindest bei uns in der Region Rechtsradikalität oder Rassismus eher bei den Heavy-Metal-Fans zu finden und weniger bei sogenannten Skinheads, weil die relativ selten waren und dann tatsächlich aufgrund der Tatsache, dass sie so wenig Leute waren, automatisch mit jenen, die Iro hatten, in einer Gruppe gewesen sind, um sich gegenseitig ein bisschen zu stärken.

Tatsächlich ist das dann schlagartig gewechselt. Man könnte die Sache ein bisschen so sehen, dass da jemand mit einem Märchenbuch vorbei kommt und sagt: Ein Skinhead muss Nazi sein, und deswegen seid ihr jetzt alle Nazis. Und dann hat es sich tatsächlich auch in Magdeburg innerhalb von einer Woche komplett gedreht. Das heißt, du hast Leute getroffen, die du schon seit Jahren kanntest, die dir gesagt haben, beim nächsten Mal müssen wir uns prügeln. Und da war für mich schnell auch Fußball vorbei gewesen; vorher bin ich noch beim FCM regelmäßig zum Spiel gegangen. Und ab da ging alles eigentlich relativ schnell. Du hast die ersten besetzten Häuser gehabt, als ein Beispiel für uns selber. Und dann kam natürlich für uns die Idee, wir wollen auch ein besetztes Haus haben. Naja, zum einen natürlich, um einen Platz zu bekommen, der einen vor Regen schützt, und wo man vielleicht mal eine Party machen kann, und zum anderen, wo man eine gewisse Absicherung herstellen konnte. Weil, es war schon problematisch, wenn du irgendwo im Wald eine Party gemacht hast oder im Park und dann plötzlich die Faschos kamen. Dann war es immer relativ schlecht mit den ganzen Leuten, die auch relativ unbedarft waren, dort einen Widerstand aufzubauen. Und da wär so ein Haus ein ganz guter Treffpunkt gewesen. Und da haben wir geschaut und haben tatsächlich ein Haus entdeckt. Das war eine alte Offiziersvilla der russischen Armee, relativ weit draußen, vor Zerbst, also noch im Stadtbereich, aber nicht mehr im bewohnten Bereich. Wir hatten Äcker um uns herum, 400–500 m weiter das Stadion und hinter unserem Haus einen kleinen Fluss.

Wir sind dann da rein, haben es ein bisschen fertiggemacht – aber jetzt nicht in der Weise, wie man das sonst von besetzten Häusern kennt. Es hat niemand von uns drin gewohnt, weil die meisten tatsächlich extrem jung waren; der Jüngste von uns war 13, der überwiegende Teil zwischen 15 und 17. Das Haus haben wir, jetzt muss ich überlegen, ca. ein halbes Jahr, bevor die Situation entstanden ist, besetzt. Das war dann auch ein Treffpunkt für viele Leute von außerhalb. Es war eine coole Nummer gewesen. Wir haben das dann natürlich auch abgesichert, haben uns vorbereitet, hatten auch relativ regelmäßig Besuch von Rechtsradikalen, aber alles in einem Limit von 20, vielleicht 30 Leuten. Dann haben wir uns gegenseitig mit Steinen beworfen, da gab’s ein bisschen Theater, und dann sind die irgendwann abgezogen. Und die meisten Auseinandersetzungen haben sich tatsächlich über die Stadt verteilt, wenn du den Leuten begegnet bist. Und aufgrund der Tatsache, dass sich das immer weiter zugespitzt hat, haben wir dann nach und nach die Stadt gar nicht mehr als Terrain gesehen für uns, sondern tatsächlich hauptsächlich das Haus selber. Und man hat halt schon gemerkt, dass es immer mehr wurde. Und aufgrund der Tatsache, dass bei den Angriffen, die wir aufs Haus hatten, wir tatsächlich immer Sieger geblieben sind, hat sich auf der anderen Seite natürlich auch eine gewisse Wut aufgestaut. Dann haben die halt mal Leute aus Dessau, aus Roßlau oder aus Magdeburg geholt. Die sind dann auch nicht weitergekommen, weil wir hatten das Haus so verbarrikadiert, dass der untere erste Stock gar nicht begehbar war, sondern man musste über eine Leiter ins Haus rein, über eine Hängeleiter, die wir einziehen konnten. Wir hatten auch ein System gehabt, wie wir die, wenn wir nicht da waren, dort anbringen konnten, so dass nur wir Zugriff auf das Haus hatten. Wir hatten aber auch nicht wirklich was drin, was sich gelohnt hätte zu klauen oder kaputtzumachen. Das war für uns einfach nur ein trockener Platz.

Ja, das war so der Hauptbereich, und dann gab es halt normalen Ärger, generell, überall. Das muss man einfach so sagen, in Magdeburg gab’s nur Stress. Das lag natürlich auch einfach an der Masse der Leute, gerade was so Olvenstedt anbelangt. In diesem Viertel hast du eigentlich nur noch Nazis gehabt, weil die sich natürlich gegenseitig unterstützt haben. Die hatten einen Freiraum da, konnten machen, was sie wollten. Polizei war nicht vor Ort, hat nichts gemacht, sich nicht getraut. Innerhalb von Magdeburg ist dann das im Kleinen passiert, was im Großen mit ganzen Städten passiert ist. Wer konnte, ist abgehauen, ist dahin, wo was los war. Das war in Magdeburg natürlich Stadtfeld gewesen und der Bereich Knast, Stasi-Knast, den wir da besetzt hatten. Das Problem war aber einfach, dass die Gemengelage in Magdeburg viel heftiger war, aufgrund der Masse an Leuten, Kriminalität und Drogen. Da ging es richtig rund. Das war irgendwann so massiv gewesen, dass sich tatsächlich die faschistischen Gruppen untereinander auf die Mütze gehauen haben, weil die gar keine Gegner mehr gefunden haben. Die Leute haben sich alle versteckt. Und die Leute, die unterwegs waren, die waren so crazy unterwegs gewesen, dass die alle Naselang in Situationen geraten sind, wo sie selber Leuten fast den Garaus gemacht haben. Ja, es war schon eine ziemlich schizophrene Situation. Man musste einfach ständig aufpassen. Und das hat sich natürlich auch in die Kleinstädte verlagert. Dort gab es natürlich noch einen Unterschied: Es kannte sich wirklich jeder. Du wusstest genau, wo die Leute wohnen, die Ärger machen, zum Beispiel. Und da war alles noch ein bisschen unterdrückter und auf die Dorfdissen verteilt. Das haben wir relativ schnell gemerkt, dass man da nicht mehr hingehen sollte. Und dann lief so langsam alles auf diesen Tag zu.

Wir hatten, das muss ich sagen, es tatsächlich nicht auf dem Schirm gehabt, dass das so eine massive Nummer wird. Ich muss im Nachhinein sagen, wenn ich das vorher gewusst hätte, wären wir nicht da gewesen. Wir hatten ja gar keine Chance gehabt, da irgendwie als Sieger rauszugehen aus der Nummer.

zweiteroktober90: Du hast gesagt, dass und wie sich Gewalt entwickelt hat. Kannst du noch mal erklären, wie hoch das Gewaltniveau war vor diesem 2. Oktober, in puncto Bewaffnung etwa oder auch Folgen von Angriffen?

Torsten: Also vor dem 2. Oktober haben sich alle diese Auseinandersetzungen noch in einem gewissen Gewalt-Rahmen gehalten, wo noch nicht übermäßig viel Pistolen, Messer oder dergleichen eingesetzt wurden. Da waren es immer nur Schlägereien, die ab und zu mal, wenn Waffen im Spiel waren, ausgeartet sind. Aber es hielt sich tatsächlich noch im Rahmen. Aber der 2. Oktober war dann wie ein Break gewesen. Weil, in dem Moment ist dann zumindest uns klar geworden, dass es jetzt um unser Leben geht, wenn wir einfach unsere Meinung sagen oder uns positionieren in bestimmten Rahmen. Aufgrund der Tatsache, dass wir dann natürlich ganz anders vorgegangen sind und darauf reagiert haben, ist das Ding natürlich richtig hochgegangen. 

Eine ganz einfach Nummer: Direkt drei Tage nach der Aktion habe ich Besuch gekriegt aus Berlin, von Leuten, die das mitgekriegt haben, dass das bei uns gelaufen ist. Und die haben gleich am nächsten Tag eine Soli-Veranstaltung gemacht und haben da Geld gesammelt, um uns zu unterstützen. Die sind dann mit uns in einen bestimmten Laden gegangen und haben für die komplette Kohle für uns Zeugs gekauft. Die haben gesagt, damit ihr einfach irgendwas habt. Und wir haben das natürlich in der Selbstverteidigung dann auch eingesetzt. Das war ganz klar. Und das gab natürlich Reaktionen. Das Problem für die Rechten war, dass sie das so massiv gemacht haben, dass uns gar keine andere Möglichkeit mehr geblieben ist, als zu reagieren. Und dieses Reagieren hat uns aber auch gezeigt, dass wir die Möglichkeit hatten, da auch einen Widerstand zu tätigen, der erfolgreich ist. Also die haben quasi das angetriggert, was sie nicht hätten antriggern sollen, und ab dem Moment ging’s richtig los. 

Wir haben uns natürlich auch bewaffnet, ist ganz klar. Ich meine, wenn du so eine Situation mal erlebt hast, dann ist dir das alles egal. Wir wussten natürlich auch, die Polizei steht nicht hinter uns. Das heißt, es bleibt nur an uns hängen. Und es ist ja so weit gegangen, dass selbst unsere Eltern zuhause die Baseballschläger an der Tür stehen hatten. Also selbst das Elternhaus hat sich darauf vorbereitet, dass es Ärger gibt und dass die die Wohnung nicht respektieren, was sie ja auch nicht gemacht haben. Bei uns haben sie zum Beispiel im Schlafzimmer bei meinem Bruder und mir Steine reingeschmissen durch die Fensterscheiben und sowas. Oder es gab Schmierereien am Haus. Du wusstest, die kommen abends. Und mir war es dann irgendwann auch einfach egal. Wenn da so eine Situationen entstanden ist, hab ich einen Knüppel genommen, bin rausgegangen und hab mich der Sache gestellt. Und ich hab dann auch gemerkt, dass das tatsächlich nicht der Film war, den die eigentlich fahren wollten. Bis dato haben die gewusst, sie können gut einschüchtern. Aber ab dem Moment ging das halt dann nicht mehr. Und dann haben wir natürlich stetig den Widerstand ausgebaut bei uns. Wir haben dann Kontakt zu anderen Leuten aufgenommen, haben andere Leute unterstützt, haben größere Gruppen gebildet, haben Telefonketten eingerichtet. Wir haben angefangen, uns zu organisieren, aus dem kleinen regionalen Bereich raus erstmal vor allen Dingen im Bezirk Magdeburg. Damals gab es noch diese Bezirks-Kategorien. Dann hatten wir Verbindungen nach Berlin. Da hab ich direkt eine Verbindung zu den Leuten der Mainzer Straße gekriegt, die uns dann unterstützt haben. Dann noch Leipzig. Und wir haben dann teilweise auch die Leute in Halle unterstützt. Da gab’s auch mal ’ne Zeitlang richtig viel Ärger mit Rechtsradikalen am Hauptbahnhof. Und da ist dann das SVK gegründet worden, das sogenannte Skinhead-Vernichtungskommando. Das waren dann Leute zum Beispiel aus dem Punk-Bereich; die ersten Leute, die angefangen haben, zu trainieren, mit einem relativ bekannten Trainer. Und die sind dann tatsächlich los und haben gesagt: Jetzt ist Schluss. Wir wollen jetzt nicht mehr warten, bis jemand bei uns stoppt oder so. Wir müssen jetzt mal klare Kante zeigen. Und ab dem Moment ging’s halt scharf. 

Du hast ja auch in anderen Städten Stress gehabt, zwar nicht in dem Ausmaß. Aber wir hatten dann ja auch relativ gute Verbindungen und haben zumindest am Anfang mit den Leuten über die Situation geredet und denen klarmacht: Passt wirklich auf! Und das hat auch ziemlich gut gefruchtet, weil wir aber auch die richtigen Leute getroffen haben. Die Verbindung ging dann ziemlich weit bis nach Forst, Spremberg hoch, die Ecke. – Das war halt das Ding, es gab noch nicht so viele Leute, die sich so dagegen gestellt haben. Aber diese Leute haben sich halt auch auf den Demos getroffen. Du hast quasi jede Woche eine Demo gehabt und hast da eigentlich immer die gleichen Leute getroffen. Und das hat die natürlich extrem zusammengeschweißt. Ja, das darf man nicht vergessen. Du hast zum einen einen Haufen, der sich die Mühe macht, jedes Wochenende zwei-/dreihundert Kilometer zu fahren. Und gleichzeitig haben diese Gruppen dann zuhause die Basisarbeit übernommen. Sie konnten zu Hause sagen: Passt auf Leute, wir haben hier noch welche im Hintergrund, und wenn wir Ärger kriegen, können wir die anrufen, die unterstützen uns. Und so haben sich dann die Szenen der Gruppen, die sich bei uns mit eingefunden haben, relativ gut entwickelt. So nach dem Motto: Je übler die Nazi-Szene, umso fantasievoller und extremer die Antifa-Szene auch. Das hat sich dann quasi gegenseitig aufgebaut.

Ja, und dann gab’s halt schreckliche Situationen überall, und leider Gottes halt auch Tote. Es sind halt auch genug Leute gestorben. Und die Erlebnisse, die du da hattest mit den Leuten zusammen, das hat noch mal mehr zusammengeschweißt. Wir haben im Endeffekt bei jeder Aktion, die da passiert ist, die schlimm gewesen ist, eine Verfestigung der Szene gesehen. Und, ganz ehrlich, früher war für uns ’ne Antifa-Demo mit 20.000 Leuten normal. Das muss man sich mal heutzutage vorstellen. 20.000 war nichts Besonderes. Aber das war halt deswegen, weil viele Leute involviert waren. Viele Leute waren in der Konfrontation. Viele Leute hatten das gerade als direktes Problem, weil die Polizei nicht da war, weil die Elternhäuser nicht die Möglichkeit hatten, sie zu unterstützen, oder nicht den Willen dazu. Die hatten mit sich selber zu tun oder haben dir halt die Sprüche an den Kopf geknallt: Dann zieh‘ dich anders an, dann haste auch kein Problem. Täter-Opfer-Umkehr, damit haben die Leute alle zu tun gehabt. Deswegen musstest du gucken, dass du dich gegenseitig unterstützt. Du hattest von außen die Antifa-Leute aus Berlin, die jetzt schon ein bisschen länger dabei waren und relativ schnell eine Art Vernetzung hatten mit den Westdeutschen. Das waren die, die uns am effektivsten unterstützt haben, weil die die meisten Erfahrungen hatten mit dem, was da auf uns zukommt. Alle anderen – wir hatten dann auch mal Verbindungen in den Westen rein, Autonome Antifa Emden und so was, aber das war meistens nur Gelaber. Die wollten uns irgendwas erklären, und wir haben uns nur gedacht, ihr müsst uns nichts erklären. Wir kommen von hier. Das ist unsere Situation hier. Wir brauchen erstmal Hilfe, und den Rest können wir später machen. Aber das Gute war, die Berliner haben uns gut unterstützt. Ich hab später dann bis zur Räumung auch noch in der Mainzer Straße mitgewohnt. Und hatte da eine ganz gute Verbindung.

zweiteroktober90: Gehen wir mal zurück nach Zerbst in den Oktober. Der Angriff hat sich ja irgendwie angekündigt. Ihr wusstet, dass irgendwas kommt. Die Polizei wusste anscheinend, dass irgendwas kommt. Kannst du nochmal erzählen, was ihr gewusst habt? Und wie habt ihr das erfahren? Und was hat die Polizei gewusst? Was ist im Vorfeld passiert?

Torsten: Es ist tatsächlich so, dass wir davon ausgegangen sind, dass wir an dem Tag Besuch kriegen. Es  war jetzt nicht so, dass wir von überall Nachrichten bekommen haben, von wegen, die kommen zu euch oder so. Aber wir wussten aufgrund der Situation, die wir vorher hatten, dass sie sich das nicht nehmen lassen würden – haben das aber tatsächlich so eingeschätzt, dass wir mit maximal 50, vielleicht 60 Leuten gerechnet haben. Das war so die Obergrenze, die wir uns hätten vorstellen können, was da an Leuten kommt. Die Polizei wusste Bescheid, hat aber tatsächlich uns persönlich gesagt, dass sie uns nicht unterstützen kann, weil sie nicht genug Leute hat. Also sie war informiert, aber sie war nicht da gewesen. Die sind dann tatsächlich, also der Polizeichef ist an dem Tag, am helllichten Tag zu uns gekommen, mit dem Polizeiauto vorgefahren und hat noch mal geguckt und noch mal gefragt, ob wir uns gut vorbereitet haben. Das war die Situation der Polizei. Wir hatten uns in dem Maße vorbereitet gehabt, dass wir zum einen, halt wie Kids, von der DDR Abschied nehmen wollten. Wir hatten daher ordentlich Alkohol da gehabt. Aber wir hatten uns tatsächlich auch technisch auf das vorbereitet, was da kommt. Wir hatten Molotow-Cocktails. Wir haben uns Zeugs gebaut. Wir haben Barrikaden aufgebaut, die wir vorbereitet hatten vor und hinterm Haus. Das war zum einen, damit wir ein Feuer anzünden konnten, um zu sehen, wer da kommt, zum anderen, um tatsächlich noch mal eine Barriere zu haben, dass die da nicht gleich reinstürzen können. Wir hatten das Haus komplett verbarrikadiert. Wie gesagt, nur über eine Strickleiter ging es hoch.

Wir waren dann –  ich muss dazu sagen, es ist ja nun auch schon eine Weile her –  so mit 14 bis 16 Leuten vor Ort gewesen. Wie sagt, der Jüngste 13 Jahre, der Älteste war glaube ich 23 oder 24. Dann hatten wir noch eine Truppe gehabt, die irgendwo Karate trainiert hat, wo ich jemanden kannte. Die wollten uns unterstützen. Die sind auch draußen ‚rumgerannt und haben erstmal einen auf Helden gespielt. Aber in dem Moment, wo die Faschos gekommen sind, waren die plötzlich weg. Ja, die haben die gesehen, haben gesehen, wie viele das sind, und haben sich sofort verkrümelt. Und die Magdeburger, Berliner und Leipziger, die haben natürlich alle gedacht, dass bei Ihnen zu Hause die Action geht. Es hätte sich ja keiner vorstellen können, dass bei uns die ganzen Truppenteile ankommen. Und dann waren von denen natürlich erstmal keine da. Im Nachhinein dann, als dann tatsächlich in Magdeburg die Information ankam, dass es bei uns am Haus richtig übel knallt, haben sich sofort aus Magdeburg Leute auf die Socken gemacht. Das Dumme war nur, die sind direkt bei uns am Bahnhof von den Faschos schon abgefangen wurden, weil die schon damit gerechnet hatten, dass Leute zur Unterstützung kommen. Und es war ja noch die Zeit, wo nicht jeder ein Auto hatte, wo die meisten immer mit dem Zug gefahren sind. Und die haben direkt, wo die aus dem Zug rauskamen, sofort Auseinandersetzungen gehabt auf dem Bahnhof selber, und konnten dann aber tatsächlich den Faschisten da Paroli bieten, so dass die sich da verkrümelt haben, und wir sie dann später noch treffen konnten. Aber die haben dann auch gesehen – das waren vielleicht sieben oder acht Leute gewesen – die haben von weitem gesehen, was bei uns am Haus los ist. Und da muss ich ganz ehrlich sagen, und das hab ich denen später auch noch mal gesagt, es war gut, dass sie nicht gekommen sind in dem Moment. Weil, das wäre wahrscheinlich richtig böse ausgegangen, wenn die sich da mit 7–8 Leuten vor 300 Leute gestellt hätten. Und sie hätten uns ja auch nicht helfen können im Endeffekt. Und die haben sich dann halt zurückgehalten, haben halt gewartet. Und die kamen dann, wo sie uns ins Krankenhaus gebracht haben, beim Krankenhaus an. Wo die Leute, die laufen konnten und weggehen konnten, rauskamen. Da war ich schon froh und fand ich auch ziemlich cool, dass sie sich auf die Socken gemacht haben. Denn die Nachrichten, die die gekriegt haben, die haben sich halt echt scheiße angehört. Und die wussten, da mit 7–8 Leuten aufzutauchen, das ist schon ’ne Nummer. Und so waren ja die Leute auch im Endeffekt. Also wir haben uns da wirklich auch in solchen Situationen, in Extremsituation unterstützt. Wenn wir wussten, es gibt richtigen Ärger, dann sind wir da trotzdem hingefahren. Es war ein wichtiger Aspekt gewesen. Und deswegen hast du gerade aus der Zeit doch noch relativ viele Leute, die noch dabei sind. Weil das gefestigte Leute sind einfach. Die haben das nicht gemacht, weil sie mal ’ne lustige Zeit haben wollten, als Student mal ein bisschen Antifa spielen oder so was. Sondern die sind da reingewachsenen, und das war eine Selbstverständlichkeit gewesen und auch ein wichtiges Ding, mal tatsächlich zu sagen, das können wir hier nicht so akzeptieren und wir können hier nicht ständig wegrennen.

Ja, und das Theater dann selber. Also, wie gesagt, wir haben nicht damit gerechnet, dass es so viele sind. Wir saßen oben, haben gefeiert, und irgendwann haben wir ein Geräusch gehört. Wir gucken raus und sehen von weitem – das war, wie gesagt, so ein Ackergelände gewesen auf der einen Seite – da sehen wir dann eine übelste Menschenschlange kommen, Fackeln an. Und von weitem schon: „Hängt sie auf!“, „Macht sie kalt!“, also völlig aufgeheizte Stimmung, Sieg-Heil-Gebrülle. Und die kamen dann quasi auf uns zu. Wir haben dann die restlichen Leute mit reingenommen ins Haus, haben uns vorbereitet auf die ersten Angriffe. Und, ja, dann ging’s halt los. Die haben halt erst versucht, ins Haus reinzukommen, und das haben sie natürlich nicht geschafft. Wir haben dann mit allem, was uns zur Verfügung stand, auf die Leute eingeballert. Haben unsere Barrikaden angebrannt, haben das Set, das wir durchziehen wollten, schon noch durchgezogen. Und es war dann tatsächlich auch so, dass recht viele von denen in der ersten Halben-/Dreiviertelstunde verletzt abgehauen sind, weil in dem Suff, in dem die da hingegangen sind, haben die natürlich auch nicht aufgepasst. – Und als das aber nach zwei, drei Stunden nicht aufgehört hat, da wussten wir schon, dass da ein bisschen mehr kommen wird wahrscheinlich. Naja, und irgendwann hat’s dann jemand, von dem ich auch den Namen weiß, geschafft, unten mit zwei anderen Leuten ein Fenster aufzuhacken, im Erdgeschoss. Er ist dann rein in den Raum mit ’nem Kanister, und hat dann dort, wo er nicht weiter gekommen ist, an der Tür, die wir verbarrikadiert hatten, Feuer gelegt. Und dieses Feuer hat sich dann verbreitet. Und nach relativ kurzer Zeit, nach meinem Empfinden war es vielleicht eine Viertelstunde, dann hat das Haus halt gebrannt, einfach durch die Sogwirkung. Das war ja ein relativ großes Haus gewesen, und da hat es sich relativ schnell verbreitet.

Wir haben uns dann nach und nach aufs Dach verzogen, also erst noch ins oberste Geschoss. Da haben wir noch … Um auch die Situation zu sehen … Es waren ja dann alle wie im Wahn gewesen … Ich musste dann meinen Bruder … Ich musste dann noch mal runter in den zweiten Stock, weil mein Bruder immer noch am Fenster stand, immer noch mit seinen Steinen geworfen hat. Und ich hab dann mit meinem Bruder auch überlegt, und da haben wir dann noch mal dort Steine geworfen, bevor wir dann wirklich aufs Dach gegangen sind. Und da ist es uns dann erst bewusst geworden, dass das die falsche Richtung war im Endeffekt, dass du da jetzt erstmal nicht mehr runterkommst. Alkohol war natürlich auch im Spiel, die Aufregung, das Adrenalin. Die Leute haben sich da oben auf dem Dachsims festgehalten. Das ging da, puh, 22 Meter runter, und keiner hat gewusst, was jetzt passieren soll. Alle saßen da und haben sich gegenseitig angeguckt. Das Feuer kam immer höher, es wurde immer heißer. Wir hatten noch das Glück gehabt, dass Wind da war, so dass wir nicht im Qualm gesessen haben, sonst wären wir da wahrscheinlich mit ’ner Rauchvergiftung runtergeplumpst oder so. Wir wären da wirklich nicht mehr aus der Nummer rausgekommen.

Und dann kam tatsächlich die Feuerwehr. Erstmal. Also wir haben die Feuerwehr von weitem gesehen. Die kamen hingefahren, dann haben sie angehalten, und dann sind sie umgedreht und wieder nach Hause gefahren. Und wir saßen da oben auf dem Dach und dachten, ey, was ist denn jetzt los. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass die angehalten worden sind von den Leuten, die da waren, und die haben denen halt erzählt, hey, bleibt entspannt, das ist bloß ’ne Party, die machen da nur ein kleines Feuerwerk. – Feuerwehr wieder umgedreht, und wir saßen auf dem Dach, haben die da wegfahren sehen und haben die wildesten Spekulationen im Kopf gehabt, was jetzt passiert ist, warum das passiert ist. Und in dem Moment kam eine Freundin von uns, die zu der Zeit im siebten, achten Monate schwanger war. Die kam da um die Ecke und hat gesagt, hey Leute, das geht gar nicht, ihr müsst die Feuerwehr rufen, hört auf und so. Die haben sie bedroht mit Eisenstangen. Glücklicherweise sind sie dann nicht so weit gegangen, sie tatsächlich anzugreifen. Sie hat es auf jeden Fall geschafft, die Feuerwehr wieder anzurufen, und sie hat der Feuerwehr dann auch gleich gesagt, Leute, wenn ihr euch da nicht beeilt, dann habt ihr im nächsten Jahr nur eine Geschichte bei euch in der Zeitung, und das sind 16 tote Menschen, also macht, dass ihr Land kriegt, und nehmt die Polizei mit. Naja, und die Feuerwehr ist gekommen.

… Also wir saßen halt oben … Und haben uns natürlich schon überlegt, was machen wir jetzt … Weil, verbrennen wollte keiner, und runterspringen wollte auch keiner … Und da wir ja auch genug Gruftis dabei hatten, hatten wir natürlich auch Rasierklingen am Start gehabt … Wir haben dann die Rasierklingen verteilt und wollten uns eigentlich die Pulsadern durchschneiden und … [längere Pause] …  Ja … Genau dann kam die Feuerwehr doch noch mal … Und die haben … Also es ist halt übelst … [längere Pause] … Auf jeden Fall hat man Hoffnung gehabt, wusste aber nicht, wie die uns da runterholen wollen … Wir haben gewusst, dass die keine Rettungsleitern oder so was hatten … Und dann sind die halt gekommen … Die Kripo musste … [längere Pause] … Die Kripo musste halt mit gezogener Waffe dorthin kommen. Die hat halt den Platz geräumt, hat gedroht zu schießen. … Und dann sind sie halt gekommen und haben gesagt, passt auf Leute, wir haben ein Kissen da, und dieses Kissen ist  aber nur für fünf Meter Höhe ausgelegt, ihr seid über 20 Meter hoch. Sie haben dann gesagt, wir sollen die Kleinen zuerst runterschmeißen, weil sie sich nicht sicher sind, ab 70, 80 Kilo, ob das Ding überhaupt hält. Und wenn es kaputt geht, dann war’s das gewesen. Dann mussten wir oben … [längere Pause] … mussten wir eine Entscheidung treffen. Und dann haben wir zuerst den Kleinen genommen, also den ganz Kleinen von uns. Der sollte das halt testen. Der ist runtergesprungen, und es hat alles gehalten. Und dann bin ich runtergesprungen, weil ich unten gucken wollte wegen der Faschos. Ich hab mich dann runterplumpsen lassen und war auch der einzige gewesen, der sich da nicht verletzt hat, weil ich relativ optimal unten aufgekommen bin. Bin aber 3–4 Meter weitergeflogen und hatte eine gewisse Zeit zu tun gehabt, bis ich wieder zu mir kam. Hatte aber, wie gesagt, keine Verletzungen gehabt. Die anderen Leute, die runtergesprungen sind, haben sich teilweise die Kreuzbänder gerissen, die Jochbeine zerschlagen, sind teilweise in der Hocke aufgekommen. Zwei Leute sind fast wieder ins Feuer reingeflogen, weil da so ein Fenster war auf der Seite … [längere Pause] … Naja, am Ende hatten wir zwei Leute vermisst … Und da wussten wir nicht, dass die im unteren Stock waren. Und die hatten es geschafft abzuhauen, also rauszuspringen, als es gebrannt hat. … Und da dachten wir erst noch, die wären da drin gestorben … [längere Pause] …

Naja, irgendwann sind wir halt dann ins Krankenhaus gebracht worden, wegen der vielen Verletzten. Und als wir dort rausgekommen sind, kamen die ersten Faschos wieder an. Und dann bin ich halt zur Polizei gegangen und hab gesagt, passt auf Leute, ihr müsst uns hier nach Hause bringen, sonst gibt’s hier Stress … Naja … Die haben gesagt, sie können’s nicht machen … Dann bin ich halt zu ’nem Kumpel gegangen, der aus Magdeburg da war, hab gefragt, ob er seine Knarre dabei hat, hab die Knarre genommen, bin zu den Faschos hin und hab denen erstmal das komplette Magazin ins Gesicht gerotzt … Und die sind dann halt abgehauen glücklicherweise, und so hatten wir an dem Abend dann erstmal keinen Stress mehr weiter … [längere Pause] …

Ja, das ist auf jeden Fall bei mir immer noch emotional ziemlich tief drin, einfach, weil die Situation so verrückt gewesen ist … Das waren alles Leute, die wir zum Teil kannten, denen haben wir nie was getan oder so, einfach nur andere Musik gehört … Und das war so der Moment gewesen, wo ich, ja, ein Gefühl dafür gekriegt habe, wie es in Kriegssituationen ist … Ja … Das war dann für uns … der Tag der Wiedervereinigung … [längere Pause] …

zweiteroktober90: Was ist denn danach passiert? Gab es eine Diskussion in der Stadt? Gabe es irgendwelche politischen Folgen? Irgendein juristisches Nachspiel? Ermittlungen?

Torsten: Gar nichts, gar nichts. Keine Diskussionen, kein juristisches Nachspiel. Gar nichts. Überhaupt nichts … Als ob’s nicht passiert ist … Es stand dann nur noch im Zerbster Stadtanzeiger. Da haben sie es in einer Jahresübersicht als quasi „Höhepunkt“ des Jahres mit reingenommen. Aber es gab keinerlei Aufarbeitung. Es gab nur persönliche Aufarbeitung. Also egal, was wir machen wollten, wenn was wir klären wollten, das mussten wir alles selber klären.

zweiteroktober90: Was heißt persönliche Aufarbeitung?

Torsten: Das will ich nicht sagen. Das will ich gern für mich behalten.

zweiteroktober90: Ok. – Wie ist das für die Leute weitergegangen, die da alle mit auf dem Dach oben waren? In den Jahren danach, und überhaupt?

Torsten: Ja, also, ich sag mal, über die Hälfte ist danach weiterhin in der Szene gewesen. Wir hatten natürlich auch 2–3 Leute, die dadurch so geschockt waren, dass sie sich komplett rausgenommen haben. Und man muss auch sagen, gerade so die nächsten 1–2 Jahre ist es dann ein bisschen auseinandergegangen. Jeder hat versucht abzuhauen aus der Stadt, keiner hat da mehr Bock drauf gehabt. Jeder hat dann irgendwo angefangen zu studieren. Der eine ist Musiker geworden, der andere ist Rechtsanwalt geworden oder Ingenieur. Also die haben fast alle was aus sich gemacht auf jeden Fall. Aber tatsächlich sind von denen, die damals dabei waren, wohl aktuell in Zerbst nur zwei Personen. Der Rest ist eigentlich weg.

zweiteroktober90: Du hast in einem anderen Gespräch erwähnt, dass sich damals Beteiligte das Leben genommen haben, später?

Torsten: Eine Person. Also von einer Person weiß ich es, einer jungen Frau, die bei uns dabei war. Ich kann aber nicht wirklich sagen, ob das auch damit was zu tun hatte. Ich hatte 6–7 Jahre keinen wirklichen Kontakt mehr zu ihr, außer, dass wir uns mal auf einer Veranstaltung gesehen haben. Ansonsten hatte ich mit ihr so nichts zu tun. Deswegen kann ich das nicht wirklich sagen. Ich denk mal, es hat definitiv auch ein bisschen was damit zu tun, weil das Erlebnis einfach mal zu einschneidend war. Wenn man versucht, den Leuten zu erklären, was das Extreme an der Nummer war, ist das tatsächlich der Unterschied zwischen: du denkst, du könntest sterben, und: du weißt, du wirst sterben. Das war dieser Unterschied. Keiner von uns hat … Als die Feuerwehr da weggefahren ist, hat keiner von uns geglaubt, dass wir da runterkommen. Für uns war in dem Moment klar, wir müssen jetzt hier sterben. Wir kommen hier nicht aus der Nummer raus. Runterspringen brauchst du nicht, brichst du dir das Genick. Verbrennen willst du nicht. Und dieser Moment war extrem gewesen, gerade wegen unserer jungen Leute. Ich hab unsere jungen Leute angeguckt, und das war … [längere Pause] … Ich hab mir halt auch ein bisschen vorgeworfen, dass ich das nicht hab kommen sehen, dass das so eskaliert. Und das hat auch ganz starke Auswirkungen gehabt auf mein Verhalten, mein späteres Verhalten, in Aktionen, oder wenn wir was machen wollten. Dieses: Verantwortung übernehmen und wissen, wie übel das ausgehen kann. Das macht schon was mit einem. Das hat mich eigentlich bestimmt in dem, was ich später gemacht habe. Dieses eine Erlebnis war richtungsweisend auf jeden Fall.

zweiteroktober90: Du hast schon ein bisschen erzählt, dass ihr viele von den Angreifer:innenn eigentlich kanntet, also mit denen aufgewachsen seid. Aber es waren ja auch irgendwie, du hast gesagt, 300–400 Leute. Also was waren das für Leute?

Torsten: Also die, die ich … Ich kann nur über die Leute reden, die ich kannte, und im Endeffekt kann ich, glaube ich, sagen, war meine vollständige Schulklasse dort vor Ort gewesen. Leute, die wir aus der Schule kannten. Und dann viele aus diesem Heavy Metal-/Fußball-Klientel, was dann so arg ins Rechtsradikale abgerutscht ist. Und dann natürlich auch noch, was wir später erfahren haben, Nazis aus Magdeburg, aus Roßlau und aus Dessau. Die haben die unterstützt dabei. Das war so die Hauptcrew gewesen. Weil in Magdeburg waren schon so viele Faschos am Start, dass sich die Skin-Truppenteile was anderes suchen wollten, weil die sich da teilweise schon in die Quere gekommen sind.

Das war so der Hauptanteil an Leuten, den ich da erkannt habe. Aber da darf man natürlich auch nicht vergessen, es war Oktober, es ist relativ früh dunkel geworden. Deshalb hatten wir uns ja auch mit den Barrikaden und dem Öl vorbereitet, weil wir dann im Dunkeln dort was reinwerfen wollten, um den Vorplatz zu erhellen, um zu sehen, ob sich da jemand anschleicht. Aber das hatte sich ja dann von alleine erledigt, weil die ja auch alle Fackeln und sowas dabei hatten. Also das sah schon aus, wie so ein Scheiß Lynchmob aus dem Mittelalter. … [längere Pause] …

zweiteroktober90: Erinnert sich heute noch irgendjemand an dieses Ereignis? Wird darüber gesprochen? Das ist ja ein ziemlich krasses Ereignis gewesen. Ist das in Zerbst irgendwo Thema oder überhaupt?

Torsten: Also in Zerbst … Ob das nun in den Familien ab und zu noch mal Thema ist, kann ich dir echt nicht sagen. In der Öffentlichkeit auf gar keinen Fall. Und unter uns ist es tatsächlich nur Thema, wenn sich die alten Leute treffen. Also wenn man halt mit Leuten zusammen ist aus der Zeit. Einfach weil wir zusammen einen Haufen schräge Nummern erlebt haben, und das war ja quasi so die erste große Nummer, mit der sich das dann alles so entwickelt hat. Und es ist ganz selten auch noch mal Thema, wenn es um bestimmte Leute geht, die dabei gewesen sind oder so. Aber das ist alles ein persönlich-internes Ding und geht halt nicht in die Breite. 

Also es gab keine Reflexion über das, was damals passiert ist – wie die Leute alleine gelassen wurden, wie die Strukturen eigentlich waren, auch vom Staat, was der da quasi an unterlassener Hilfeleistung geliefert hat. Das ist niemals im Gespräch gewesen. Und das merke ich ja auch heutzutage. Wenn ich heute z.B. höre: „Wehret den Anfängen“, dann krieg ich einfach nur Pickel im Gesicht. Weil ich denke: Was heißt denn hier „Anfänge“? Wie lange wollt ihr denn noch warten? Angefangen hat das ’89, die Vorläufer gab’s schon vor ’89, aber da ging das los. Das war schon … Ich will gar nicht wissen, wo noch überall Sachen passiert sind, über die keiner geredet hat. Die nie Thema waren, weil es halt irgendein Dorf war, weil es halt irgendeine kleine Kreisstadt war, die keine Verbindung nach irgendwo hatte. Und dann auch als Zehn gestorben sind … In diesem Moment … Weil dieses Risiko, was du da eingehst, da musst du dir einen Kopf machen. Weil, die haben ja nicht vor dir Halt gemacht, sondern die sind ja bis zu deinen Eltern gegangen. Die haben sich ja alles gegriffen, was irgendwie eine Verbindung mit dir hatte. Wenn sie dich nicht erwischen konnten. Und das war dann schon teilweise sehr, sehr krass gewesen und hat sich ja auch in Zerbst dann richtig übel weiterentwickelt. Dass wir dann auch … Wenn wir uns getroffen haben, dann haben wir Molotow-Cocktails in den Hosentaschen gehabt. Damit sind wir ganz gewöhnlich durch die Stadt gelaufen. Und die sind auch geworfen worden. Also wir hatten da Situation gehabt, wo dann Mollis geworfen wurden, weil es einfach nicht mehr anders ging. Weil du nicht aus der Nummer rausgekommen wärst. 

Das war schon eine ziemlich adrenalin-lastige Geschichte auf jeden Fall. Auch für unsere Eltern, für alle. Weil die wussten ja auch nicht … Wenn wir abends losgegangen sind, wussten die ja auch nicht, kriegen die einen Anruf, dass du im Krankenhaus liegst oder … bist weg oder so. Ist ja alle Nase mal passiert. Und da war es dann auch für uns ganz wichtig, uns unseren Eltern zu entziehen, einfach aus dem Bereich rauszugehen. Zum einen, um dann nicht mehr den Stress ans Familienhaus zu liefern. Weil für uns natürlich klar war, wir werden uns die Haare nicht abschneiden, wir werden da nichts dran ändern, das muss halt sein einfach. Das hat dann auch viele von uns dazu bewogen, relativ schnell da weg zu sein. Also ich kenne eigentlich fast keinen – zumindest von den Leuten, die später auch dabeigeblieben sind – die dort geblieben sind. Ich hab nur zwei Leute – die waren auf der anderen Seite, die sind dann später bei uns gewesen -, die waren dann noch relativ lange in Zerbst, sind aber jetzt auch alle in Leipzig.

[…]

zweiteroktober90: Ja, das war jetzt ein langes Gespräch … Danke dafür.

Torsten: Bitte, bitte.