Interview mit Volle

zweiteroktober90: Hallo Volle, in der Nacht zur Wiedervereinigung gab es auch in Weimar einen Angriff, auf das besetzte Haus in der Gerberstraße 3. Bevor wir jetzt direkt dazu kommen, würde ich gerne mit dir noch ein bisschen über die Vorgeschichte sprechen. Also, erzähl doch mal: Wie ist es überhaupt zu der Hausbesetzung gekommen? Woraus hat die sich entwickelt? Was habt ihr vorher so gemacht?

Volle: Na, besetzt haben wir am 16. März, also offiziell 17. März 1990. Und die Leute kamen eigentlich alle so aus der Punk-/Antifa-Szene, die es auch lange vorher schon gab, und wurde initiiert von einem engen Kreis von 5–6 Leuten, die ein paar Nächte vorher schon rein sind und die Installationen halbwegs in Ordnung gebracht haben. Am 17. März, einen Tag vor der Volkskammerwahl, haben wir das öffentlich gemacht. War auch so von Stadt und Behörden her unkompliziert, die waren mit anderen Sachen beschäftigt. Ja, und dann waren wir erst mal drin.

Und dann ging es halt sehr schnell, also sprich Ostern ’90, ich weiß nicht mehr genau, was das für ein Datum war, aber da sind das erste Mal Nazis vorm Haus aufgetaucht und haben uns versucht da auszuräuchern. Und dann so jedes 2./3. Wochenende ging das wieder los. Und wir waren sozusagen logistisch dann irgendwann auch eher wehrhaft (lacht). Also hatten auch immer Nachtwachen. So wir wussten schon, dass die uns auf dem Kieker haben. In der Stadt auch, aber das Haus speziell natürlich auch. Wir haben halt dann irgendwann, ich weiß nicht mehr, im April glaub ich, die Kneipe eingerichtet gehabt, also sprich das Haus aufgemacht für Leute aus der Stadt. Da waren dann auch schon sehr früh Konzerte und Veranstaltungen. Ging alles ziemlich schnell und war auf jeden Fall sehr schnell ein Faktor in der Stadt. Aber damit eben auch Feindbild für bestimmte Leute.

zweiteroktober90: Du hast eben schon angerissen, dass es schon relativ schnell zu Angriffen von Nazis kam auf das besetzte Haus. Vielleicht kannst du nochmal ein bisschen erklären, wie sich so die Gewalt, die von den Neonazis ausging, oder natürlich auch die Gegengewalt entwickelt hat, schon in den 80er Jahren, und wie dann auch die Angriffe sich entwickelt haben, nachdem das Haus besetzt wurde.

Volle: Naja, es gab ja eine relativ große Punk-Szene in Weimar. Aber so in den Neubaugebieten und auch sonst ein bisschen gab es halt auch in den späten 80ern schon eine Menge Birnen einfach und auch da schon gelegentlich immer wieder Kloppereien. Und nach Maueröffnung, sag ich mal, oder als dann so die Staatsmacht sich zurückgezogen hat, sind die halt sehr massiv, nicht nur in Weimar, das kennen wir ja aus dem ganzen Osten, aus ihren Löchern gekommen. Und wir waren sowieso schon auf der Straße. Zum Teil kannten wir die ja noch aus der Schule oder aus der Lehre oder so. Wir waren ja manchmal zusammen im Kindergarten und haben uns nur unterschiedlich entwickelt. Also die Kloppereien gab es vorher schon, und wir hatten nur eben relativ schnell uns so einen Freiraum genommen. Die dann später auch, in so einem Randgebiet. Ja, und dann ging es entweder auf der Straße ab, oder die sind halt, wenn sie mal ganz viel gesoffen hatten oder mal mehr als drei waren, dann vorm Haus aufgetaucht und haben versucht, uns die Scheiben einzuschmeißen oder die Tür anzubrennen oder was auch immer sie sich vorgestellt haben. Und wir haben halt zugesehen, dass die nicht reinkommen, weil, die waren schon gerne auch mal mehr als wir. Wenn die gezielt losgezogen sind, und wir das nicht vorher wussten, dann waren wir gerne auch mal weniger. Also manchmal auch deutlich weniger (lacht). Also so zugemauerte Fenster unten im Parterre und Gitter oben vor den Fenstern waren schon ganz hilfreich. Und eine Stahltür haben wir uns auch sehr schnell zugelegt. Die zum ersten Stock, die ist immer noch drin (lacht).

zweiteroktober90: Und es gab ja ein größeren Angriff zur Fußball-WM 1990. Kannst du da nochmal erklären: Wie ist es dazu gekommen? Und wie konntet ihr den abwehren?

Volle: Naja, die deutschen Fußballer haben ja da gewonnen in diesem Endspiel ’90. Und da gab es halt so eine Siegesfeier auf dem Goetheplatz, das ist so einer von den zentralen Plätzen in Weimar. Und da waren – das Ding wurde zufällig sehr gut dokumentiert von Studenten, die dort zufällig waren – da waren ungefähr 1000 Leute, davon 400 organisierte Nazis, also FAP-gesteuert. Und die haben es halt geschafft, den ganzen restlichen Mob, siegestrunken wie sie waren, vor die Gerber zu lotsen, mit dem klaren Vorhaben, jetzt die Zecken platt zu machen. Wir waren in der Nacht ungefähr 30 da drin und eigentlich auch nur, weil uns alle Fußball nicht interessiert hat und wir halt irgendwo hingehen wollten. Und es waren auch mehrere Kubaner da, die richtig Schiss hatten. Und irgendwann haben wir halt mitgekriegt, dass die die Straße runterkommen. Und dann haben wir halt alles verrammelt, was ging, und haben alles rausgeholt, was wir so bereitgestellt hatten an Wurfgeschossen und so. Ja, und dann haben wir das halt mit allem, was wir hatten, abgewehrt – bis dann so eine Kette von 10 Volkspolizisten kam (lacht), und die sich nun eher totgelacht haben. Und nach zwei Stunden kam dann irgendeine Einheit aus Hessen, die eigentlich noch gar nicht da hätten sein dürfen, so rechtlich gesehen – war ja immer noch DDR. Aber in dem Moment, muss ich sagen, war ich relativ froh, dass die kamen und das geklärt haben, weil, wir hatten einfach kaum noch was, um uns zu verteidigen. Das sah zwischendurch so richtig scheiße aus für uns. Die Größenordnung war schon verdammt ungleichmäßig, also so 30 gegen 1000 war schon nicht so geil. Naja, das war halt so diese Fußballgeschichte. Und daraufhin haben wir halt dann ziemlich gezielt auf diesen Wiedervereinigungstag, plus alle möglichen anderen organisierten Angriffe, die Abwehrmaßnahmen weiter ausgebaut. Also wir waren nicht unvorbereitet am 2. Oktober. Uns war schon klar, die werden kommen. Und es ist ja auch so gekommen.

zweiteroktober90: Wie hat sich dieser Angriff vom 2. Oktober vorher angekündigt? Wie habt ihr überhaupt davon erfahren? Und hat die Polizei das vorher auch gewusst?

Volle: Ach, mit der Polizei hatten wir nichts zu tun. Also erstens, wie gesagt, wir lebten ja zusammen in derselben Stadt und die ist klein. Und es gab ja gemeinsame Bekannte. Und wir hatten damals auch noch – zumindest im Verhältnis zu denen -, immer noch die Zivilbevölkerung wirklich auf unserer Seite. Taxifahrer, die uns auch so an den Wochenenden immer gefunkt haben, wenn sich irgendwo irgendwelche Nazigruppen gesammelt haben bei uns in der Nähe. – Buschfunk, einfach Buschfunk. Dass die wirklich gezielt genau an dem Tag ganz symbolträchtig die Gerber plattmachen wollten. Und da haben wir tatsächlich richtig gezielt auf den Tag Hindernisse aufgerichtet; die hätten wir im Alltag da nicht stehen lassen können, weil die uns auch selber behindert hätten im Wohnen. Aber so hatten wir mehrere Barrikaden, bevor die überhaupt im Treppenhaus gewesen wären.
Kleiner Fun Fact: Wir hatten auch zwei Leute da, die waren zu Ostzeiten Personenschützer bei der Stasi (lacht). Die haben wir unten im Flur hinter die erste Barrikade gestellt. Da war ein ganz enger Durchgang, wo es nur Eins-zu-Eins ausgegangen wäre, also hätte passieren können. Und die hatten Bock, sich mit Nazis zu prügeln. Und die standen da unten.

zweiteroktober90: Ihr habt euch vorbereitet, und dann kam es zu dem Angriff. Erzähl doch nochmal: Wie ist das abgelaufen?

Volle: Naja, also sonst sind sie ja immer von oben gekommen, also vom Goetheplatz oder von der Altstadt über die Marstallstraße. Diesmal sind sie aber von oben, von unten und von hinten vom Brühl aus gekommen. Das war wirklich offensichtlich ganz gezielt. Die haben ja auch aus ihren Erfahrungen ein bisschen gelernt. Wir aber auch. Und wir haben halt mit allem geworfen, was wir hatten. Wir hatten auch so eine kleine Überraschung für die. Jemand von uns hatte in der Desinfektion in der Klinik gearbeitet, und da gab es so ein Desinfektionsmittel, und das hatten wir halt Tage vorher, richtig mit Gasmasken, bei uns im Haus in so Bockwurstgläser – wir haben damals in der Kneipe noch Bockwürste verkauft – gefüllt. Und da haben wir halt dieses Desinfektionszeug 1:10 gemischt und in die Schraubgläser abgefüllt – und als die dann kamen halt denen vor die Füße geworfen. Also du hast dann einfach geheult, sofort. Das hat die Augen gereizt ohne Ende. Und die wussten ja nicht, was es ist. Die haben dann „Gas“ geschriehen und hatten totale Panik. Aber die waren halt wieder viele, so 300–400 Leute, und die wollten es auch alle wissen diesmal. Da waren jetzt keine besoffenen Fußballhools dabei, das waren wirklich alles Nazis, die genau uns wollten. Ja, und dann halt erst die Pfandflaschen, äh, die Nicht-Pfandflaschen, dann die Pfandflaschen, diverse Pflastersteine, und als wir gar nichts mehr hatten, auch die Dachziegel. Also alles, was die irgendwie auf Distanz halten konnte, haben wir dann eingesetzt. Und es sind zweimal welche unten vor der Tür gewesen, die ist geschützt von oben. Aber da hatten wir halt vorher wirklich eine Stahlplatte auf die Tür geschweißt, so dass da nichts passiert. Also eigentlich waren wir relativ safe, rein baulich. Aber wenn sie irgendwie eine Lücke gefunden hätten – naja, das wollen wir uns jetzt nicht ausdenken. So war das, so ein Belagerungszustand eben, bis dann irgendwann eine Hundertschaft aus Fulda kam und den Spuk beendet hat.

zweiteroktober90: Kannst du ein bisschen was über das Gewaltniveau sagen? Also inwiefern waren auch die Nazis bewaffnet? Und haben sich Leute da verletzt an dem Abend?

Volle: Ja, also neben mir an dem Fenster hat einer einen Stein vor den Kopf gekriegt. Die hatten Mollis ohne Ende. Aber an so einer Hauswand macht ein Molli halt nicht viel. Die haben die auch fallen lassen vor ihren eigenen Füßen in ihrer Panik und ihrer Blödheit und haben sich selber angezündet. Mollis hatten wir nun kaum, oder eigentlich in der Nacht, glaube ich, gar keine. Es gab ja auch vorher immer wieder Szenen. Wenn sie einen von uns in der Stadt erwischt haben, dann gab es halt „Bordstein fressen“, also wirklich dann Gesicht auf den Bordstein und dann von hinten auf den Kopf treten, dass dir der Kiefer bricht. Das gab es alles. Also da waren schon ein paar richtige Arschlöcher dabei. Da sind ja auch so Dienel und so bekannte Namen dabei gewesen. Also es war schon klar, wenn die uns in die Finger kriegen, dann geht das unter Umständen richtig scheiße aus. Wir hatten halt die Mauern auf unserer Seite und eine halbwegs organisierte Selbstverteidigung.

zweiteroktober90: Nachdem dieser Angriff gelaufen war, hatte das dann irgendwelche juristischen, politischen oder sonstigen Konsequenzen? Gab es irgendwelche Diskussionen im Nachhinein? Oder hat sich das einfach eingereiht in eine Geschichte der Gewalt, die keinen mehr groß gestört hat?

Volle: Naja, das war ehrlich gesagt die letzte große Nummer. – Es gab, also auch mit der ganzen Vorgeschichte, die Stadt oder gewisse Kräfte in der Stadt, die immer wieder mit der Begründung, dass wir ja als Reizpunkt dienen würden und vor dem Haus der Ärger passiert, argumentierten, dass wir dort raus müssen. Weil, wir wären ja Schuld, dass der Ärger passiert, und dass die dahin kommen. Du konntest dabei wirklich die Trennlinie ziehen zwischen CDU, FDP und allen anderen Parteien. Die SPD war damals ein bisschen dazwischen. Aber die haben wirklich versucht, uns mit dem Argument da rauszukriegen. Ich hab dann aber mal vorm Stadtrat eine Rede gehalten und hab gesagt: „Was bildet ihr euch denn ein? Wenn wir weg sind, dann gehen sie zum ACC.“ Das ist so eine Art Galerie, aber eben auch eher nicht so in deren Weltbild passend. „Oder die gehen zum C.Keller am Markt“, also wo die ganzen Kiffer immer schon gehockt haben – schon auch nette Leute, aber eher so hippiemäßig drauf. „Und vom C.Keller bis zu eurem scheiß Rathaus sind es auch keine 100 Meter. Was denkt ihr denn? Die suchen sich irgendjemand. Seid doch froh, dass wir das abfangen.“ Dem haben sie jetzt nicht so zugestimmt, aber so richtig ein Gegenargument hatten sie auch nicht. Also haben die uns dann in Ruhe gelassen. Aber die Birnen haben die nie irgendwie an den Wickel gekriegt. Nie. Es gab mal ein paar Wochen vorher einen Molli-Angriff auf ein Haus in der Friedensstraße, das war auch besetzt. Da wussten wir aber, wer es war, und dann sind wir zu dem seinen Meister gegangen und haben gesagt: „Bäckermeister, der hat uns einen Molli in die Bude geschmissen.“ Und dann hat der Meister den genommen, der war auch sein Onkel gleichzeitig, und hat ihm einfach vor unseren Augen eine geballert. Das war die einzige Sanktion, die jemals passiert ist nach Angriffen auf unsere Häuser. Also so von Bullenseite gar nichts. An dem Abend sind die noch rein. Zwar ruhig, aber wollten eben gucken, ob wir Waffen haben. – Hatten wir nicht. Zumindest haben sie sie nicht gefunden. Steine hatten wir auch keine, weil die alle schon auf der Straße lagen. Und da ist nichts weiter passiert, aber die haben auch selbst da noch so getan, als hätten wir dieselbe Mitschuld wie die, die da unten rumrandaliert haben.

zweiteroktober90: Kannst du ein bisschen was über die Nazis sagen, die an dem Abend vor der Gerberstraße waren? Du meintest ja auch, ihr kanntet euch teilweise von früher. Und du erwähntest auch die FAP, die vorherige Angriffe mit organisiert hat.

Volle: Na, die FAP-Geschichte, das war ja im Sommer bei der Fußball-WM, und die waren nicht aus Weimar. Aber es gab halt in Weimar-West wirklich eine harte Clique, mit Dienel, und der andere hieß so ähnlich, Dietel oder so. Der ist immer in so einem Camaro rumgefahren. Also wirklich harte Prügelnazis. Weimar-West ist so ein Platten-Ghetto. Viele von denen sind dann nach der Wende nach Köln oder nach Mülheim gegangen. Das hat sich dann so aufgelöst oder ist teilweise in Parteistrukturen, also NPD, FAP, übergegangen. Oder sie sind einfach kriminell geworden. Aber das war halt so ein Jahrgang – die sind alle so um 1970 geboren, waren also sehr jung zu dem Zeitpunkt – die wollten es halt tatsächlich auch wissen. Die aus Weimar, klar, die haben wir selbst mit Hassi wiedererkannt. Es gab diese legendäre Szene, als einer von uns, der mit dem Betreffenden in der Klasse war, meinte: „Müller, du kannst deine Hassi abnehmen, ich erkenn dich an deinen abstehenden Ohren.“ Also so etwas gab es schon. Aber die hatten auch Kontakte nach außen und haben für solche Aktionen dann auch Leute von außerhalb geholt. Also entweder aus dem Landkreis oder wirklich Organisierter aus größeren Städten. Da konnte man Einzelne erkennen, aber wirklich nur Einzelne. Das war nicht alles aus Weimar, also lange nicht. Die waren halt nur so der Andockpunkt. Und die haben quasi den Scout gemacht, wo das zu bearbeitende Ziel sich befindet. Also das war schon organisierte Nazischeiße.

zweiteroktober90: Es wird ja in den letzten Jahren mehr über diese Neonazigewalt vor allem auch die zur „Wendezeit“ und danach gesprochen. Und man tendiert dabei in Diskussionen, finde ich, ein bisschen dazu, immer die Nazis als die Bösen und die schlimmen Täter darzustellen, und die armen Linken und die Migrant:innen sind dann so die Opfer in der Erzählung. Nun hast du aber auch gesagt, ihr habt euch da ziemlich tatkräftig gewehrt. Würdest du da so ein eindeutiges Verhältnis sehen? Oder gab es da auch richtig Gegenwehr von euch und von anderen in der Stadt?

Volle: Also generell war es schon so, dass wir – also gerade um die Gerber herum oder auch andere Projekte, auch auf den Dörfern ringsum – dass wir schon eher konstruktiv waren und versucht haben Strukturen aufzubauen. Aber es gab halt – das war ein paar Jahre später – den Fall Mellingen, wo auf jedem Ortseingangsschild stand: „National befreite Zone“. Und da gab es eine Kneipe, wo die sich immer getroffen haben und von wo aus die auch in die Stadt gekommen sind, und dann entweder einzelne Leute klargemacht haben oder die Gerber angegriffen haben. Und da sind wir dann tatsächlich mal mit 15 Autos hingefahren und haben die Bude platt gemacht. Aber das war meines Wissens – ich bin halt ’91 nach Berlin gegangen und kenne da jetzt nicht mehr alle Details – so die einzige quasi „präventive“ Aktion, dass wir losgegangen sind und uns die geholt haben. Weil eigentlich hatten wir Besseres zu tun, als uns mit diesen Vollidioten zu beschäftigen. Das waren einfach nur Sackgänger, die waren lästig. Und nicht nur uns, sondern irgendwann auch den Vertragsarbeitern, die da waren, und den ersten Türken, die dann kamen. Das hat aber in Weimar sehr lange gedauert. Da waren ja kaum irgendwelche Leute, die nicht deutschstämmig waren, außer jetzt Studenten. Aber die haben sich dann auch in Gegenden bewegt, wo sie den Nazis eher nicht begegnet sind. Und die sind eigentlich auch gar nicht so viel aus ihren Ghettos heraus gekommen – also Weimar-Nord, Weimar-West, so Plattenbausiedlungen. – Also wir haben die jetzt nicht gesucht. Die Innenstadt war unser, das war einfach so. Und die waren halt in ihren Ghettos. Und da kam aber dann dazu, dass gerade nach Weimar-West irgendwann die Russlanddeutschen kamen – und die haben das dann geklärt (lacht). Die haben dieselbe Sprache gesprochen, nur die Russlanddeutschen waren einfach viel brutaler, also die Jugendlichen. Und dann waren dann da irgendwann auch kaum noch Nazis dahinten.
zweiteroktober90: Magst du jetzt zum Abschluss nochmal kurz erzählen, wie es so mit dir weitergegangen ist nach dem Angriff und auch mit der Gerberstraße?

Volle: Na, mit der Gerberstraße, das ist ja bekannt, die gibt es immer noch. Ist alles gut, sag ich mal. Also ist natürlich nicht alles gut. Aber sie besteht noch und hat noch denselben Spirit und hält sich extrem tapfer jetzt schon 30 Jahre lang. Da passiert viel, und es hat sich gelohnt, das alles so zu machen, ganz klar.

Ich bin, wie gesagt, dann nach Berlin, und dann war ich wieder mal in Weimar, da hab ich auch in der Gerber gewohnt. Dann bin ich noch mal nach Berlin, also in die Kreutziger jeweils, in Friedrichshain, das ist eine Parallelstraße von der Mainzer. Das Haus war auch besetzt früher und ist jetzt eine Genossenschaft. Und inzwischen wohne ich in der Stünzmühle bei Eisenberg. Hausprojekt. Die sind alle ganz doll viel jünger als ich. Aber es ist cool. Ich mach eigentlich genau das gleiche immer noch weiter und krieg zwischendurch immer mal Kinder und zieh die groß. Und die Großen drei sind auch alle mehr oder weniger durch die Gerberschule gegangen und machen irgendwo in der Welt ihr Ding. Es geht weiter. Es gibt zu tun.

zweiteroktober90: Ja, danke für das Interview.

Volle: Gerne.