Peter Richter: 89/90 (Auszug)

In seinem Wenderoman „89/90“ beschrieb Peter Richter 2015 die Stimmung unter den Dresdner Hausbesetzer:innen. Zu Beginn erfährt der Ich-Erzähler, Schüler an einer Dresdner Schuler, über einen Mitschüler während des Unterrichts von den Plänen der Neonazis:

„W. erzählte, wir hatten Biologie, dass die Nazis in der Stehbierhalle am Wasaplatz schon recht konkret über ihre Pläne für den 2. Oktober sprächen. Ich habe da Kumpels von der Pferderennbahn, sogenannte Turffreunde, Zocker, da spiele Politik keine Rolle, da gehe es rein im rennsportlichen Sinne um Stammbäume, um Sieg-Wetten, großen wie kleinen Einlauf, aber am Rande all dessen habe er das eben doch mitbekommen: Die seien da ganz unmissverständlich. Den Vorabend des Beitritts zur Bundesrepublik wollten die Kameraden, so der W., angemessen feiern, und jetzt rate mal, mit wem? Mit euch! Ist das nicht herrlich?

Den Angaben des W. zufolge wollten die gegen zehn oder elf Uhr am Abend durch die Neustadt marschieren, ein paar Nachtcafés abfackeln oder besetzte Häuser und dann, Punkt zwölf, zeckenfrei in die deutsche Einheit… So hätten sie das formuliert. Er sage es ja nur. Könnte mich ja interessieren.

Hören Sie auf zu schwätzen, rief, in der Abenddämmerung ihrer einstigen Autorität, Klassenlehrerin J.

Keinen Mucks habe ich gesagt, protestierte routiniert, der W.

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Ich habe nicht einen Augenblick an dem gezweifelt, was W. da erzählte. Der 3. Oktober, der Tag, den sie sich ausgeguckt hatten für die Sause, praktisch genau ein Jahr, nachdem die Züge mit den Botschaftsflüchtlingen aus Prag durch den Hauptbahnhof gerollt waren, fiel auf einen Mittwoch.

Am Samstag davor hielt ich eine kleine Ansprache im Café Planwirtschaft vor den versammelten Abordnungen aller besetzten Häuser in der Neustadt. Ich erzählte, was W. mir erzählt hatte. Es war das erste Mal, dass ich vor so vielen Leuten sprach, es kostete Überwindung, ich hatte Furcht, für einen Wichtigtuer gehalten zu werden. Aber die Leute sahen den Ernst der Lage.

Wir diskutierten die Strategien und Taktiken, die uns zu unserer Verteidigung gegen einen zahlenmäßig überlegenen und an moralischer Verkommenheit nicht zu überbietenden Gegner zur Verfügung standen.

Wir kamen unter Anleitung von Z. zu folgendem Ergebnis: Die Sperren und Fallen in den Eingängen der besetzten Häuser werden dergestalt verstärkt, dass Eindringline Tonnen von Stahl aufs Haupt bekommen.

Es werden außerdem kleine, mobile Kampfeinheiten von nicht mehr als fünf Mann gebildet, die jeweils aus einem bestimmten Hauseinagang heraus operieren sollten und sich in der komplexen Struktur von Hinterhöfen, Mauern und Dächern in ihrem jeweiligen Abschnitt blind zurechtfanden.

Sind die feindlichen Horden einmal im Operationsgebiet, werden sie partisanenmäßig aus den Hauseingängen heraus und von den Dächern herab attackiert. Setzt der Gegner in die Dunkelheit der Hinterhöfe nach, wird er dort vernichtend geschlagen, sei es, weil sich dann dort Überzahlsituationen ergeben, sei es durch unsere bessere Kenntnis des Geländes.

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Später, als schon ziemlich viel Bier getrunken war, schwadronierten einige von Bass-Boxen, die man im Boden verbauen müsste, unter den Gullideckeln, von Trockeneisnebeln und von Stroboskop-Lampen, sobald die Rechten angriffen, müssten Beats losballern, My house is your house, and your house is mine und solche Dinger, dass denen Hören und Sehen und so weiter.

Es blieb bei den kleinen, mobilen Gefechtseinheiten, bestimmten Z. und die, die mit ihm nüchtern geblieben waren.

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Am Dienstag, 2. Oktober 1990, letzter Tag im Leben des Landes, in das wir hingeboren worden waren, gingen wir vormittags zur Schule wie immer, und nachmittags besorgte ich die Flaschen und die Geschirrtücher, und die V. kam ohne den vereinbarten Kanister mit dem Benzin.

Ihr sei unterwegs aufgegangen: Das ist Wahnsinn. Und: Ich bringt doch niemanden um!

Ich sagte: Musst du wissen, tschüss, ich hab zu tun, und ging selber Benzin kaufen.

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Wenn man Brandflaschen Molotowcocktails nennt, hat man gar nicht das Gefühl, dass das wirklich Waffen sind. Ich hatte außerdem aber auch eine Zwille am Gürtel und einen ganzen Beutel mit Muttern und eine Walther PP mit Leuchtspurmunition. Meine Bemühungen, eine scharfe Pistole zu bekommen, waren erfolglos geblieben. Weder im Russen-Magasin noch im Erotik-Shoppingcenter hatte mir da weitergeholfen werden können. Das war ärgerlich. Es würde auf die Brandflaschen ankommen. Wir bauten sehr viele, unsere Hände rochen wie Tankstellen, gesund war das nicht, aber notwendig. Ich hatte in der Nacht davor, beim Einschlafen, Nazis vor mir gesehen, wie sie Feuer fangen, in Flammen stehen, in ihren Scheißbomberjacken zusammenknistern, und das war ein sehr, sehr tröstliches Bild gewesen.

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Als schließlich die Sonne zum letzten Mal unterging über dem ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden, dem kleinen Scheißland, das aber irgendwie dann doch das unsere war, bezogen wir unseren Posten, deponierten die Munition und hielten uns bereit. Ich lag mit Z. und D. und zwei anderen an der Ecke Louisenstraße auf Lauer. Ich weiß nicht, wie Ernst Jünger das wirklich empfunden hat, im Schützengraben an der Westfront, aber gleichzeitig darauf zu warten, dass es losgeht, und zu hoffen, dass man drum herum kommt, ist eine quälende Sache. Wir erzählten uns Witze, plauderten über Musik, Gransch, erklärte der kleine D., das neue Ding im Westen, Gransch, wir hatten noch nichts davon mitbekommen, so wie er es beschrieb, war das Punkrock für Heulsusen, Z. verzog das Gesicht und mahnte zur Wachsamkeit.

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Als um halb elf immer noch kein Angriff erfolg war, ließ die Disziplin merklich nach. Die Ersten verließen ihre Posten, um ein Bierchen trinken zu gehen, und irgendwann standen auch wir nur noch auf der Alaunstraße rum und schwatzten. Es war eine verdammte Straßenparty. Mir war nicht klar, wie wir wieder zu unseren Posten zurückfinden sollten, wenn jetzt doch der Überfall kam. Aber der ließ auf sich warten.

Stattdessen kamen W. und A. vorbei, sie saßen in dem Jaguar von R. und hatten einen Motorradhelm dabei, den sie mir rausreichten: Meine Mutter habe den für mich mitgegeben. Sie kriegten sich kaum noch ein vor Lachen. Du sollt dir den Kopf warm halten, wenn du mit deinem Knüppelchen die Einheit verhinderst. Sie bekamen meinen Mittelfinger zu sehen. Z. wolte gleich richtig durchgreifen, das Auto umkippen, sonst was, aber ich konnte ihn davon abhalten: Lass gut sein, Dicker. Ich war froh, dass das Baby woanders stationiert war, sonst wäre das vielleicht brenzliger geworden. Und in Wirklichkeit lag das Baby da schon seit Stunden hinter einer Wasserpfeife und war ganz lieb und lallte schwer.

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Noch härter war, dass S. vorbeikam, mit einer neuen Kirsche im Arm, die hatte einen Ohrring in der Zunge. Das ist kein Ohrring, sagte S., das ist was Sexuelles. Dann zog er weiter, ganz bestimmt nicht auf irgendeinen Wachposten.

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Z., du Ei, sag mal, machen wir heute hier noch irgendwas?

Der kleine D., die Nervensäge.

Und Z.: Ja, mir einen keulen.

Seine Unterlippe bebte.

D: Ich frag ja nur, weil es ist gleich zwölf.

Es war wirklich wie Silvester. Als es so weit war, wurde alles kurz ein bisschen lauter, tatsächlich sah man in der Ferne ein paar Raketen, und dann war alles wie vorher, und wir waren, ohne uns vom Fleck bewegt zu haben, in einem anderen Land.“

Peter Richter: 89/90, München: Luchterhand Literaturverlag 2015, S. 401–406.

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