Eisenach

Am Abend des 2. Oktober 1990 und an den Folgetagen griffen bis zu 100 Personen – thüringische und hessische Neonazis mit Unterstützung der Anwohner:innen – das Wohnheim der mosambikanischen Vertragsarbeiter:innen in Eisenach-Nord an…

Eisenach

Am Abend des 2. Oktober 1990 und an den Folgetagen griffen bis zu 100 Personen – thüringische und hessische Neonazis mit Unterstützung der Anwohner:innen – das Wohnheim der mosambikanischen Vertragsarbeiter:innen in Eisenach-Nord an. Da die Angriffe über mehrere Tage anhielten und die Polizei die Situation nicht in den Griff bekam, evakuierte die Stadt letztlich das Haus.

Die Situation der mosambikanischen Vertragsarbeiter:innen

Wie vielerorts in der DDR waren auch die ausländischen Vertragsarbeiter:innen des VEB Automobilwerke Eisenach abgeschottet von der deutschen Bevölkerung unter widrigen Bedingungen in einem eigenen Wohnheim untergebracht. 

In einem Interview mit uns beschreibt die Historikerin Jessica Lindner-Elsner die Situation wie folgt:

„Die VertragsarbeiterInnen des VEB AWE waren in Wohnheimen im Stadtteil Eisenach-Nord untergebracht. Dort lebten sie in Mehrbettzimmern auf wenig Raum zusammen. Erschwerend kam hinzu, dass die ArbeiterInnen beispielsweise in unterschiedlichen Schichten arbeiteten, und so kaum Ruhezeiten gewährleistet werden konnten. Die beengte Wohnsituation führte nicht zuletzt auch immer wieder zu Konflikten unter den BewohnerInnen, aber auch mit den einheimischen NachbarInnen. Männer und Frauen, auch Ehepaare, wurden getrennt untergebracht, und es gab strenge Besucherregelungen. Für Einheimische war es theoretisch nicht gestattet, die Wohnheime zu betreten, denn diese wurden auch durch einen Pförtner am Eingang überwacht, und dazu gab es Betreuungspersonal. Damit und mit der konzentrierten Unterbringung in Wohnheimen behielten die Betriebe auch außerhalb der Arbeitszeit die Kontrolle über die ausländischen MitarbeiterInnen. Im Betrieb wurden den ArbeiterInnen Arbeitsplätze zugewiesen; sie konnten hier wie beim Einsatzbetrieb überhaupt nicht mitentscheiden. Zumeist bekleideten die VertragsarbeiterInnen Arbeitsplätze, für die wenig Qualifikation nötig war, die aber zumeist durch schwere körperliche und Schichtarbeit gekennzeichnet waren. Viele Quellen legen nahe, dass die Betreuung der AusländerInnen an den Werkstoren aufhörte. In das gesellschaftliche Leben waren sie auch in Eisenach nur so weit integriert, wie es wirtschaftlich nötig war. Immer wieder kam es zu Konflikten in den Wohngebieten, weil sich die MosambikanerInnen und KubanerInnen nicht so verhielten, wie es die AnwohnerInnen für angemessen hielten.“

Interview von zweiteroktober90.de mit Jessica Lindner-Elsner vom 7. Dezember 2020

Mit dem Umbruch von 1989/90 gehörten die Mosambikaner:innen zu den ersten entlassenen Arbeiter:innen:

„Ziemlich schnell nach den politischen Ereignissen im Herbst 1989 wurden die ausländischen ArbeiterInnen zu Konkurrenten erklärt – nunmehr nicht nur um Mangel- und Konsumwaren, sondern die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes spielte hier eine ganz große Rolle. Deswegen wurden mit den veränderten Bedingungen durch die Währungs‑, Wirtschafts- und Sozialunion zum 1. Juli 1990 zunächst marginalisierte Beschäftigungsgruppen aus den Betrieben entlassen bzw. in Kurzarbeit versetzt. In Eisenach waren dies die ausländischen ArbeiterInnen genau wie RentnerInnen. Mit der Deutschen Einheit am 3. Oktober endeten die gesetzlichen Grundlagen für den Arbeitsaufenthalt in der DDR und die meisten VertragsarbeiterInnen verließen bis zum Jahresende die Betriebe und Städte in Richtung Heimat.“

Interview von zweiteroktober90 mit Jessica Lindner-Elsner vom 7. Dezember 2020.

» das komplette Interview


Der Angriff vom 2. Oktober 1990

Vor diesem Hintergrund spitzte sich schon in den Tagen vor dem 2. Oktober 1990 die Stimmung gegen die Mosambikaner:innen zu. Ein Zeitzeuge, der damals als Kind im selben Viertel wohnte, beschrieb die Situation uns gegenüber wie folgt:

„Damals war ich zwar erst sieben Jahre alt aber daran erinnere ich mich noch gut. Schon zwei Tage vor dem 3. Oktober gab es im Plattenbaugebiet Eisenach-Nord Hetzjagden von Glatzen auf Arbeiter aus Mosambik und Kuba. Bei uns gegenüber am Nordplatz befand sich ein Wohnhaus, das von Vertagsarbeitern bewohnt war. Dort sammelte sich Abends der Mob und grölte Naziparolen, so um die hundert Faschos und „normale“ Jugendliche, vieleicht auch mehr. Sobald jemand aus dem Haus kam, wurde er angriffen, sodass sich die Leute kaum noch raus getraut haben.“

Ein Zeitzeuge, der anonym bleiben möchte, am 2.10.2020 in einer E‑Mail an zweiteroktober90.

Auch für den Abend des 2. Oktober 1990 schildert der Zeitzeuge einen größeren Angriff:

„In der der Nacht zum 3. Oktober durfte ich Mitternacht mit auf den Balkon das Feuerwerk anschauen. Nach 0 Uhr zog der Nazimob wieder vor das Haus. Sie schmissen mit Bierflaschen die Scheiben ein und schossen Raketen aufs Haus. Dann wurde ich ins Bett geschickt. Die Nazis wurden laut Erzählung meiner Eltern irgendwann von der Polizei auseinander gejagt und hingen dann an der Bushaltestelle Otto-Grothewohl-Str. (heute: An der Tongrube) ab, brüllten weiter ‚Deutschland den Deutschen‘ und griffen teilweise wahllos Leute an.“

Ein Zeitzeuge, der anonym bleiben möchte, am 2.10.2020 in einer E‑Mail an zweiteroktober90.

In der Südthüringer Zeitung hieß es am 6. Oktober 1990 unter dem Titel „Krawalle in Nord“:

„In den frühen Morgenstunden des 3. Oktober kam es im Bereich Eisenach-Nord zu Tätlichkeitne gegen dort wohnhafte ausländische Mitbürger, die von Einheimischen provoziert wurden. Nach bisherigen Ermittlungen sind die mocambiquanischen Bürger beschimpft und tätlich angegriffen worden.“

Polizeibericht: „Krawalle in Nord“, in: Südthüringer Zeitung, 6.10.1990.

Die Aktionen gingen laut Zeitungsangaben aus von „einheimischen, offensichtlich der rechtsradikalen Szene zuzuordnenden Jugendlichen“1Rüdiger Paura: „Dialog statt Konfrontation“, in: Südthüringer Zeitung, 6.10.1990. und „den von hessischen Rechtsradikalen angeleiteten Jugendlichen“2„Zum Schutz vor jungen Deutschen: Mocambiquaner werden umquartert“, in: Eisenacher Tagespost, 8.10.1990.. Ein Zeitzeuge spricht von ca. 100 Angreifer:innen und Unterstützer:innen.


Tagelange Angriffe und Räumung des Wohnheims

Die Angriffe setzten sich am Abend des 3. Oktober 1990 fort. Dabei entstand Zeitungsberichten zufolge eine pogromartige Stimmung, in der auch Anwohner:innen die Angriffe unterstützen und die Polizei behinderten und attackierten:

„Ähnliche Ausschreitungen wiederholten sich am Abend des gleichen Tages [des 3. Oktober 1990, Anm.], aber in wesentlich schärferer Form. Die Einsatzkräfte der Polizei hatten Schwierigkeiten, die Lage in beiden Fällen unter Kontrolle zu bringen, zumal sich am Abend auch einige Bewohner des Hochhauses bemüßigt fühlten, die Beamten mit Blumentöpfen, Blechbierfässern und anderen Gegenständen zu bewerfen.“

Polizeibericht: „Krawalle in Nord“, in: Südthüringer Zeitung, 6.10.1990.

„Nach Angaben des VPKA sind die Einsatzkräfte der Polizei in Eisenach-Nord mehrfach von unbeteiligten Bürgern an ihrer Arbeit gehindert worden. Man habe sie mit Blumentöpfen, Blechbierfässern und anderen Gegenständen beworfen. […] Schaulustige werden gebeten, sich von eventuellen Schlägerein fernzuhalten, um mit ihrer persönlichen Neugier nicht den Polizei-Einsatz zu behindern.“

„Zum Schutz vor jungen Deutschen: Mocambiquaner werden umquartert“, in: Eisenacher Tagespost, 8.10.1990.

Die Gewalt eskalierte in den folgenden Tagen weiter – mit Ankündigung:

„Aus Kreisen deutscher Bürger ist inzwischen bekannt geworden, daß weitere ‚Aktionen‘ geplant sind. Die Polizei ruft alle Bürger auf, sich nicht an solchen Willkürakten zu beteiligen. Die Betroffenen ließen mitteilen, daß ihrerseits keine Konfrontation gesucht wird.“

Polizeibericht: „Krawalle in Nord“, in: Südthüringer Zeitung, 6.10.1990.
Die Südthüringer Zeitung berichtet am 6. Oktober 1990 von den anhaltenden Angriffen in Eisenach-Nord.3Südthüringer Zeitung, 6.10.1990.

Angesichts dessen entschloss sich die Stadtverwaltung, das Heim zum Abend des 5. Oktober 1990 zu evakuieren und die mosambikanischen Arbeiter:innen an einen anderen Ort zu bringen:

„Um der Polizei die schwierige und bisher kaum beherrschbare Situation zu erleichtern (siehe auch Polizeibericht) hat sich Hauptamtsleiter Horst Schirmer entschlossen, die ausländischen Bürger an einem anderen Ort in Sicherheit bringen zu lassen. Diese Blitzaktion sollte unter großtmöglicher Geheimhaltung bis gestern 18 Uhr abgeschlossen sein.“

Rüdiger Paura: „Dialog statt Konfrontation“, in: Südthüringer Zeitung, 6.10.1990.

Am 14. Oktober 1990 mussten die mosambikanischen Vertragsarbeiter:innen Deutschland nach Zeitungsangaben verlassen.4„Zum Schutz vor jungen Deutschen: Mocambiquaner werden umquartert“, in: Eisenacher Tagespost, 8.10.1990.

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