Jena

In Jena wurde am Abend des 2. Oktober 1990 das besetzte Haus KL 58, in dem sich das Autonome Jugendzentrum befand, angegriffen. Die Neonazis verwüsteten das Gebäude, so dass es in der Folge von den Besetzer:innen aufgegeben wurde…

Jena

In Jena wurde am Abend des 2. Oktober 1990 das besetzte Haus KL 58, in dem sich das Autonome Jugendzentrum befand, angegriffen. Die Neonazis verwüsteten das Gebäude, so dass es in der Folge von den Besetzer:innen aufgegeben wurde.

Vorboten

Das Haus in der Karl-Liebknecht-Straße 58 in Jena-Ost war im Februar 1990 besetzt worden. In der KL 58 hatte anschließend das Autonome Jugendzentrum seinen Ort, das sich am 30. Mai 1990 offiziell ins Vereinsregister eintragen ließ.

Die KL 58 wurde schnell zur Zielscheibe von Neonazi-Angriffen. Auf der Internetseite der Gruppe „Infoladen Schwarzes Loch“ hieß es dazu: 

„diese [Neonazis] beteiligten sich sofort an überfällen, z.b. zu himmelfahrt 1990 auf das besetzte haus karl-liebknecht-str. 58. an diesem tag überfiel eine gruppe von 25 nazis das haus und zerstörte ein teil der einrichtung. die besetzerInnen wurden nicht verletzt, weil sie im garten saßen und nicht sofort bemerkt wurden. auch war die polizei relativ schnell vor ort und nahm fast alle nazis fest, die gefesselt auf einen lkw geworfen(!) wurden. am 20.4.1990 fand eine größere ‚führergeburtstagsfeier‘ in einer laubenpieperkneipe am birnstiel statt. es waren etwa 100 nazis aus jena beteiligt und eine reichskriegsfahne gehißt. etwa 40 von ihnen zogen richtung jena-ost zum besetzten haus. allerdings war die polizei schneller und nahm an einer straßensperre 30 von 40 nazis fest. da das in der nähe der kl 58 geschah, hatte mensch vom dach des hauses einen großartigen ausblick auf das geschehen…“

„über die entwicklung des rex. in jena mitte der 80er bis anfang der 90er jahre“, Online: infoladen.de/il/sljena/archiv/nazis%20in%20jena.htm
Die Urkunde über die Eintragung des Autonomen Jugendzentrum ins Vereinsregister am Kreisgericht Jena.
Von einem Besucher aus dem besetzten Haus in der Karl-Liebknecht-Straße 58 in Jena-Ost heraus fotografiert: Neonazis beim Angriff am 24. Mai 1990.1Foto: ThürAZ.

Auch zum 2. Oktober 1990 war ein Neonazi-Angriff in Jena angekündigt worden. Statt ausreichend Schutz zu organisieren, rieten die Behörden den Besetzer:innen, ihr Haus zu verlassen: „Am 2. Oktober dann, am Abend vor der deutschen Einheit, verließen die ‚Autonomen‘ ihr Domizil. Der Dezernent Stephan Dorschner riet ihnen dazu, da Magistrat und Polizei erneut Gewalttaten befürchteten.“2„Ein Traum wurde radikal zerschlagen. Zentrum der linken Autonomen ‚aufgemischt‘ von Rechten“, in: Thüringer Landeszeitung, 23.10.1990. S. 5. Die Besetzer:innen aus der KL 58 entschieden sich dazu, ihr Haus bestmöglich zu verbarrikadieren und sich dem Schutz eines anderen besetzten Hauses, des Kassablanca im Villengang 2a, anzuschließen.


Der Angriff auf das besetzte Haus KL 58

Die Neonazis griffen am Abend des 2. Oktober 1990 die KL 58 an. Wie viele es waren, ist nicht bekannt, aber aus den vergangenen Angriffen lässt sich eine Zahl von um die 25 annehmen. Sie drangen in das Haus ein und verwüsteten es. In der TLZ heißt es drei Wochen später:

„Drinnen sieht es furchtbar aus. Zerschlagene Möbel, zerstörte Treppengeländer, ein Wust von durcheinandergeworfenen Kleidungsstücken, umherliegende Bücher, Steine, Scherben – nichts geht mehr in diesem Haus, das eigentlich einmal eine Stätte der Kommunikation werden sollte und in Ansätzen auch war.“

„Ein Traum wurde radikal zerschlagen. Zentrum der linken Autonomen ‚aufgemischt‘ von Rechten“, in: Thüringer Landeszeitung, 23.10.1990, S. 5
Ein Zeitungsbild, das die Verwüstung in der von Neonazis gestürmten KL 58 zeigt.3Foto: MÜLLER, Thüringer Landeszeitung, 23.10.1990, S. 5.
Der gesamte Artikel zum Vorfall.4Thüringer Landeszeitung, 23.10.1990, S. 5.

Nach der Verwüstung durch die Neonazis wurde das besetzte Haus in der Karl-Liebknecht-Straße 58 aufgegeben.


Interview mit Ovidio

Ein damaliger Bewohner und Aktiver der KL 58 war Ovidio. Er erinnert sich an jenen Abend:

„Also einmal haben die Faschos ja ganz offen gesagt: ‚Am 3. Oktober stürmen wir euer Haus.‘ Und wir haben uns auch darauf vorbereitet, auch in den Plena. Wir waren mit den Freiräumen, die wir hatten – also JG und insbesondere mit dem Kassablanca -, sehr eng verwoben, und wir konnten aber halt nicht alle Objekte auf einmal schützen. Das Haus hatten wir eigentlich ziemlich gut verbarrikadiert. Also da kam man nicht so schnell rein. Auch wenn es schon im Vorfeld immer mal Angriffe gab, wo auch Faschos reingekommen sind, und Leute lebensgefährlich über Dächer flüchten mussten, und sich dazu an Regenrinnen lang gehangelt haben. Also das war nicht ohne. Aber wir hatten dann weitere Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, dass die Leute halt nicht so einfach reinkommen. Das ist leider natürlich nicht so gelungen.

Wir hatten uns für den 2. Oktober darauf geeinigt, dass wir ins Kassablanca gehen. Dort haben wir über CB-Funk mit Leuten kommuniziert, die unterwegs waren und geguckt haben, wo welche Ansammlungen waren, wo und wohin welche Gruppen sich wie bewegt haben. Wir wussten aber, dass wir nicht die gesamte Fläche verteidigen können. Wir mussten uns halt darauf beschränken, wichtige Objekte für uns zu erhalten und da niemanden reinzulassen. Das hat dann auch ganz gut geklappt am Kassablanca. Das war damals noch im Villengang 2a. […]

Wir konnten uns nur vorstellen, wer dabei war. […] Ich kann mir nur denken: so diese Altnazis um Beythien, Kapke, Kräfte und wie sie alle hießen diese Horste, und heißen! Also aus Lobeda waren viele. Aber auch aus Jena-Nord. […] Wer da noch dabei war – keine Ahnung. Ich weiß nur, die haben uns die Hütte ganz schön demoliert. Eigentlich fast unbewohnbar gemacht.“

Ovidio im Interview mit zweiteroktober90, 6.9.2020.

Interview mit Ingrid

Am 16. November 2016 ist auf dem Blog von JenaKultur ein Interview mit Ingrid Sebastian erschienen, die bis zum 2. Oktober 1990 im Bewohnerin und Aktive der Karl-Liebknecht-Straße 58 war. Darin beschreibt sie auch den Angriff auf die KL58:

Und irgendwann bist du dann auch im Kassa eingezogen. Der Grund war leider ziemlich bitter.

Ja. In der Nacht zum 3. Oktober 1990, dem ersten Tag der Deutschen Einheit, gab es einen Nazi-Überfall auf die KL 58, danach war das besetzte Haus dort Geschichte, weil unbewohnbar zerkloppt und verwüstet. Wir acht Voll- und Teilzeitbewohnerinnen zogen ins Kassa ins „Asyl“, das war ein großer Raum mit acht Matratzen und dem Rest unseres Hab und Gut. Viele von uns hatten dann dort auch ihren Job.

Der Überfall am 2. Oktober 1990 war nicht der erste Angriff von Neonazis auf die KL 58. Kannst du ein bisschen was über die Atmosphäre damals in Jena erzählen?

Schon in der Wahlkampfzeit im Frühjahr 1990, als die Republikaner massiv Wahlwerbung machten und die lokalen Faschos sehr involviert waren, gab es die ersten Überfälle. Die Atmosphäre war sehr brenzlig damals. Für Glatzen aus Jena und Umgebung war es ein Zeitvertreib, durch die Stadt zu gehen und zu gucken, wen man schlagen kann. Wir begannen, uns Strategien zurecht zu legen. Steine auf dem Dach zu lagern zum Beispiel. Wir hatten auch Kontakt nach Weimar zum besetzten Haus in der Gerberstraße und tauschten uns aus. An dem 2. Oktober war klar, da wird irgendwas passieren.

Warum?

Für viele war die Wiedervereinigung vor allem ein nationalistisches Event. Die Nazis wurden immer frecher. Und für uns wurde es immer brenzliger. Das Klima war so, dass man wusste, bestimmte Ecken muss man meiden, alleine sollte man nicht unterwegs sein.

Ihr habt die KL dann freiwillig geräumt. Warum?

Wir hatten nicht genug Leute, um unser Haus zu verteidigen. Gleichzeitig wussten wir, dass auch Angriffe auf die anderen Einrichtungen drohten, wie das Kassablanca. Also haben wir beschlossen, die KL zu verriegeln. Alles unter Strom zu setzen, was man unter Strom setzen kann: Türklinken etc. und haben gesagt: Wir gehen alle ins Kassa. Da ist die Chance am größten, dass wir uns verteidigen können. Tagsüber sind Späher von uns mit dem Fahrrad rumgefahren und haben geguckt, welche Gruppen sich wo in Bewegung setzen. Einer kam dann zurück und meinte: Die war’n schon drinne. Ich setzte mich aufs Rad und schaute mir das an. Es war gruselig. Kaum war ich wieder draußen, da kam schon der nächste Trupp Nazis die Straße hoch. Danach war dort nichts mehr ganz, da war alles kaputt, unbewohnbar.

Hafen im Sturm. Ingrid Sebastian im Interview mit Christian Gesellmann, Online: https://blog.jena.de/jenakultur/2020/11/16/hafen-im-sturm/

» das komplette Interview auf blog.jena.de

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