Kontext

Die Welle der neonazistischen Gewalt zur deutschen Vereinigung am 2. und 3. Oktober 1990 hatte ihren Schwerpunkt auf dem Gebiet der DDR. Dies war kein Zufall, sondern Ergebnis der Geschichte des Rassismus und Neonazismus in der DDR und der besonderen Situation im Jahr 1989/90.

Das antifaschistische Selbstbild der DDR…

Im Selbstverständnis des DDR-Staats wurden auf seinem Gebiet nach dem militärischen Sieg über den Nationalsozialismus auch ideologische Momente wie Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus beseitigt.1Hirsch, Kurt / Heim, Peter B.: Von links nach rechts. Rechtsradikale Aktivitäten in den neuen Bundesländern, München 1991, S. 15. Die anfänglich durchaus ernst gemeinten Auseinandersetzungen mit und Strafprozesse gegen Verbrecher:innen und Führungspersonal des Nationalsozialismus fanden jedoch bald ein Ende.

Es folgte ein staatlich organisiertes, ritualisiertes Erinnern, in dem die Beschäftigung mit der Schuld einer breiteren Bevölkerung keinen Platz hatte. Durchaus gab es Jugendbildungsarbeit, Besuche in den ehemaligen Konzentrationslagern und internationale Jugendtreffen im Zeichen des Antifaschismus, der Völkerfreundschaft und des Internationalismus.2Frei, Norbert / Maubach, Franka / Morina, Christina / Tändler, Maik: Zur rechten Zeit. Wider die Rückkehr des Nationalismus, Berlin 2019, S. 165f. Der Blick auf den Nationalsozialismus jedoch beschränkte sich hauptsächlich auf die kommunistischen Widerstandskämpfer:innen, in deren Tradition sich alle DDR-Bürger:innen sehen durften. Der Holocaust (Völkermord an den Jüd:innen), Porajmos (Völkermord an den Sinti:zze und Roma:nja) oder überhaupt andere Gruppen von Opfern und Widerstandskämpfer:innen wurden weder im Schulunterricht noch im allgemeinen Gedenken ausreichend behandelt.3Borchers, Andreas: Neue Nazis im Osten. Hintergründe und Fakten, Weinheim 1992, S. 61f. Jüd:innen erhielten in der DDR zwar eine kleine Ehrenpension als „Opfer des Faschismus“, aber keineswegs Wiedergutmachungszahlungen. Ebenso erkannte die DDR den israelischen Staat nie an.4Borchers, Andreas: Neue Nazis im Osten. Hintergründe und Fakten, Weinheim 1992, S. 61.

…und die Kontinuität von Rassismus und Antisemitismus

Rassismus und Antisemitismus durfte es im offiziellen Selbstbild der DDR nicht geben. Die Existenz solcher Einstellungen wurde verleugnet und verschwiegen. Und dennoch bestanden sie weiter und äußerten sich auch. Davon betroffen waren insbesondere die Arbeitsmigrant:innen aus den anderen sozialistischen Ländern, die sogenannten Vertragsarbeiter:innen. Allzu bekannte rassistische Stereotype und Narrative – wie die vorgebliche Bedrohung „deutscher Frauen“ durch „Ausländer“ oder die vermeintliche Verteilung unberechtigter Zuwendungen an „die Ausländer“ durch den Staat – zirkulierten auch in der DDR.

Diese Stereotype führten auch schon in der DDR zu rassistischer Gewalt, meist inform von Pöbeleien und Übergriffen5Borchers, Andreas: Neue Nazis im Osten. Hintergründe und Fakten, Weinheim 1992, S. 30f; Waibel, Harry: Die braune Saat. Antisemitismus und Neonazismus in der DDR, Stuttgart 2017., die sich jedoch zu Hetzjagden, Pogromen und Morden steigern konnten: Im August 1975 jagten hunderte Deutsche algerische Vertragsarbeiter:innen durch die Straßen Erfurts und belagerten ihre Wohnheime6Erices, Rainer: „Hetzjagd im Augst 1975 in Erfurt. Wie Ausländerfeindlichkeit in der DDR verharmlost und verleugnet wurde“, in: Gerbergasse 18. Thüringer Vierteljahreszeitschrift für Zeitgeschichte und Politik. 4/2018, Heft 89, S. 22–25.; nach Auseinandersetzungen zwischen Kubaner:innen und Deutschen hetzte im August 1979 ein deutscher Mob in Merseburg zwei kubanische Vertragsarbeiter zu Tode7Waibel, Harry: Lynchmord an Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret in Merseburg am 12. August 1979, Online: https://initiative12august.de/in-gedenken/initiative/delfin-guerra-und-raul-garcia-paret/; 1986 wurde der Mosambikaner Joao Manuel Diogo während einer Zugfahrt zwischen Dessau und Berlin mutmaßlich von Neonazis ermordet8„Potsdamer Staatsanwaltschaft untersucht Fall Joao Manuel Diogo“, in: 29.6.2020, Online: https://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/vertuschte-die-ddr-einen-rassistischen-mord-potsdamer-staatsanwaltschaft-untersucht-fall-joao-manuel-diogo/25960332.html.

Im Fall der Vertragsarbeiter:innen schaffte der Staat zudem strukturelle Bedingungen, die einer rassistischen Diskriminierung gleichkamen und die die Ressentiments der DDR-Bevölkerung verstärkten: So wurden Vertragsarbeiter:innen unter teils unwürdigen Bedingungen in gesonderten Wohnblocks kaserniert. Frauen drohte bei Schwangerschaft die Abschiebung. Es herrschten erniedrigende Regularien (feste Zeiten etwa, zu denen abends das Licht ausgeschaltet sein musste). Es wurde alles getan, um Kontakte und damit eine Verständigung zwischen Vertragsarbeiter:innen und der DDR-Bevölkerung zu unterbinden. Und nicht zuletzt wurde den Vertragsarbeiter:innen – ähnlich wie in Westdeutschland – all die Arbeit zugeteilt, die der „heimischen Bevölkerung“ nicht zugemutet werden sollte.9Borchers, Andreas: Neue Nazis im Osten. Hintergründe und Fakten, Weinheim 1992, S. 30; Ann-Judith Rabenschlag: „Arbeiten im Bruderland. Arbeitsmigranten in der DDR und ihr Zusammenleben mit der deutschen Bevölkerung“, in: Deutschland Archiv, 15.9.2016, Online: www.bpb.de/233678.

Auch eine Vielzahl an antisemitischen Vorfällen wie Anfeindungen, Übergriffe oder Friedhofsschändungen sind für die DDR belegt, wurden aber staatlicherseits – von Polizei genauso wie z.B. von Schulen – möglichst ignoriert.10Borchers, Andreas: Neue Nazis im Osten. Hintergründe und Fakten, Weinheim 1992, S. 62ff; Waibel, Harry: „Neonazismus, Rassismus und Antisemitismus in der DDR“, in: hagalil.com, 26.5.2019, Online: https://www.hagalil.com/2019/05/antisemitismus-ddr/

Kritische Aufarbeitung des Rassismus in der DDR

Inzwischen haben sich vermehrt gesellschaftliche Initiativen gegründet, die sich aus der Perspektive von Betroffenen mit dem Rassismus in der DDR auseinandersetzen.

Das Projekt „HanoixHalle“11https://hanoixhalle.com/ berichtet von der Situation vietnamesischer Vertragsarbeiter:innen in der DDR und beleuchtet dabei nicht nur die staatlich geschaffenen widrigen Lebensbedingungen, sondern auch den Rassismus in der Bevölkerung.

Die „Initiative 12. August“12https://initiative12august.de/ in Merseburg kämpft für eine Aufarbeitung der Todesumstände und ein würdiges Gedenken der beiden kubanischen Vertragsarbeiter Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret, die 1979 in Merseburg aus rassistischen Motiven ermordet wurden. Die Morde wurden staatlicherseits bagatellisiert und juristisch nicht verfolgt. Der Initiative geht es dabei auch um das Anerkennen eines Lebens hinter einer „Doppelten Mauer“ (Paulino Miguel) – wie es viele Vertragsarbeiter:innen erfahren haben -, und das Aufzeigen von Kontinuitäten rassistischer Erfahrungen über das Ende der DDR hinaus.

Initiativen dieser Art gibt es mittlerweile viele. Einige haben wir auf unserer Seite verlinkt.

Neonazi-Szene in der DDR und Kontakte in den Westen

Analog zur BRD entwickelte sich auch in der DDR in den 1980er Jahren eine rechte (Jugend-)Szene. Ein wichtiger Einfluss geht dabei auf die Skinhead-Szene in England zurück, die sich damals ihrerseits einer immer stärkeren Vereinnahmung durch die extreme Rechte ausgesetzt sah. An sie versuchten sich v.a. Jugendliche im Osten nicht nur optisch anzugleichen. Spätestens ab 1981 bildeten sich zunehmend rechte „Skin“-Gruppen, die bald auch in den Fankurven der Fußballstadien Fuß fassten. Ab Mitte der 1980er enstanden dann auch Gruppen, die äußerlich unauffälliger, dafür aber organisierter waren, und für die z.B. auch die Beschäftigung mit NS-Literatur zentraler wurde.13Borchers, Andreas: Neue Nazis im Osten. Hintergründe und Fakten, Weinheim 1992, S. 71f; Wolf, Dietmar: „Neonazis in der DDR“, in: Antifaschistisches Infoblatt, Nr. 75, Frühjahr 2007, Online: https://www.antifainfoblatt.de/artikel/neonazis-der-ddr‑0

Die Neonazis in der DDR machten sich schon bald mit Straf- und Gewalttaten mit offensichtlich politischem Hintergrund bemerkbar. Von ihren Gegner:innen gemeinhin als „Faschos“ bezeichnet, deklarierten sie Strafverfolgungsbehörden sowie Presse der DDR meist schlicht als „Rowdys“, d.h. der Hintergrund ihrer Taten wurde verschleiert oder heruntergespielt.14Vgl. Frei, Norbert / Maubach, Franka / Morina, Christina / Tändler, Maik: Zur rechten Zeit. Wider die Rückkehr des Nationalismus, Berlin 2019, S. 168.

Zu dieser Zeit bauten die DDR-Neonazis auch bereits Beziehungen zu ihren Gesinnungsfreund:innen in der BRD auf. Es fanden Treffen statt, bei denen auch Materialien ausgetauscht wurden. Belegt sind u.a. Kontakte zur NPD, zu Michael Kühnen und zur „Nationalistischen Front“ um Josef Saller.15Borchers, Andreas: Neue Nazis im Osten. Hintergründe und Fakten, Weinheim 1992, S. 72f. Das Info-Blatt der Nationalistischen Front „Klartext“ bestätigte diese Verbindungen bereits in den 1980er Jahren. So ist etwa die Rede von Besuchen zwischen Aktivist:innen aus BRD und DDR und von einem entstandenen „Bündnis der Freundschaft“16Hirsch, Kurt / Heim, Peter B.: Von links nach rechts. Rechtsradikale Aktivitäten in den neuen Bundesländern, München 1991, S. 84..

Der Überfall auf die Zionskirche 1987 und die Folgen

Öffentlich sichtbar wurde die Ost-West-Verbindung der Neonazis erstmals bei dem Überfall auf ein Konzert der Band „Element of Crime“ in der oppositionsnahen Ostberliner Zionskirche am 17.10.1987. Kurz vor Ende des Konzerts stürmten ca. 30 Nazi-Skins aus Ost- und Westberlin – unbehelligt von der tatenlos zuschauenden Volkspolizei -, die Zionskirche und gingen auf die Besucher:innen los. Auch einige Passant:innen wurden angegriffen. In Folge des Übergriffs wurden die 12 aus der DDR stammenden Täter wegen „Rowdytums“ verurteilt – und wegen „guter Führung“ zum Teil früher entlassen.17Frei, Norbert / Maubach, Franka / Morina, Christina / Tändler, Maik: Zur rechten Zeit. Wider die Rückkehr des Nationalismus, Berlin 2019, S. 164; Anja Meier: „Die Nacht der Nazis in der Zionskirche“, in: taz, 27.9.2008, S. 21, Online: https://taz.de/Die-Nacht-der-Nazis-in-der-Zionskirche/!822447/

Der Überfall auf die Zionskirche, die Proteste der ostdeutschen Oppositionellen und die Berichterstattung in der Westpresse führten dazu, dass der DDR-Staat sich mit seinem Neonazi-Problem auseinanderzusetzen begann. So wurden erste Studien ermöglicht, deren Ergebnisse jedoch die Öffentlichkeit bis zur „Wende“ nicht erreichten. 1989 schätzte ein DDR-Jugendforscher die Zahl der organisierten Neonazis in der DDR auf 1.000. In ihrer soziodemographischen Herkunft entsprächen sie einem Querschnitt durch die DDR-Gesellschaft und könnten also als Ausdruck und Spiegel gesellschaftlich verbreiteter Einstellungen betrachtet werden. Das Alter lag in den meisten Fällen zwischen 18 und 26.18Borchers, Neue Nazis, S. 70f; Anja Meier: „Die Nacht der Nazis in der Zionskirche“, in: taz, 27.9.2008, S. 21, Online: https://taz.de/Die-Nacht-der-Nazis-in-der-Zionskirche/!822447/ Das Innenministerium ließ eine „Arbeitsgruppe Skinhead“ gründen, die bei der Kriminalpolizei angesiedelt war. Die Ergebnisse der AG: In der DDR gehören 15.000 Personen dem rechtsradikalen Millieu an, 6.000 sind in der rechten Szene organisiert und 1.000 stellen den militanten Kern. Diese schockierenden Ergebnisse führten zur Auflösung der AG; ihre Ergebnisse wurden nie veröffentlicht.19Hirsch, Kurt / Heim, Peter B.: Von links nach rechts. Rechtsradikale Aktivitäten in den neuen Bundesländern, Goldmann Verlag, München 1991, S. 72; Fugmann, Tom: „Überfall vor 30 Jahren. DDR sprach von Rowdys statt von Neonazis“, in: MDR Zeitreise, 22.12.2017, Online: https://www.mdr.de/zeitreise/ddr/neonazi-szene-in-der-ddr-ueberfall-auf-zionskirche-100.html; „,Niemand wollte das damals hören‘“, Josweth Gareth im Interview mit Bernd Wagner, in: taz, 8.3.2020, Online: https://taz.de/Exit-Gruender-ueber-Neonazis-in-der-DDR/!5665867/ Die Ostberliner Kripo hatte im Januar 1990 die Daten von 264 straffällig gewordenen rechtsradikalen Jugendlichen erfasst.20Hirsch, Kurt / Heim, Peter B.: Von links nach rechts. Rechtsradikale Aktivitäten in den neuen Bundesländern, München 1991, S. 70.

Die linke Opposition und Subkultur reagierten auf ihre Weise auf den Überfall auf die Zionskirche und den aufkommenden Neonazismus in der DDR. Ab 1987 gründeten sich in verschiedenen DDR-Städten unabhängige Antifa-Gruppen u.a. mit dem Ziel, die Gesellschaft für das Neonazi-Problem zu sensibilisieren.21Jänicke, Christin / Paul-Siewert, Benjamin (Hrsg.): 30 Jahre Antifa in Ostdeutschland. Perspektiven auf eine eigenständige Bewegung, Münster 2017.

Der rechte Flügel der Bürger:innenbewegung

Die Vereinigung von DDR und BRD gilt im öffentlichen Bewusstsein als Ergebnis einer demokratischen Bürger:innenbewegung, die mit den Leipziger Montagsdemonstrationen begann und in der „Friedlichen Revolution“ mündete. Selten thematisiert wird dabei, dass spätestens mit der Öffnung der Mauer und den Diskussionen über eine Zukunft der DDR Neonazis und rechte Aktivist:innen die (Leipziger) Montagsdemos für ihre Agitation nutzten und dort offen sichtbar und häufig an vorderer Front mitliefen. Dabei beeinflussten sie erheblich die Gesamtatmosphäre: Stimmen, die den aufkeimenden Nationalismus kritisch betrachteten, die andere Ideen und Vorstellungen für die Zukunft der DDR hatten, die eine nationale Vereinigung ganz oder in Teilen ablehnten, wurden ausgebuht und angegriffen.22Vgl. Hirsch / Heim, Hirsch, Kurt:Von links nach rechts. Rechtsradikale Aktivitäten in den neuen Bundesländern, München 1991, S. 23–25.

Häufig auf Montagsdemonstrationen präsent waren die Farben und Symbole der Neonazi-Partei „Die Republikaner“. Es wurden Handzettel mit revisionistischen und offensichtlich nationalistischen Forderungen, wie die nach den deutschen Reichtsgrenzen von 1937, verteilt.23Hirsch, Kurt / Heim, Peter B.: Von links nach rechts. Rechtsradikale Aktivitäten in den neuen Bundesländern, München 1991, S. 79. Auf vielen Flugblättern aus der Zeit finden sich entsprechende Formulierungen wie „Verzicht ist Verrat“, womit die durch den Zweiten Weltkrieg verlorenen Ostgebiete gemeint waren.24Hirsch, Kurt / Heim, Peter B.: Von links nach rechts. Rechtsradikale Aktivitäten in den neuen Bundesländern, München 1991, S. 79, 90; „Von Montagsdemos zu Gegendemos“, in: Antifaschistisches Infoblatt 84 / 3.2009, 18.09.2009, Online: https://www.antifainfoblatt.de/artikel/von-montagsdemos-zu-gegendemos

Irgendwann arbeiteten die Neonazis dann auch auf den Tag der Vereinigung hin. In einem Flugblatt wurde gefragt: „Der 3. Oktober. Ein Jubel- oder Trauertag?“, und, um die Antwort gleich nahezulegen, erwidert: „Es gibt keinen Grund, ein Drittel Deutschlands wider alles Völkerrecht zu verschenken!“25Hirsch, Kurt / Heim, Peter B.: Von links nach rechts. Rechtsradikale Aktivitäten in den neuen Bundesländern, München 1991, S. 38.

Etablierter Rechtsradikalismus trifft auf „bewegungsförmige rechte Subkultur“26angelehnt an: Frei, Norbert / Maubach, Franka / Morina, Christina / Tändler, Maik: Zur rechten Zeit. Wider die Rückkehr des Nationalismus, Berlin 2019, S. 164.

Westdeutsche Neonazi-Funktionäre von Parteien wie der NPD, der FAP oder den Republikanern, z.B. Christian Worch oder Michael Kühnen, aktivierten sofort nach der Maueröffnung 1989 ihre Verbindungen in die noch bestehende DDR und bauten diese im Jahr 1990 aus. Sie halfen ihren ostdeutschen Gesinnungsfreund:innen beim Aufbau ihrer Organisation und Infrastruktur.

Schnell wurden im Osten neue Partei-Gruppierungen gegründet, so z.B. im März 1990 die „JN-Aktionsgruppe Berlin Ost“27Frei, Norbert / Maubach, Franka / Morina, Christina / Tändler, Maik: Zur rechten Zeit. Wider die Rückkehr des Nationalismus, Berlin 2019, S. 92f. oder am 1. Februar 1990 ein Ableger der „Nationalen Alternative“ um Michael Kühnen. Zu deren Gründungsmitgliedern zählten u.a. auch militante Neonazis, die am Überfall auf die Zionskirche beteiligt gewesen waren.28Borchers, Andreas: Neue Nazis im Osten. Hintergründe und Fakten, Weinheim 1992, S. 73. Daneben bildeten sich im Osten auch zahlreiche neue militante Gruppen unabhängig von Parteistrukturen.29Hirsch, Kurt / Heim, Peter B.: Von links nach rechts. Rechtsradikale Aktivitäten in den neuen Bundesländern, München 1991, S. 96f.

Von den Entwicklungen im Osten profitierten dann auch die Neonazis aus Westdeutschland: Das von Neonazis besetzte Haus in der Weitlingstraße 122 im Ostberliner Stadtteil Lichtenberg diente gleichzeitig als Parteizentrale der Nationalen Alternative und als Ort der Vernetzung der internationalen Neonazi-Bewegung.30Hirsch, Kurt / Heim, Peter B.: Von links nach rechts. Rechtsradikale Aktivitäten in den neuen Bundesländern, München 1991, S. 101; Hasselbach, Ingo / Bonengel, Winfried: Die Abrechnung. Ein Neonazi steigt aus, Berlin/Weimar 1993. So konnten west- und ostdeutsche sowie internationale Neonazis 1990 auf dem Boden des zusammengebrochenen DDR-Staats ihre eigene Vereinigung begehen.

„Friedliche Revolution“? – Friedlich für wen?

Bereits 1991 fassten die Autoren Kurt Hirsch und Peter B. Heim aus ihren zeitgenössischen Beobachtungen die Hauptfrage der Nationalist:innen dieser Zeit zusammen: „Wir sind Deutsche – was seid ihr?“31Hirsch, Kurt / Heim, Peter B.: Von links nach rechts. Rechtsradikale Aktivitäten in den neuen Bundesländern, München 1991, S. 79. Diese Frage zielte einerseits nach innen und sollte die nationalistischen Einstellungen sowie den „natürlichen“ Wunsch nach Vereinigung legitimieren helfen. Andererseits setzte sie eine Abgrenzung nach außen. Diejenigen, die keinen Platz im nationalistischen Bild hatten, wurden zum Feindbild und zur Zielscheibe nationalistischer Drohungen: (vermeintliche) Migrant:innen, Gast- und Vertragsarbeiter:innen, Schwarze, Jüd:innen, Homosexuelle, Punks oder alternative Jugendliche, Linke und alle, die – vermeintlich oder wirklich – für die sterbende DDR standen.32Vgl. Hirsch, Kurt / Heim, Peter B.: Von links nach rechts. Rechtsradikale Aktivitäten in den neuen Bundesländern, München 1991, S. 79.

Zwischen Januar und November 1990 zählte Andreas Borchers damals 131 Straftaten mit rechtem Motiv, wobei er die Dunkelziffer weit höher ansetzte.33Borchers, Andreas: Neue Nazis im Osten. Hintergründe und Fakten, Weinheim 1992, S. 17. In der Chronologie von Hirsch und Heim aus dem Jahr 1991 wurden mehr als 150 rechtsradikale Ausschreitungen aufgezählt, die zwischen Februar 1989 und Juli 1991 stattfanden – und die ihnen damals schon bekannt waren.34Hirsch, Kurt / Heim, Peter B.: Von links nach rechts. Rechtsradikale Aktivitäten in den neuen Bundesländern, München 1991, S. 104–146. Auch der Historiker Harry Waibel hat unlängst eine große Zahl antisemitischer, rassistischer und rechter Übergriffe in der Zeit der DDR einschließlich ihres letzten Jahres ermittelt.35Waibel, Harry: Die braune Saat. Antisemitismus und Neonazismus in der DDR, Stuttgart 2017; Waibel, Harry: Neonazismus, Rassismus und Antisemitismus in der DDR, in: hagalil.com, 26.5.2019, Online: https://www.hagalil.com/2019/05/antisemitismus-ddr/. Viele dieser Übergriffe fanden im Rahmen größerer gesellschaftliche Ereignisse statt, wovon die Fußball-WM im Sommer 1990 eines war. Anlässlich des Titelgewinns der deutschen Nationalmannschaft entlud sich das Nationalgefühl: Es kam es zu Ausschreitungen, Schlägereien und Sachbeschädigungen.36Hirsch, Kurt / Heim, Peter B.: Von links nach rechts. Rechtsradikale Aktivitäten in den neuen Bundesländern, München 1991, S. 81f.

Die „Friedliche Revolution“ jedenfalls war alles andere als „friedlich“. Gerade im Jahr 1989/90 eskalierte die neonazistische Gewalt. Und während Bürger:innen demonstrierten und die runden Tische tagten, verfolgten und terrorisierten Neonazis vielerorts Menschen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Diese wiederum wehrten sich zum Teil – ebenfalls mit Gewalt.

Der 2. Oktober 1990 – keine Überraschung

Vor diesem Hintergrund ist der 2. Oktober 1990 zu sehen: Aus einer Bevölkerung mit tiefsitzenden rassistischen Ressentiments heraus konnte eine bereits bestehende und zusätzlich aus Westdeutschland unterstützte Neonazi-Szene in dem Moment, als der Staat zusammenbrach, völlig enthemmt und weitgehend straffrei ihnen unpassende Gruppen aus der Gesellschaft angreifen.

Die Gewalt der Neonazis wurde in dieser Zeit alltäglich – und verzeichnete zu größeren gesellschaftlichen Ereignissen wie Fußballspielen oder Feiertagen noch einmal eine Steigerung. Ein solches Ereignis war der Vorabend des Vereinigungstages. Und tatsächlich war es – wie diese Dokumentation auch zeigt – allen Beteiligten bis hin zu Behörden und Polizei vollkommen klar, dass es zu neonazistischen Angriffen kommen würde.

Und auch im Nachgang wurde die Gewalt des 2. und 3. Oktober 1990 von Politik und (überregionaler) Presse weitgehend ignoriert. In größeren Zeitungen finden sich unmittelbar nach dem Vereinigungstag nur einige Randnotizen. Politische Reaktionen blieben nicht selten gänzlich aus bzw. erschöpften sich in der Thematisierung lokaler Vorfälle in der nächsten Bürger:innenversammlung.

Gewalterfahrungen in den 1990er Jahren

Nach der Vereinigung steigerte sich die rechte Gewalt weiter – und forderte bald auch das erste Todesopfer: Nicht mal eine Woche nach den Angriffen vom 2. Oktober 1990 wurde im brandenburgischen Lübbenau der polnische Arbeiter Andrzej Frątczak von Neonazis ermordet.37Opferperspektive – Solidarische gegen Rassismus, Diskriminierung und rechte Gewalt e.V.: Todesopfer rechter Gewalt seit 1990, Online: https://opfer-rechter-gewalt.de/ Die Pogrome von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen sowie die tödlichen Brandanschläge von Mölln und Solingen sind Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden – und stellen dabei nur die Höhepunkte der Welle der neonazistischen Gewalt in den 1990er Jahren dar.

Davon zeugen mittlerweile auch Initiativen, die nachträglich Erfahrungs- und Erinnerungsberichte recherchieren und dokumentieren. Die Online-Dokumentationen zu den Pogromen in Hoyerswerda38https://www.hoyerswerda-1991.de/ und Rostock-Lichtenhagen39https://lichtenhagen-1992.de/ beinhalten zahlreiche solcher Zeitzeugenberichte. Seit Ende letzten Jahres kursiert zudem der von dem ZEIT-Journalisten Christian Bangel ins Leben gerufene Hashtag #Baseballschlaegerjahre, unter dem viele Menschen über ihre Gewalterfahrungen v.a. in den 1990er Jahren berichteten.40Bangel, Christian: „#Baseballschlägerjahre“, in: ZEIT ONLINE, 1.11.2019, Online: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019–11/rechte-gewalt-neonazi-twitter-erfahrungen-rechtsextremismus.

Statt eines Schlussworts

Bei all der Fokussierung auf die DDR und den Osten soll hier keineswegs die westdeutsche Gesellschaft aus der Verantwortung genommen und etwa behauptet werden, Neonazis seien ein reines Ost-Problem gewesen. Nicht nur hat die BRD ihre NS-Vergangenheit zu großen Teilen verdrängt und steht in einer deutlichen Kontinuität zum Dritten Reich. Auch haben westdeutsche Nazis aktiv im Osten agitiert und westdeutsche Politiker:innen und Journalist:innen zu Beginn der 1990er Jahre die politsche Debatte, die diese Gewalt mit ermöglichte, mitgeprägt.41Frei, Norbert / Maubach, Franka / Morina, Christina / Tändler, Maik: Zur rechten Zeit. Wider die Rückkehr des Nationalismus, Berlin 2019, S. 164. Die Übergriffe in der Nacht zur Vereinigung sind somit ideologisch und historisch nur als Teil einer gesamtdeutschen Geschichte zu verstehen. – Den Fokus auf die Geschichte des Rassismus und Neonazismus in der DDR haben wir gewählt, weil der Schwerpunkt der Angriffe vom 2. und 3. Oktober 1990 auf dem Gebiet der ehemaligen DDR lag, und weil wir selbst, als Initiative aus dem Osten, ein besonderes Interesse daran haben.

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