„Die Geschichte wird bis heute ohne uns gemacht“

von der Initiative 12. August

Jedes Jahr aufs Neue wiederholt sich im Oktober die Erzählung vom deutsch-deutschen Wendemärchen, von der „friedlichen Revolution“, die von der kollektiven Kraft vom Volk ausgegangen sei. Für einen Teil der Gesellschaft mag das stimmen. Für diejenigen, deren Erfahrungen darin nicht vorkommen, bedeutete diese Umbruchszeit allerdings vor allem Unsicherheit und Angst um ihre Zukunft und ihr Leben. Denn mit „Wir sind das Volk!“ war vor allem „Wir sind das deutsche Volk!“ gemeint. Gast- und Vertragsarbeitende, Gast- und Vertragsstudierende sowie Schüler:innen der „Schule der Freundschaft“ finden in dieser Erzählung keinen Platz. Aber auch sie sind ein großer Teil der deutsch-deutschen Geschichte. So befanden sich 1989 ca. 95.000 sogenannte Vertragsarbeitende und ca. 13.400 (Stand 1988) sogenannte Vertragsstudierende in der DDR.1Poutrus, Patrice: „Fremde in der geschlossenen Gesellschaft – Ausländer in der DDR“, in: Stiftung Haus der Geschichte der BRD (Hrsg.): Immer bunter. Einwanderungsland Deutschland, Mainz 2014, S. 82–101, Online: https://www.academia.edu/30024209/Fremde_in_der_geschlossenen_Gesellschaft_Ausl%C3%A4nder_in_der_DDR Mit dem Ende der DDR endeten auch die Verträge mit den ehemaligen „sozialistischen Bruderstaaten“, welche die Grundlage der Arbeitsmigration in die DDR bildete. Die Vertragsarbeiter:innen gehörten zu den Ersten, die entlassen wurden. Dadurch wurde der mit der Arbeitsstelle verknüpfte Aufenthaltstitel gefährdet, sodass sie aus den Wohnheimen ausziehen mussten oder abgeschoben wurden.

Schon während der DDR waren die Arbeiter:innen und Student:innen mit restriktiven Lebensbedingungen sowie struktureller und alltäglicher Diskriminierung konfrontiert. Paulino Miguel, der als Schüler der „Schule der Freundschaft“ in Staßfurt und als Vertragsarbeiter Erfahrungen in der DDR machte, schreibt dazu:

„Rassismus gehörte in der DDR zum Alltag. Rassismus war, wurde und ist Realität und hatte bereits vor der Wiedervereinigung ein unglaubliches Ausmaß erreicht. Allerdings wurde dies weder in den Medien noch in der Öffentlichkeit, geschweige denn in Versammlungen oder im Schulalltag thematisiert. Für die Staatsmacht der DDR war Rassismus nicht vorhanden. Menschen oder Politiker aus den Bruderländern durften dieses Bild nicht stören und hatten stattdessen, so scheint es mir, alle Anfeindungen hinzunehmen.“

Miguel, Paulino: „Paulinos Tagebuch. Ein mosambikanischer Vertragsarbeiter erinnert sich“, in: Lydia Lierke / Massimo Perinelli (Hrsg.): Erinnern. Stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive, Berlin 2020, S. 304.

Im deutsch-deutschen Einheitsgefühl gab es keinen Platz für BIPoCs, Migrant:innen und alle die, die nicht in das Bild des deutschen Volkskörpers passten. Der Fall der Mauer fachte dieses gesellschaftliche Klima weiter an und machte die (körperliche) Brutalität bundesweit sichtbar. Für Marginalisierte und Betroffene begann diese Ausgrenzung aber nicht erst mit den sogenannten „Baseballschlägerjahren“ der 90er Jahre, sondern bereits zu DDR-Zeiten – so auch in Merseburg im August 1979.

Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret kamen aus Kuba in die damalige DDR. In Merseburg sollten sie leben und eine Ausbildung erhalten. Aber wie viele andere nicht-weiße Menschen waren sie alltäglichen, rassistischen Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt. Ramón Cruz, der 1979 als Vertragsarbeiter in Merseburg lebte, beschreibt die Situation wie folgt:

„Die Beziehung zwischen den kubanischen und deutschen Arbeiter:innen war nicht besonders gut. Manche Vorgesetzte behandelten uns wie Hunde und haben uns auch vor allen anderen angeschrien. Ich erinnere mich gerade nicht an eine spezielle Situation, aber wie sie uns behandelt haben, war wirklich nicht gut. Wir haben uns überhaupt nicht willkommen gefühlt! […] Ich habe mich nie gleichberechtigt behandelt gefühlt! Es gab viel Rassismus und Ungerechtigkeit.“

„‚Ich habe sehr viel Rassismus miterlebt‘ – Interview mit dem ehemaligen kubanischen Vertragsarbeiter Ramón Cruz“, Transit Magazin 2019, Online: https://transit-magazin.de/2019/12/ich-habe-sehr-viel-rassismus-miterlebt/.

Am 11. August 1979 kam es erneut zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und Hetzjagden, bei denen mehrere BIPoC angegriffen und verletzt wurden. Daraufhin gingen einige der kubanischen Arbeiter am nächsten Tag zu der Diskothek „Saaletal“, um sich zu wehren. Die Situation eskalierte und sie wurden von einem Mob aus Diskobesucher:innen gejagt und rassistisch beschimpft. Auf ihrer Flucht landeten einige von den Verfolgten in der Saale. Unklar ist bis heute, ob sie selbst sprangen, da ihnen kein anderer Ausweg blieb, oder hineingeworfen wurden. Im Wasser wurden sie mit Steinen und Flaschen beworfen. Aus Akten der Staatssicherheit ist zu entnehmen, dass eine beteiligte Frau aussagte, einen im Wasser schwimmenden Menschen mit einer Flasche am Kopf getroffen zu haben. Der Wurf habe Wirkung gezeigt, denn die Person sei zeitweilig unter Wasser geraten. Die Leichen von Delfin und Raúl wurden erst Tage später aus der Saale geborgen. Bis heute wurde niemand juristisch für die Taten belangt. Die beteiligten kubanischen Menschen wurden jedoch innerhalb von Tagen nach Kuba abgeschoben und in Havanna inhaftiert.

Die Tode von Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret am 12. August 1979 in Merseburg, der Tod von Manuel Diogo am 30. Juni 1986 in Coswig (Anhalt), der Tod von Carlos Conceição am 19./20. September 1987 in Staßfurt zeigen: Das Vergessen-Werden hat Geschichte. Sie sind die einzigen Schicksale, bei denen wir Namen der Opfer kennen. Brutalste Ereignisse wie die tagelange rassistische Hetzjagd 1975 in Erfurt sind nur die Spitze des Eisbergs rassistischer Gewalt zu DDR-Zeiten. Rassismus hat und hatte in beiden deutschen Staaten Tradition.

2019 gründete sich die Initiative 12. August. 40 Jahre nach dem Mord an Delfin und Raúl gab es in der Stadt Merseburg noch immer kein Bewusstsein für das Geschehene. Das Narrativ über die Tatnacht wird noch immer von der Täter:innen-Perspektive beherrscht, die rassistische Stereotype reproduzieren und die eigentlichen Opfer als Täter:innen stigmatisieren. Trotz Systemwechsels hat sich der Einsichts- und Aufarbeitungswille seitens der Staatsanwaltschaft, der Stadt und der Stadtgesellschaft nicht sichtbar geändert. Dies macht deutlich, dass Rassismus sich kontinuierlich durch die Gesellschaften und Systeme zieht. Als Initiative widersprechen wir den Erzählungen der Täter:innen und stellen die Stimmen und Perspektiven der Betroffenen in den Fokus unserer Arbeit. Es ist uns ein Anliegen, dass die Erfahrungen und Leistungen der Vertragsarbeitenden und ‑studierenden genauso als Teil der DDR-Geschichte und der Wendezeit anerkannt und gesehen werden wie die aller anderen. Wir setzen uns außerdem für ein aktives Erinnern an Delfin und Raúl ein und fordern einen Gedenkort in der Stadt Merseburg.

Initiative 12. August

Gruppe von Aktivist:innen aus Merseburg, Halle, Leipzig und Berlin, die sich 2019 anlässlich des 40. Todestages von Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret gegründet hat. Die Initiative streitet für einen Gedenkort in Merseburg und thematisiert Kontinuitäten rassistischer Gewalt von der DDR bis heute. Im Fokus ihrer Arbeit liegen die Erfahrungen, Errungenschaften und Erinnerungen von migrantischen Personen in Ostdeutschland.

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