Das vergessene antisemitische Attentat auf Shlomo Lewin und Frida Poeschke

von der initiative kritisches gedenken

Das Projekt zweiteroktober90 weist auf die brutale, aber weithin vergessene rechte Gewalt hin, die mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten vor 31 Jahren einherging. In den Jahren nach der Wende stieg die Zahl der Todesopfer rechter Gewalt sprunghaft an und stabilisierte sich dann mit wenigen Ausnahmen über Jahre auf konstant hohem Niveau. Die rechte Mobilisierung der (Nach-)Wendejahre hinterließ bleibende Spuren und prägte unter anderem die politische Sozialisation des späteren NSU-Netzwerks. Verschiedene Chroniken der Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland beginnen – nicht zu Unrecht – mit dem Jahr 1990. Doch die Kontinuitäten des rechten Terrors in der vereinigten Bundesrepublik reichen wesentlich weiter zurück. Trotz aller Differenzen zwischen der BRD und der DDR in Bezug auf die konkrete Art und Weise, wie der Nationalsozialismus erinnert und aufgearbeitet wurde, vereint beide Staaten, dass die Aufarbeitung mangelhaft und die Erinnerung selektiv blieb. Die Folgen dessen wurden besonders deutlich, wenn es zu rechten Morden kam.

In der Geschichte der alten Bundesrepublik stellt das Jahr 1980 einen zeitweisen Höhepunkt des rechten Terrors dar. Nachdem die neonazistischen Deutschen Aktionsgruppen um Manfred Roeder bereits mehrere Monate lang in ganz Deutschland Geflüchtetenunterkünfte, NS-Gedenkorte und eine Auschwitz-Ausstellung angegriffen hatten, töteten sie am 22.08.1980 in der Halskestraße in Hamburg die beiden Geflüchteten Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân durch einen Brandanschlag. Kaum mehr als einen Monat später, am 26.09.1980, detonierte eine von dem Neonazi Gundolf Köhler platzierte Bombe auf dem Münchener Oktoberfest. Zwölf Menschen sowie der Täter wurden getötet und 221 weitere verletzt. Köhler hatte sowohl Verbindungen zur Wiking-Jugend als auch zur Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG), der größten paramilitärischen Neonaziorganisation in der BRD während der 1970er Jahre. Die WSG war vor ihrem Verbot durch den Bundesinnenminister im Januar 1980 jahrelang von der bayerischen CSU-Regierung unter Franz-Josef Strauß verharmlost worden – entgegen allen Recherchen, Warnungen, Protesten und Verbotsforderungen von Antifaschist:innen im Parlament und außerhalb. Dieser Organisation gehörte auch der zuvor im rechten Hochschulring Tübinger Studenten aktive Burschenschafter Uwe Behrendt an, der am 19.12.1980 in Erlangen Shlomo Lewin und Frida Poeschke aus antisemitischen Motiven ermordete.

Shlomo Lewin wurde 1911 in Jerusalem geboren, wuchs im ehemaligen Deutschen Reich auf, wo er auch studierte und später als Lehrer arbeitete. Unter dem Druck der nationalsozialistischen Verfolgung flüchtete er zunächst nach Frankreich und wenige Jahre später nach Palästina. Dort wurde er Teil der zionistischen Untergrundorganisation Hagana, kämpfte im Unabhängigkeitskrieg 1948/49 und lebte nach der Staatsgründung für ein Jahrzehnt in Israel. 1959/60 kehrte er zurück ins postnazistische Deutschland und begann unmittelbar, sich am Wiederaufbau jüdischen Lebens zu beteiligen. Er wurde Teilhaber im Judaica-Verlag Ner Tamid und zog 1964 nach Erlangen, wo er zudem unter anderem als Rabbiner, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, sowie der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit tätig war. In Erlangen lernte er Frida Poeschke kennen, deren Lebenspartner er wurde. Gemeinsam engagierten sie sich für den christlich-jüdischen Dialog. Lewin hat sich außerdem publizistisch und auf Demonstrationen immer wieder gegen Neonazis, Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus ausgesprochen – auch ganz konkret gegen die WSG und ihren Anführer Karl-Heinz Hoffmann.

Am Abend des 19. Dezember 1980 klingelte Uwe Behrendt am Wohnhaus von Frida Poeschke und Shlomo Lewin in der Ebrardstraße in Erlangen, erschoss zunächst Shlomo Lewin, der ihm die Tür öffnete, und anschließend Frida Poeschke, die sich im Wohnzimmer aufhielt. Nach der Tat half ihm Karl-Heinz Hoffmann dabei, die Tatkleidung zu vernichten und stellte ihm die finanziellen Mittel zur Verfügung, die er benötigte, um das Land zu verlassen. Behrendt setzte sich in den Libanon ab, wo die in Deutschland zu diesem Zeitpunkt bereits verbotene WSG eine Auslandsorganisation aufgebaut hatte. Dort soll er 1981 unter bis heute ungeklärten Umständen Suizid begangen haben.

Den Ermittlungsbehörden konnte sich Behrendt durch seine Flucht erfolgreich entziehen. Diese legten ihren Fokus nach dem Mord jedoch auch nicht auf ein rechtes Tatmotiv, sondern konzentrierten sich auf die „private Lebensführung“ der Opfer und ermittelten schwerpunktmäßig in deren persönlichem Umfeld. Unter anderem wurde auf der Basis abseitiger Gründe über Verbindungen Lewins zum israelischen Geheimdienst spekuliert oder angenommen, gemeindeinterne Streitigkeiten könnten der Grund für die Ermordung gewesen sein. Sowohl Indizien am Tatort als auch die Tatsache, dass der Hauptsitz der WSG nur wenige Kilometer von Erlangen in Ermreuth lag, hätten angesichts der den Behörden bekannten Bezugnahmen Lewins auf Hoffmann schon früher zu intensiveren Ermittlungen in Richtung der WSG führen müssen. Doch erst ein halbes Jahr nach der Tat stellten die Ermittler:innen den Zusammenhang her, durchsuchten das Schloss Ermreuth und stießen auf diesem Wege später auch auf Uwe Behrendt.

In einem darauffolgenden Strafprozess gegen Karl-Heinz Hoffmann und seine Lebensgefährtin Franziska Birkmann wurden beide vom Vorwurf des Mordes bzw. der Beihilfe freigesprochen, Hoffmann jedoch wegen anderer Delikte zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Nach seiner vorzeitigen Haftentlassung 1989 trat er als Investor im thüringischen Kahla auf und unterhielt dort Kontakte zu lokalen Neonazis. Auch nach seiner Rückkehr nach Ermreuth tauchte er immer wieder in rechten Kontexten auf, so z. B. als Beobachter und Kommentator des NSU-Prozesses oder 2015 als Besucher der neurechten Messe Zwischentag in der Erlanger Neonazi-Burschenschaft Frankonia. Behrendt war mit dem Urteil von 1986 in Abwesenheit als alleiniger Täter – als Einzeltäter – bestimmt. Das Gericht überging mit diesem Urteil widersprechende Zeugenaussagen ehemaliger WSG-Mitglieder inklusive Birkmann und ließ auch sonst viele Fragen offen. Besonders bemerkenswert ist, dass weder Hoffmanns Verhalten nach dem Doppelmord als Strafvereitelung noch er selbst als Stichwortgeber für die Tat gewertet wurde. Dabei hatte Hoffman während des Verfahrens unter anderem eine antisemitische Erzählung als Grundlage für Behrendts Tatmotiv angegeben, die er selbst in die Welt gesetzt hatte: Der Mossad sei eigentlich für das Oktoberfestattentat verantwortlich und ihm, Karl-Heinz Hoffmann, sei das Ganze nur in die Schuhe geschoben worden – dafür habe Behrendt Rache nehmen wollen.

Nicht nur die Ermittlungen im persönlichen Umfeld der Opfer und die damit verbundene Täter-Opfer-Umkehr der Polizeibehörden erinnern an die jüngere Geschichte des rechten Terrors, vor allem an den NSU-Komplex. Auch in der Medienberichterstattung gibt es Parallelen zu anderen Fällen. Bereits unmittelbar nach der Tat war in der Lokalpresse die Rede von „Ungereimtheiten“ der „schillernden Vergangenheit“ Shlomo Lewins und auch dort wurden ähnliche haltlose Narrative (re-)produziert wie in den Unterlagen der Ermittlungsbehörden. Lewins Cousin Ari Frankenthal sprach angesichts dessen bei der Aussegnung seiner Leiche in Fürth von einer „geistigen Ermordung“ durch die diffamierende Berichterstattung in der Presse.

Der ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, berichtete rückblickend davon, dass die Ermordung Shlomo Lewins und Frida Poeschkes in den jüdischen Gemeinden ein zweifaches Entsetzen ausgelöst hat: Entsetzen über den ersten neonazistischen Mord an einem deutschen Juden nach 1945 und Entsetzen über den ausbleibenden Aufschrei in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Nach dem Ende des sogenannten „Hoffmann-Prozesses“ in Nürnberg geriet das Attentat mehr und mehr in Vergessenheit. Erst 2010, zum 30. Jahrestag, benannte die Stadt Erlangen eine in der Nähe des Tatorts gelegene Parkanlage nach Lewin und Poeschke. Gleichzeitig wurde der Mord jedoch vor allem anfänglich immer wieder entpolitisiert. Auch auf den 2010 und 2015 an der Lewin-Poeschke-Anlage angebrachten Informations- und Gedenktafeln wird der rechtsterroristische Hintergrund der Tat nicht benannt. Nach der Selbstenttarnung des NSU 2011 entstand daher ein jährliches antifaschistisches Gedenken, das seither darauf ausgerichtet ist, nicht nur den Zusammenhang des Attentats mit seinem politischen Hintergrund wiederherzustellen, sondern auch Verbindungen zu anderen rechtsterroristischen Taten zu ziehen und damit auf Kontinuitäten des rechten Terrors bis in die Gegenwart hinzuweisen. Der 40. Jahrestag im Dezember 2020, der viel öffentliche Aufmerksamkeit erhielt, wurde von verschiedenen Gruppen und Parteien zum Anlass genommen, eine Neugestaltung des Gedenkorts zu fordern, die eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Attentats ermöglicht. Der Ausgang dieses Prozesses ist derzeit noch offen.

initiative kritisches gedenken

Im Januar 2019 gegründet, um an das antisemitische Attentat auf Shlomo Lewin und Frida Poeschke am 19.12.1980 in Erlangen zu erinnern. Schließt damit an die Arbeit verschiedener antifaschistischer Gruppen aus Erlangen seit 2011 an und wendet sich gegen Entpolitisierung und Selbstvergewisserung im Gedenken an rechten Terror.

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