26 Jahre nach dem Brandanschlag auf das AZ Conni

von Lotte

Conni e. V. gibt es seit dem 20.8.1991. Gerade wenn ich dieses Datum hier hinschreibe, fällt mir wieder auf, in welch verblüffender Schnelligkeit Kneipen, Clubs, Zentren während der Wende in ein anderes Staatssystem entstanden. Wie alles andere auch verlief es in Geschwindigkeiten, die mir jetzt nicht mehr nachvollziehbar sind und glatt den Atem rauben können.

Conni war in einem vierstöckigen Hinterhaus der Conradstrasse 18 in Dresden. Es war gemietet worden von einigen Künstlern und Musikern, die einen Platz für Subkultur schaffen wollten. Zunächst waren da das Erdgeschoss und die erste Etage samt des Kellers, die um- und ausgebaut wurden zur Kneipe (Erdgeschoss) und Konzertraum (Keller) und zu Proberäumen in der ersten Etage. In den oberen Stockwerken wohnten noch zwei Familien. Als diese auszogen, wurden die von uns besetzt und genutzt, um beispielsweise den Kinderladen zu machen. Viele von uns hatten Kinder und niemand Bock, sie in städtische Einrichtungen zu geben. Also machten wir unseren eigenen Betriebskinderladen, in den bald auch andere Kinder aus dem Viertel gebracht wurden. Ich selbst kam ins Conni, nachdem es ca. ein Jahr Bestand hatte. Conni wurde schnell von einem Ort der bloßen Subkultur zu einem linksradikalen/anarchistischen Ort. Niemand von uns wollte im Kapitalismus aufgehen und wir probierten, so gut es ging, ein Stück anderes Leben vorzuleben.

Es gäbe viel darüber zu sagen, wie wir uns fühlten, nachdem das Land, das vor die Hunde gegangen wurde, nicht mehr existierte und geschluckt worden war. Für jemanden wie mich war das Conni tatsächlich ein Rettungsanker. Ich bin heute noch dem Freund von damals dankbar, der mich dort reingeholt hatte.

Die unbeschreiblich großartige Euphorie, die mit den Demonstrationen und massenhaften Widerständen Ende ’89 aufkam, wurde mit den krakeelenden Rufen „Wir sind EIN VOLK“ zum freien Fall, der mich mit dem ersten Besuch Kohls in Dresden in ein Loch riss. So unfassbar schien es, dass Menschen sich sofort freiwillig unter die neue Herrschaft begaben, nachdem die alte gerade abgeschüttelt war. Es war wie ein Treppenwitz: Wir, die wir weder Großdeutschland noch Kapitalismus wollten, wurden beschimpft als „rote Socken“ und „Stasischweine“, beschimpft als die, von denen wir beobachtet, verfolgt und drangsaliert worden waren, da unser Widerstand gegen die allmächtige SED schon um einiges früher als im Herbst ’89 begann. Wir bekamen den „gesunden Volkszorn“ zu spüren, sowohl physisch als auch psychisch. (Natürlich haben wir es nicht einfach nur hingenommen!) Die, die sich damals schon mit „DEUTSCHLAAAAND!!!“ heiser brüllten, finden wir heute wohl mindestens bei PEGIDA und/oder den Schwurbler:innen. Es ist dieselbe Mentalität.

Das Conni wurde früh zu einem Angriffspunkt für PolitikerInnen aus der Kommune, des Landes Sachsen, für Neonazis, die sehr aktiv waren, und auch für einige AnwohnerInnen im Kiez. Es kam wirklich von allen Seiten, da gäbe es viele Anekdoten zu erzählen. Anekdoten, die uns, die wir das Conni betrieben, in Atem hielten und uns ständig reflektieren ließen, aber so eben auch Energie gaben, genau so zu arbeiten, gegen Hierarchien für ein Stück befreite Gemeinschaft. Anfang ’95 wurde das Grundstück Conradstrasse 18 an Nickel und Fritsch in München verkauft, verwaltet von Hama-Dresden Bau und Immobilien GmbH, und diese taten alles, um uns loszuwerden. Dazu hatten sie die richtigen Truppen, die anfingen, das inzwischen einfallende Vorderhaus zu bauen. Wir hatten nicht vor, diesem zum Teil faschistoiden Bautrupp (einer hatte da den Reichsadler auf der Brust tätowiert und wurde Adolf gerufen) zu weichen. Es kam immer wieder zu Auseinandersetzungen, die schließlich am 28.7.1995 in einem Brandanschlag mündeten. Dazu zitiere ich an dieser Stelle aus einem Bericht, den Andreas Kirsten Rönsch, ein Mitstreiter, damals aktuell für das von uns monatliche herausgegebene Heft Conradstrasse 18 geschrieben hatte:

„Es war am 28.07., am frühen Morgen zwischen 1:00 Uhr und 2:00 Uhr. So genau weiß dies keiner mehr. Nachher saß der Schock zu tief. […]

Es sind sieben Mann. Auch der Vorarbeiter ist dabei. Draußen steht noch einer mit einem Walkie-Talkie, das vielleicht auch ein Handy sein kann, die Zeugen können es nur annähernd sehen. Er wird später in den Apparat sprechen: ‚Ihr könnt jetzt alle kommen. Der Spaß beginnt.‘

Die Männer bestellen Bier. Einer, an den Beinen tätowiert, sieht besonders brutal aus. Daran kann auch die Lächerlichkeit seiner Bermudashorts, die er als einziges Kleidungsstück trägt, wenig ändern. Was das Bier kostet? Der Dienst, eine junge Frau, verlangt 15 Mark. Dies sei zu teuer. Sie solle den Chef holen, den Kleinen mit den dünnen langen Haaren. Sie wollen ihn haben, um ihn kalt zu machen.

Man kann es wörtlich nehmen. Jeder, der in diesem Club arbeitet, wäre in dieser Nacht seines Lebens nicht mehr sicher. Es wird sich herausstellen, dass diesen Männern ein Leben wenig gilt.

Ob sie Stunk machen wollen, fragt die Bedienung. Natürlich. Dafür sei man hergekommen.

Zwei der Gäste nimmt der Vorarbeiter aus dem Rennen. Diese kenne er, man soll sie in Ruhe lassen. Ihnen wird trotzdem zu heiß und sie verlassen den Schankraum.

In zehn Minuten explodiere eine Bombe. Sie sollen alle verschwinden. Es sind noch drei Gäste im Raum, ein weiterer sitzt draußen im Hof. Er wird dann den Brandanschlag beobachten, ist aber aus unerfindlichen Gründen nicht mehr da, als ihn die Polizei diesbezüglich befragen will.

Nach einer Minute sind es nur noch drei Minuten, bis die ‚Bombe‘ explodieren solle. Die Bombe sind sie wohl selbst. Denn jetzt fliegen Flaschen und Aschenbecher, alles, was eben greifbar ist. Man habe ihnen lange genug Stress gemacht, jetzt seien sie an der Reihe. […] Sie sollen alle verschwinden, sonst gibt es Tote. Was das soll, fragt der Freund der Bedienung. Als Antwort bekommt er eine Flasche vor das Jochbein. Er wird später zum Röntgen in die Notaufnahme geschafft.

Der Vorarbeiter ist es, der plötzlich zu einer neuen Agilität erwacht, kräftig anheizt. Um zu bekräftigen, wie wenig ihnen lebendige Wesen bedeuten, zertrümmern sie das Terrarium. Dieses beherbergte vormals Piranhas. Jetzt ist eine Schlange darin, erst seit drei Tagen. Und eine Maus, die mit dieser Freundschaft geschlossen hat. Die Kids und der Besitzer des Reptils haben Stunden damit zugebracht, die Tiere zu beobachten. Jetzt greift der in den Shorts, der besonders brutal aussehende, die Rotbandnatter und reißt sie bei lebendigem Leibe auseinander. Wenn er den ‚Chef‘ schon nicht bekommen kann. Die Gewalttäter wissen nicht, dass es keinen Chef in dem Sinne gibt. Sie sind Hierarchien gewöhnt und können sich ein gleichberechtigtes Nebeneinander nicht vorstellen.

Die beiden, noch zuckenden, Hälften der Schlange werden nach der jungen Frau hinter dem Tresen geworfen. Schlangen sterben langsam, selbst bei tödlichen Verletzungen. Das Feuer wird ein Erbarmen haben.

Inzwischen prügelt man die zwei verbliebenen männlichen Gäste die Treppe herunter. Einem reißt man mehrere Haarbüschel heraus. Sie rennen zum Auto, fahren zum Polizeirevier Nord.

Inzwischen, während die Zerstörung der Gaststätte in vollem Gange ist, versuchen die Bedienung und ihre Freundin den Hund der ersteren unter dem Tresen hervorzuholen. Dieser hat sich dort verkrochen, voller Angst. Und gefährlich ist es wirklich. Jede Sekunde besteht die Gefahr, ein tödliches Wurfgeschoss abzubekommen. Die junge Frau schreit, sie sollen ihr doch drei Minuten lassen, um den Hund herauszuholen. Sie solle sich nicht um den Hund kümmern, ist die lapidare Antwort. Ob sie auch an den Frauen herumgezerrt haben, ist nachher schwer zu sagen. Es sind Minuten wie in der Hölle.

Draußen rennt eine der Frauen zum Telefon. Sie weiß nicht, daß die beiden Männer zur Polizei sind, kann es jedoch vermuten. Sie sieht den Mann mit dem Handy. Auf dem Rückweg hört sie ihn sagen: Und nun sind die Bullen da.

Diese können drei der Täter dingfest machen, die anderen entwischen in einem weißen VW. Die Polizei war zeitig da, nach nur fünf Minuten. Nur reichte den Tätern die Zeit, nicht nur den Gastraum zu verwüsten, sondern ihn auch anzuzünden.

Auch eine Etage höher, am Hauptsicherungskasten, haben sie Feuer gelegt.

Man wird am nächsten Tag feststellen, dass die ganze Elektrik hinüber ist, sieht man von dem Hauslicht ab.

Die Feuerwehr rückt an. Es ist sehr viel Polizei da. Der, dem man die Haare ausgerissen hat, holt zwei vom Vorstand, unter anderem jenen ‚Chef‘, den der Vorarbeiter nun nicht mehr kaltmachen kann. Er sitzt in einem Polizeiwagen, und er ist wieder in seine alte, ängstliche Trinkernatur zurückgekrochen, als dessen Zorn über ihn hereinbricht.

Die Bestandsaufnahme ist schlimm. Die Gaststätte ist ausgebrannt, verrußt, zerstört. Kein Fenster ist heil, einiges an Warenbestand vernichtet. Die gesamte elektrische Anlage ist verschmort. […] Die Musikanlage ist zusammengeschmolzen, die Boxen hängen traurig in Tropfenform von der Decke. Die Installation des Dresdner Künstlers Bernd Lawrenz ist stark beschädigt.

Und Heidi, die Schlange, liegt als zwei verkohlte Hälften hinter dem ausgerußten Tresen. […]

Auch in der Etage darüber gibt es Schäden. Nicht nur der Stromkasten ist beschädigt. Der daneben stehende, neuwertige Warmwasserspeicher, der für den Kinderladen vorgesehen war, ist vollkommen unbrauchbar geworden. Einen Schrank hat man zu dem Feuer geworfen, damit es besser brennt. In ihm befanden sich Bücher für Kinder und Jugendliche, liebevoll zusammengetragen.

Mehr als zehn Kripobeamte betreiben Tatortbegehung und Spurensicherung. Trotz der Eindeutigkeit der Zeugenaussagen wird die Polizei der Presse gegenüber zu Protokoll geben, es hätte eine Schlägerei gegeben, als die Bauarbeiter Bier verlangten. Einen Streit. Was fast bewusste Irreführung ist.

Zwei der Wagen, welche die Täter fuhren, stehen noch da. Zwischen ihnen zwei gestohlene Kästen Bier. Als wollten sie noch eine Fete feiern. […]

Der Besitzer in München kann seine Freude in der Öffentlichkeit nicht zeigen. Er wird sich auch hüten. Ebenso wie die Chefetage der Firma HAMA, die auf der Görlitzerstrasse in Dresden ansässig ist. Die Taten ihrer Angestellten unterliegen allein deren eigener Verantwortlichkeit.

Was auffällt, ist, mit welcher Lässigkeit sich die drei vermutlichen Brandstifter verhaften ließen.

Die Maus hat überlebt. Sie saß in der Küche, sich inmitten der Trümmer putzend.

Und der Rentner aus dem Nebenhaus empörte sich darüber, dass die junge Frau ja geschrien hatte wie am Spieß. Mitten in der Nacht. Als wenn es an ihr Leben ginge.“

Was noch zu sagen ist: Trotz Verhaftungen gab es keinen Prozess. Nicht, dass ich meine, FaschistInnen oder die, die es werden wollen, würden bessere Menschen durch Justizias Gnaden. Es war nur wieder so typisch, so bezeichnend. Das Conni erhielt stattdessen von Nickel und Fritsch Zahlungsaufforderungen wegen der Sachbeschädigung. Ich weiß nicht mehr wie, aber gekriegt haben sie natürlich nichts von uns. Ca. Mitte 96 zogen wir um an den Ort, wo das AZ heute noch arbeitet. Stressfälle gab es seitdem noch etliche und auch wirklich heftige. Bisher haben wir auf die eine und die andere Art den Mittelfinger gezeigt.

Lotte

Seit Ende der 1980er Jahren in Dresden in der anarchistischen Oppositionsgruppe „Wolfspelz“ und bei der „Initiative demokratische Erneuerung“ (IDeE) aktiv. Gehörte im September 1989 zu den Gründer:innen des Neues Forums. Nach der Wende arbeitete sie im AZ Conni, baute es mit auf. Bis heute unterstützt sie staatlich Verfolgte und Gefangene und kämpft für eine freiere Welt.

Kontakt zur Autorin über zweiteroktober90.