Selective Memory: Vergangenheit zwischen Erinnerung und Beschweigen

von Stefan Peters

Ein Blick in die Tageszeitungen verrät: Nichts ist aktueller als die Geschichte. Die Bundesregierung hat kürzlich den Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia anerkannt, Frankreichs Präsident Macron die Verantwortung seines Landes für den Völkermord in Ruanda und die Folgen von Atomversuchen in der Südsee thematisiert, die Niederlande diskutieren die fortwährenden Konsequenzen des Kolonialismus für den institutionellen Rassismus, in Kanada haben die Verbrechen kirchlicher Organisationen an indigenen Kindern das Land erschüttert und nicht nur im Kontext der Black Lives Matter Bewegung in den USA oder der aktuellen Massenproteste in Kolumbien werden Statuen von ehedem als ehrwürdig erachteten Personen von ihren kolonialen Sockeln gestoßen. Die Liste von erinnerungspolitischen Gegenwartsereignissen ließe sich problemlos erweitern. Die Beispiele illustrieren drei zentrale Punkte: Erstens ist der Umgang mit der Vergangenheit Gegenstand teils lebhafter Kontroversen in der Gegenwart. Die Erinnerungspolitik ist mithin nicht festgelegt, sondern vielmehr dynamisch. In diesem Sinne hat in den vergangenen Dekaden zweitens eine Perspektivverschiebung stattgefunden: Das ehedem verbreitete ‚Vergessen‘ des Leids der Vergangenheit, das etwa nach dem Dreißigjährigen Krieg explizit im Westfälischen Frieden festgelegt wurde, ist aus der Mode gekommen. Damit einhergehend verlagerte sich das Zentrum der Geschichtspolitik auf die Opfer von Gewalt und Unrecht. Dies verbleibt drittens nicht auf der Ebene der Einforderung der Anerkennung des Leids, sondern hat sich zunehmend auch im gesellschaftlichen Kanon etabliert. Die Auseinandersetzung mit Gewalt und Menschenrechtsverletzungen der Vergangenheit gilt mittlerweile als Zeichen eines aufgeklärten und selbstkritischen Geschichtsbewusstseins. Mit der argentinischen Soziologin Elisabeth Jelin kann von einer ‚Pflicht zur Erinnerung‘ gesprochen werden. Dies manifestiert sich etwa in Deutschland in der Verankerung der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Barbarei in schulischen und außerschulischen Bildungskontexten. Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus kann heute als Staatsräson bezeichnet werden.

Die Omnipräsenz der Erinnerung versperrt dabei oft den Blick auf die andere Seite der Medaille des Umgangs mit der Vergangenheit: das Vergessen und Beschweigen von Ereignissen der Vergangenheit. Es ist zunächst banal darauf hinzuweisen, dass Individuen ebenso wie soziale Gruppen und ganze Gesellschaften immer Vergessen müssen. Es ist schlichtweg unmöglich die Vergangenheit stets vollständig abrufbar zu haben. Salopp ausgedrückt mangelt es schlichtweg an Speicherkapazität. Wer erinnert sich – trotz der damaligen weltpolitischen Bedeutung – schon heute noch an den Krieg von Chioggia aus dem 14. Jahrhundert? Einst zentrale Ereignisse verschwinden aus der kollektiven Erinnerung. Doch dies ist nur die halbe Wahrheit. Denn welche Ereignisse und Prozesse erinnert werden, hängt nicht zwingend an der historischen Distanz. So ist die Schlacht auf dem Amselfeld (heutiges Kosovo) – ebenfalls aus dem 14. Jahrhundert – in Serbien bis heute ein zentraler Erinnerungsort mit großer realpolitischer Relevanz. Die Frage, welche Ereignisse und Prozesse der Vergangenheit in der Gegenwart erinnert werden und welche hingegen der Vergessenheit anheimfallen, ist immer Teil politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen in der Gegenwart. Dabei ist die entscheidende Frage, welche Erinnerungen aus welchen Gründen eine Stimme haben und sich in politischen, gesellschaftlichen und/oder kulturellen Diskussionen Gehör verschaffen können bzw. welche dies spiegelbildlich nicht vermögen.

Die Pflicht zur Erinnerung beinhaltet somit immer auch den Ausschluss von bestimmten Ereignissen und Vergangenheitsinterpretationen aus den kollektiven Erinnerungsprozessen. Dies ist – siehe das Beispiel des Kriegs von Chioggia – nicht per se problematisch. Diese Themen sind für die historische Forschung von Interesse, erinnerungspolitische Kontroversen rufen sie nicht hervor. Politisch relevant erscheint hingegen das Beschweigen von Ereignissen der Vergangenheit durch Exklusion bestimmter Stimmen aus dem öffentlichen Erinnerungsraum. Hierbei handelt es sich um eine Folge von Macht- und Ungleichheitsverhältnissen, die sich in einer unterschiedlichen Resonanz der Artikulation von Erinnerungsnarrativen im öffentlichen Raum widerspiegeln. Anders ausgedrückt geht es nicht um ein Vergessen strictu sensu, sondern vielmehr um das Beschweigen bestimmter Aspekte der Vergangenheit. Das Schweigen ist dabei nicht absolut. Es handelt sich um Erinnerungen, die existieren und auch dokumentierbar sind, die sich jedoch keinen Platz in den etablierten Räumen der Vergangenheitspolitik oder Erinnerungskultur verschaffen können und deshalb keine Resonanz im öffentlichen Raum erhalten.

Diese Form der Nicht-Erinnerung muss folglich als erzwungene Form des gesellschaftlichen Beschweigens der Vergangenheit gefasst werden. Aus einer solchen Perspektive ist eine Verschränkung von Forschungen zur kollektiven (Nicht-)Erinnerung mit Analysen von Machtverhältnissen und sozialen Ungleichheiten weiterführend. Dabei kann zwischen politischen und sozialen Gründen der Exklusion aus dem Raum gesellschaftlich legitimierter Erinnerungsnarrative unterschieden werden. Erstere fokussieren auf Vergangenheitsinterpretationen, die die etablierten Erinnerungsnarrative herausfordern, sie irritieren oder ihnen gar widersprechen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Dies ist nicht zwingend problematisch. Oft glänzen solche Vergangenheitsinterpretationen – wie im Falle der Holocaustleugnung – durch eine erstaunliche Fähigkeit zur Ignoranz gegenüber historischen Fakten. Demgegenüber fokussieren die sozialen Gründe für die Exklusion aus dem legitimen öffentlichen Erinnerungsraum – zweitens – auf die soziale Positionierung der Träger/-innen der Erinnerungen. Demnach reflektieren sich verschiedene Determinanten sozialer Ungleichheiten (soziale Klasse, Ethnizität, Gender, sozial-territoriale Ungleichheiten, Alter, etc.) und deren intersektionelle Verschränkungen in der (Un-)Möglichkeit der Erzielung von Resonanz für Artikulationen von Erinnerungsnarrativen.

Die neonazistische Gewalt im Kontext der deutschen Wiedervereinigung an der Zeitenwende 1989/90 ist für eine solche Perspektive von besonderer Relevanz. Denn hier verschränken sich die politischen mit den sozialen Gründen der Exklusion dieser hässlichen Seite der Wiedervereinigung aus dem Raum gesellschaftlich legitimierter Erinnerungen. Die neonazistische Gewalt irritiert die Erzählung der friedlichen Revolution mutiger Bürger/-innen für eine demokratische Gesellschaft und fordert damit das wohlige Gefühl einer historischen Erfolgsgeschichte Deutschlands heraus. Gleichzeitig richtete sich die Gewalt der Neonazis nicht zuletzt gegen Migrant/-innen und marginalisierte Menschen, die kaum einen privilegierten Zugang zum öffentlichen Diskurs haben und deren Erinnerungen daher für den Großteil der Bevölkerung ungehört und folglich auch unbekannt bleiben. Nicht zufällig war es mit dem Autoren und Journalisten Peter Richter ein ehemaliger Punk aus gutem Hause, der das Treiben der rechtsextremen Schläger/-innen in seinem autobiographischen Roman 89/90 thematisierte, ohne damit den erinnerungspolitischen Konsens in der Bundesrepublik ernsthaft herausfordern zu können, ähnlich wie weitere Veröffentlichungen anderer Autor/-innen in kleineren Verlagen. Dabei zeigt die Arbeit von zweiteroktober90.de unter dem Titel ‚Die Gewalt der Vereinigung‘, dass die neonazistische Gewalt im Kontext der Wiedervereinigung keineswegs als Randerscheinung abgetan werden kann. Vielmehr gilt es die Auseinandersetzung mit dem Ende der zwei deutschen Staaten um den unappetitlichen Teil der Geschichte zu erweitern. Dies gibt nicht nur den Stimmen der Opfer dieser Gewalt gesellschaftliche Resonanz, sondern könnte auch zu einem besseren Verständnis der Gründe für das Wiedererstarken einer offensiv auftretenden und gewaltbereiten rechtsextremen Szene beitragen. Dies bedeutet explizit nicht, auf eine Würdigung der Bürgerrechtsbewegung zu verzichten. Es gilt jedoch, die fahnenschwenkenden und freudentrunkenden Bilder des Mauerfalls und der Wiedervereinigung mit ihren Ambivalenzen und Schattenseiten zu konfrontieren und den Erinnerungen der Opfer vergangener und aktueller neonazistischer Gewalt endlich einen Platz in der Debatte zum Umgang mit der Vergangenheit der deutschen Wiedervereinigung zu geben.

Die Omnipräsenz der Erinnerung versperrt dabei oft den Blick auf die andere Seite der Medaille des Umgangs mit der Vergangenheit: das Vergessen und Beschweigen von Ereignissen der Vergangenheit. Es ist zunächst banal darauf hinzuweisen, dass Individuen ebenso wie soziale Gruppen und ganze Gesellschaften immer Vergessen müssen. Es ist schlichtweg unmöglich die Vergangenheit stets vollständig abrufbar zu haben. Salopp ausgedrückt mangelt es schlichtweg an Speicherkapazität. Wer erinnert sich – trotz der damaligen weltpolitischen Bedeutung – schon heute noch an den Krieg von Chioggia aus dem 14. Jahrhundert? Einst zentrale Ereignisse verschwinden aus der kollektiven Erinnerung. Doch dies ist nur die halbe Wahrheit. Denn welche Ereignisse und Prozesse erinnert werden, hängt nicht zwingend an der historischen Distanz. So ist die Schlacht auf dem Amselfeld (heutiges Kosovo) – ebenfalls aus dem 14. Jahrhundert – in Serbien bis heute ein zentraler Erinnerungsort mit großer realpolitischer Relevanz. Die Frage, welche Ereignisse und Prozesse der Vergangenheit in der Gegenwart erinnert werden und welche hingegen der Vergessenheit anheimfallen, ist immer Teil politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen in der Gegenwart. Dabei ist die entscheidende Frage, welche Erinnerungen aus welchen Gründen eine Stimme haben und sich in politischen, gesellschaftlichen und/oder kulturellen Diskussionen Gehör verschaffen können bzw. welche dies spiegelbildlich nicht vermögen.

Die Pflicht zur Erinnerung beinhaltet somit immer auch den Ausschluss von bestimmten Ereignissen und Vergangenheitsinterpretationen aus den kollektiven Erinnerungsprozessen. Dies ist – siehe das Beispiel des Kriegs von Chioggia – nicht per se problematisch. Diese Themen sind für die historische Forschung von Interesse, erinnerungspolitische Kontroversen rufen sie nicht hervor. Politisch relevant erscheint hingegen das Beschweigen von Ereignissen der Vergangenheit durch Exklusion bestimmter Stimmen aus dem öffentlichen Erinnerungsraum. Hierbei handelt es sich um eine Folge von Macht- und Ungleichheitsverhältnissen, die sich in einer unterschiedlichen Resonanz der Artikulation von Erinnerungsnarrativen im öffentlichen Raum widerspiegeln. Anders ausgedrückt geht es nicht um ein Vergessen strictu sensu, sondern vielmehr um das Beschweigen bestimmter Aspekte der Vergangenheit. Das Schweigen ist dabei nicht absolut. Es handelt sich um Erinnerungen, die existieren und auch dokumentierbar sind, die sich jedoch keinen Platz in den etablierten Räumen der Vergangenheitspolitik oder Erinnerungskultur verschaffen können und deshalb keine Resonanz im öffentlichen Raum erhalten.

Diese Form der Nicht-Erinnerung muss folglich als erzwungene Form des gesellschaftlichen Beschweigens der Vergangenheit gefasst werden. Aus einer solchen Perspektive ist eine Verschränkung von Forschungen zur kollektiven (Nicht-)Erinnerung mit Analysen von Machtverhältnissen und sozialen Ungleichheiten weiterführend. Dabei kann zwischen politischen und sozialen Gründen der Exklusion aus dem Raum gesellschaftlich legitimierter Erinnerungsnarrative unterschieden werden. Erstere fokussieren auf Vergangenheitsinterpretationen, die die etablierten Erinnerungsnarrative herausfordern, sie irritieren oder ihnen gar widersprechen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Dies ist nicht zwingend problematisch. Oft glänzen solche Vergangenheitsinterpretationen – wie im Falle der Holocaustleugnung – durch eine erstaunliche Fähigkeit zur Ignoranz gegenüber historischen Fakten. Demgegenüber fokussieren die sozialen Gründe für die Exklusion aus dem legitimen öffentlichen Erinnerungsraum – zweitens – auf die soziale Positionierung der Träger/-innen der Erinnerungen. Demnach reflektieren sich verschiedene Determinanten sozialer Ungleichheiten (soziale Klasse, Ethnizität, Gender, sozial-territoriale Ungleichheiten, Alter, etc.) und deren intersektionelle Verschränkungen in der (Un-)Möglichkeit der Erzielung von Resonanz für Artikulationen von Erinnerungsnarrativen.

Die neonazistische Gewalt im Kontext der deutschen Wiedervereinigung an der Zeitenwende 1989/90 ist für eine solche Perspektive von besonderer Relevanz. Denn hier verschränken sich die politischen mit den sozialen Gründen der Exklusion dieser hässlichen Seite der Wiedervereinigung aus dem Raum gesellschaftlich legitimierter Erinnerungen. Die neonazistische Gewalt irritiert die Erzählung der friedlichen Revolution mutiger Bürger/-innen für eine demokratische Gesellschaft und fordert damit das wohlige Gefühl einer historischen Erfolgsgeschichte Deutschlands heraus. Gleichzeitig richtete sich die Gewalt der Neonazis nicht zuletzt gegen Migrant/-innen und marginalisierte Menschen, die kaum einen privilegierten Zugang zum öffentlichen Diskurs haben und deren Erinnerungen daher für den Großteil der Bevölkerung ungehört und folglich auch unbekannt bleiben. Nicht zufällig war es mit dem Autoren und Journalisten Peter Richter ein ehemaliger Punk aus gutem Hause, der das Treiben der rechtsextremen Schläger/-innen in seinem autobiographischen Roman 89/90 thematisierte, ohne damit den erinnerungspolitischen Konsens in der Bundesrepublik ernsthaft herausfordern zu können, ähnlich wie weitere Veröffentlichungen anderer Autor/-innen in kleineren Verlagen. Dabei zeigt die Arbeit von zweiteroktober90.de unter dem Titel ‚Die Gewalt der Vereinigung‘, dass die neonazistische Gewalt im Kontext der Wiedervereinigung keineswegs als Randerscheinung abgetan werden kann. Vielmehr gilt es die Auseinandersetzung mit dem Ende der zwei deutschen Staaten um den unappetitlichen Teil der Geschichte zu erweitern. Dies gibt nicht nur den Stimmen der Opfer dieser Gewalt gesellschaftliche Resonanz geben, sondern könnte auch zu einem besseren Verständnis der Gründe für das Wiedererstarken einer offensiv auftretenden und gewaltbereiten rechtsextremen Szene beitragen. Dies bedeutet explizit nicht, auf eine Würdigung der Bürgerrechtsbewegung zu verzichten. Es gilt jedoch, die fahnenschwenkenden und freudentrunkenden Bilder des Mauerfalls und der Wiedervereinigung mit ihren Ambivalenzen und Schattenseiten zu konfrontieren und den Erinnerungen der Opfer vergangener und aktueller neonazistischer Gewalt endlich einen Platz in der Debatte zum Umgang mit der Vergangenheit der deutschen Wiedervereinigung zu geben.

Prof. Dr. Stefan Peters

Professor für Friedensforschung an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Direktor des Deutsch-Kolumbianischen Friedensinstituts / Instituto Colombo-Alemán para la Paz (CAPAZ) in Bogotá.


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