Politiken der Straße – von der Friedlichen Revolution zu den Baseballschlägerjahren

von Friedemann Schwenzer

„Kind der 90ger. Leipzig. Stadt der friedlichen Revolution. Ich habe keine Story mit aktiver rechter Gewalt. Aber noch immer die unangenehme Erinnerung daran, wie plötzlich überall Glatzen, Springerstiefel und Bomberjacken auftauchten […] #baseballschlägerjahre“

@CarolaHuflatti1: „Kind der 90ger.” ‹https://twitter.com/CarolaHuflatti1/status/1192400163312209923?s=20› (zuletzt eingesehen am 31.07.2021).

Im 30. Jubiläumsjahr der Friedlichen Revolution wollte mal wieder nicht ungetrübte Feierstimmung aufkommen. 2019 dominierte im offiziellen Erinnern zwar vor allem das Gedenken an die demokratische Selbstermächtigung der Friedlichen Revolution, doch medial-öffentlich standen die ostdeutschen Ohnmachtserfahrungen der Transformationszeit vielfach im Vordergrund. So weit, so unspektakulär. Wer die Debatten um Ostdeutschland verfolgt, ist von dieser Diskrepanz wenig überrascht. An ostdeutschen Gegenerzählungen zum Einheitsfreudentaumel hat es im Grunde nie gefehlt, auch wenn diese wieder und wieder mit dem Gestus des Unerhörten vorgetragen werden. Im Jubiläumsjahr 2019 war es so auch nicht das Beharren auf die Härten des Wiedervereinigungsprozesses, welches den gewohnten Gang des Erinnerns störte, sondern ein Hashtag auf Twitter. Unter #baseballschlägerjahre teilten Nutzer:innen Erfahrungen mit rechter Gewalt in der DDR, der Zeit des Umbruchs von 1989/90, aber vor allem in der Nachwendezeit. Diese Erinnerungen eröffnen Einblicke in die ostdeutsche Transformationsgesellschaft, die zwar in der Revolution von 1989 den öffentlichen Raum von der SED-Diktatur zurückeroberte, diesen aber anschließend nicht gegen die Raumnahme von rechts zu verteidigen vermochte.1Dieser Text beruht auf meiner Masterarbeit #baseballschlägerjahre. Ostdeutschland erinnern. Die Anregung, 1989 und die sogenannten Baseballschlägerahre aus der Perspektive des öffentlichen Raums und mit dem Konzept der Straßenpolitik zu beleuchten, stammt aus einem Text des Kultursoziologen Alexander Leistner: Vgl. Leistner, Alexander: Oppositionelle Akteurskonstellationen im Herbst 1989. Vorgeschichte und Nachleben der Protestbewegung der DDR, in: Kowalczuk, Ilko-Sascha /Ebert, Frank/Kulick, Holger (Hg.): (Ost) Deutschlands Weg. 45 Studien zur Lage des Landes. Teil I – 1989 bis heute, Reihe: Schriftenreihe / Bundeszentrale für politische Bildung, 10676/ I, S. 61–77, hier S. 68. Jenseits von Einheitsklagen, Nostalgie und Ost-Westkonflikten ist damit eine ostdeutsche Selbstbefragung angestoßen worden.

Für meine Masterarbeit #baseballschlägerjahre. Ostdeutschland erinnern habe ich die auf Twitter unter dem Hashtag #baseballschälgerjahre geteilten autobiographischen Erinnerungen qualitativ ausgewertet und im Kontext des Jubiläumsjahres 2019 untersucht. Ich nehme dabei an, dass das Erinnern in einem situativen Kontext eingebettet ist, von diesem beeinflusst wird und auf diesen reagiert.2Zur situativen Verortung des Erinnerns: Vgl. Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, Stuttgart: J.B. Metzler Verlag 2017, S. 6/7. Die geteilten Erinnerungen von #baseballschlägerjahre sind, so meine These im Folgenden, als Gegenerzählung3Ich beziehe mich dabei auf das theoretische Perspektive der kulturwissenschaftlichen counter-narrative-Forschung: Meretoja, Hanna: A dialogics of counter-narratives, in: Lueg, Klarissa/Wolff Lundholt, Marianne (Hg.): Routledge handbook of counter-narratives, New York: Routledge 2021, S. 30–42. zum Erinnerungsnarrativ der Friedlichen Revolution lesbar.

Vorab sei gesagt, dass es mir nicht darum geht, die historische Leistung der DDR-Opposition in Abrede zu stellen. Vielmehr möchte ich das Erinnerungsnarrativ der Friedlichen Revolution als diskursives Identifikationsangebot in den Blick nehmen, welches Teil der Debatten um ostdeutsche Identitäten und Selbstbilder ist.4Anschaulich konnte man das zuletzt in der Debatte um den Ostbeauftragten Marco Wanderwitz (CDU) beobachten. Dieser bescheinigte Teilen der Ostdeutschen mit Hinblick auf tief verankerten demokratiefeindliche und rechte Einstellungen eine Diktatursozialisation. Die Journalistin Anne Hähnig forderte ihn daraufhin auf, doch auch über die Friedliche Revolution zu sprechen: Vgl. Hähnig, Anne: „Ja, Ostdeutschland leidet bis heute unter der Diktatur” ‹https://twitter.com/anne_haehnig/status/1398609814431936512› (zuletzt eingesehen am 31.07.2021). Einen guten Anhaltspunkt dafür bietet die diskurslinguistische Forschung des Germanisten Waldemar Czachur. Aus einem Korpus an Zeitungsartikeln kristallisiert er in Rückblick auf das Jubiläumsjahr 2009 zentrale Aspekte heraus.5Im Folgenden beziehe ich mich auf: Czachur, Waldemar: Wie aus Wende, Umsturz und Mauerfall doch noch eine friedliche Revolution wurde. Zur konzeptionellen und sprachlichen Kreativität im aktuellen Erinnerungsdiskurs in Deutschland, in: Teichfischer, Philipp/ Czyżewska, Marta/Czachur, Waldemar (Hg.): Kreative Sprachpotenziale mit Stil entdecken. Germanistische Festschrift für Professor Wolfgang Schramm, Wrocław: Atut 2011, S. 133–155. Im Zentrum stehen, so Czachur, der Mut und das Risiko der DDR-Bürger:innen: Sie gingen auf die Straße, obwohl die Ereignisse auf dem chinesischen Tian’anmen-Platz allgemein präsent waren und ein gewaltvolles Niederschlagen des Protestes bis zum 9. Oktober in Leipzig immer eine reale Bedrohung darstellte. Ein weiterer Aspekt ist der Wunsch der Protestierenden nach Freiheit und Demokratie, wobei die Dringlichkeit dieses Wunsches durch den Mut- und Risikoaspekt verstärkt wird. Der Protest für Demokratie und Freiheit wird schließlich mit der Überwindung der Diktatur belohnt, wobei der Aspekt der Gewaltlosigkeit mit einer besonderen Reife der politischen Kultur in Verbindung gebracht wird.

Das Erinnerungsnarrativ der Friedlichen Revolution ist, so könnte man zusammenfassen, eine Präfiguration der Demokratisierung und politischen Reifung der ostdeutschen Gesellschaft. Der Ort für diese symbolische Transformation ist dabei die Straße. Insbesondere die Leipziger Montagsdemonstrationen stehen für ein Ringen um den öffentlichen Raum, welches schließlich am 9. Oktober 1989 für die Demonstrant:innen entschieden worden ist.

Zumeist verlassen die Schilderungen von 1989/90 nach dem 9. Oktober den Leipziger Schauplatz und springen von da aus weiter nach Berlin – zunächst zur Öffnung der Mauer am 9. November und schließlich zum Tag der Wiedervereinigung. Doch aus der Perspektive von #baseballschlägerjahre ist der 9. Oktober in Leipzig kein Endpunkt, sondern ein Auftakt für eine Auseinandersetzung über Teilhabe am öffentlichen Raum, die sich in vielen Teilen Ostdeutschlands in den 1990er Jahren abspielte. An den Leipziger Montagsdemonstrationen kann man eine Veränderung der Protestausrichtung beobachten:

„Die Maueröffnung am 9. November 1989 leitete die zweite Phase ein. Jetzt wandelte sich die Losung zu „Wir sind ein Volk“ und setzte über Nacht neue politische Akzente. Ins Zentrum rückte die nationale Frage […].“


Beier, Achim: Mythos Montagsdemonstration, in: Bundeszentrale für politische Bildung, 24. Dezember 2020 ‹https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/324912/mythos-montagsdemonstration› (zuletzt eingesehen am 26.03.2021).

Die Montagsdemonstrationen sind nicht nur der symbolische Ort der demokratischen Raumnahme von Bürger:innen gegen die SED-Diktatur, sondern auch Teil der darauf folgenden Raumnahme von rechts.6Vgl. Werner, Niels: Die Baseballschlägerjahre im Osten. Glatzen, Chaos und Gewalt, Reihe: MDR Zeitreise ‹https://www.mdr.de/tv/programm/video-mdr-zeitreise-glatzen-chaos-und-gewalt-100_zc-12fce4ab_zs-6102e94c.html› (zuletzt eingesehen am 10.03.2021). Ein besonders drastisches Beispiel der Verschiebung der Machtverhältnisse auf der Straße ist für den Montag des 22. Januar 1990 überliefert: Jugendliche Punks liefen den Leipziger Innenstadtring aus Protest gegen die nationalistische Vereinnahmung der Montagsdemonstrationen in die entgegengesetzte Richtung. Sie wurden von einigen ihnen entgegenkommenden Demonstrant:innen attackiert und durch die Stadt gejagt, wo sie sich in der Universitätskantine verbarrikadieren mussten.7Vgl. Botsch, Gideon: From Skinhead-Subculture to Radical Right Movement: The Development of a ‘National Opposition’ in East Germany, in: Contemporary European History, Vol. 21 (2012), No. 4, S. 553–573, hier S. 563.

Es lohnt sich, in Bezug auf Hashtag #baseballschlägerjahre noch einen Moment über diesen Vorfall nachzudenken. Der Historiker Thomas Lindenberger regt an, die Straße als einen Ort des Politischen zu lesen. Sowohl in den ephemeren Situationen des Alltags, wie auch in dezidiert politischen Versammlungen finden kleine und große Auseinandersetzungen über Macht, Einfluss und Teilhabe statt. Lindenberger nennt diese Kämpfe Straßenpolitik.8Zum Konzept der Straßenpolitik: Lindenberger, Thomas: Straßenpolitik. Zur Sozialgeschichte der öffentlichen Ordnung in Berlin 1900 bis 1914, Bonn: Dietz 1995. Nimmt man diese Perspektive ernst, so drängt sich unwillkürlich die Frage auf, für wen die Straßenpolitik der Friedlichen Revolution Freiräume eigentlich eröffnet hat.

In den 40 Jahren SED-Diktatur war die Nutzung des öffentlichen Raums reglementiert. Der Ordnungsanspruch des Staates wurde bis 1989 nur anlässlich des Aufstands vom 17. Juni 1953 in größerem Maße in Frage gestellt.9Für einen kurzen Abriss zur Nutzung des öffentlichen Raums in der DDR:Lindenberger, Thomas: Die Straße als Politik-Arena im langen 20. Jahrhundert, in: Recker, Marie-Luise / Schulz, Andreas (Hg.): Parlamentarismuskritik und Antiparlamentarismus in Europa, Düsseldorf: Droste Verlag 2018, S. 151–166, hier S. 159. Besonders auch die im öffentlichen Raum sichtbare jugend- und subkulturelle Normabweichung war der Diktatur ein Dorn im Auge. Die sich seit den 1980er Jahren ausdifferenzierenden Jugendkulturen von Punks, Goths und anderen „negativ-dekadenten“10Den Blick der Staatssicherheit auf die DDR-Jugendkulturen in den 1980er Jahren zeigt diese Übersicht eindrücklich: Übersicht über Erscheinungsformen „negativ-dekadenter“ Jugendlicher ‹https://www.stasi-mediathek.de/medien/erscheinungsformen-negativ-dekadenter-jugendlicher/blatt/30/›. Jugendlichen waren oft heftigen Repressionen ausgesetzt.11Zur subkulturellen Opposition und staatlichen Repression vgl. Seeck, Anne (Hg.): Das Begehren, anders zu sein. Politische und kulturelle Dissidenz von 68 bis zum Scheitern der DDR, Münster: Unrast 2012. Die 1980er Jahre sind dabei ebenfalls verbunden mit einer wachsenden und immer gewaltförmiger agierenden rechten Szene, wobei der Angriff auf das Punkkonzert in der Berliner Zionskirche im Jahr 1987 einen vorläufigen Höhepunkt der Gewalt darstellt.

Betrachtet man den Umbruch von 1989/90 aus einer jugend- und subkulturellen Perspektive, so muss man feststellen, dass sie vor allem der rechten Szene Auftrieb gegeben hat. Die nationalistische Euphorie rund um die Wiedervereinigung sowie die anhaltenden Demonstrationen bis dahin, haben die eher vereinzelten rechten Szenen der DDR getragen und zusammengeführt.12Vgl. zu dieser These: Botsch, Gideon: From Skinhead-Subculture to Radical Right Movement: The Development of a ‘National Opposition’ in East Germany, in: Contemporary European History, Vol. 21 (2012), No. 4, S. 553–573, hier S. 564ff. Für nicht-rechte Jugendliche lagen Freiheitsgewinn und das Trauma der rechten, jugendkulturellen Hegemonie der Baseballschlägerjahre dagegen oft nah beieinander, wie diese:r Twitternutzer:in anhand eines Konzertbesuches im August 1990 beschreibt:

„1990 spielten The Cure in Leipzig. Ein Traum vieler #Goth wurde endlich wahr. Vor und nach dem Konzert prügelten Naziskins auf die pazifistischen Goths ein. Der Traum wurde zum Trauma. #baseballschlaegerjahre“


@hallraune: „1990 spielten The Cure in Leipzig.” ‹https://twitter.com/hallraune/status/1189956067012358145?s=20› (zuletzt eingesehen am 31.07.2021).

Das Konzert von The Cure noch vor der Wiedervereinigung bedeutete einen neuen subkulturellen Freiraum. Gleichzeitig war es, so erinnern mehrere Twitternutzer:innen unabhängig voneinander, für viele junge Menschen eine traumatische Erfahrung mit rechter Gewalt.

Der eingangs zitierte Tweet verortet die Erinnerung an die Baseballschlägerjahre dezidiert in der Stadt der Friedlichen Revolution. Er ruft damit ein Erinnerungsnarrativ auf, welches für die Demokratisierung und politische Reifung der ostdeutschen Gesellschaft steht. Die Straße, so habe ich herausgearbeitet, steht dafür symbolisch. Die unter dem Hashtag #baseballschlägerjahre geteilten Erfahrungen unterwandern das Narrativ der Friedlichen Revolution, indem sie die Geschichte der Straßenpolitik fortschreiben, und eröffnen einen jugend- und subkulturellen Blick auf den Umbruch von 1989/90. Die rechte Dominanz im nachrevolutionären Ostdeutschland bedeutete dabei für viele nicht-rechte Jugendliche einen Verlust des öffentlichen Raumes: Straßen, Plätze, Bahnhöfe oder ganze Wohnviertel wurden für viele junge Menschen Angsträume und aus Perspektive der „negativ-dekadenten“ Jugendlichen wurden die Repressionen des SED-Staats oftmals von rechter Gewalt abgelöst.

Friedemann Schwenzer

Hat Literatur- und Kulturwissenschaft studiert und beschäftigt sich mit Erinnerungskultur, Ostdeutschland und Osteuropa. In seiner Masterarbeit untersucht er Erinnerungen an rechte Gewalt in der DDR, Wende- und Transformationszeit anhand #baseballschlägerjahre.

Twitter: @superserioes