Hey – Rote Zora

von Dirk Teschner

Zehn Deutsche sind natürlich dümmer als fünf Deutsche. (Heiner Müller)

Allerspätestens nach der Volkskammerwahl am 18. März 1990 war klar, wohin die Reise ging. Die Oppositionsgruppen in der DDR kämpften viele Jahre gegen Stasi, Staat und Mehrheitsgesellschaft an. Sie wurden von der Stasi überwacht, vom Staat ignoriert und von den Spießbürger:innen beschimpft. Die DDR-Opposition, die linke erst recht, war eine verschwindende Minderheit. Und das blieb sie auch bis zum Ende der DDR im Herbst 1990!

So groß die Freude auch war, als im Herbst 1989 immer mehr Menschen auf die Straße gingen: Die Skepsis, ob sie es ernst meinten mit der Forderung nach einem demokratischen Sozialismus blieb. Die Zweifel waren berechtigt. Zwar kamen viele Menschen im Herbst zum Nachdenken und zum Handeln, aber mit dem Mauerfall wurde alles anders, auch der bürgerliche Teil der alten DDR-Opposition ging mit wehenden Deutschland-Fahnen – Heim ins neue Vaterland –.

Anfang 1990 versuchten wir zu retten, was zu retten war. Es begann der kurze Sommer der Anarchie: Häuser wurden besetzt, es entstanden illegale Clubs und Infoläden. Es wurden Zeitschriften, Freie Radios, Betriebsgruppen gegründet, runde Tische eingerichtet, das, was von der Stasi noch übrig war, aufgelöst und – was die meiste Zeit in Anspruch nahm – es wurde versucht mit allen Mitteln den erstarkenden rechten Mob zu stoppen!

Mit der AfD (Allianz für Deutschland) an der Regierung kamen Währungsunion und Treuhandanstalt. Der Zug rollte unaufhaltsam Richtung „Deutschland einig Vaterland“. Am 20. September 1990 stimmten die Volkskammer der DDR und der Bundestag der BRD dem Einigungsvertrag vom 31. August zu. Als Termin des Anschlusses wurde der 3. Oktober festgelegt. Die „Einheitsfeier“ sollte vom 2. auf den 3. Oktober vor dem Reichstag in Berlin stattfinden.

Seit November 1989 kam es in Berlin zu regelmäßigen Treffen autonomer und anderer linksradikaler Gruppen aus Ost- und Westberlin. Trotz aller unterschiedlicher Entwicklungen und verschiedener politischer Ansätze gab es gemeinsame Aktionen. Ob bei der Besetzung leerstehender Häuser in Ostberlin, aktiver Straßenpräsenz gegen Nazis, antirassistischen Projekten, Zusammenarbeit beim EA (Ermittlungsausschuss) oder der Vernetzung mit linken Anwält:innen, Herausgabe der Besetzer:innenzeitung, …

Ein Höhepunkt war die große Antifa-Demo am 24. Juni 1990 gegen die Nazi-Häuser in Berlin-Lichtenberg.

Ab Anfang September ‘90 begann die Planung der Aktionstage für den Wiederzusammenbruch, gegen den Anschluss der DDR zur BRD. Als Höhepunkt wurde eine Demonstration für den 3. Oktober anvisiert. Die Route sollte von Kreuzberg zum Alexanderplatz gehen. Nach langer Diskussion wurde sich auf den Slogan „Halt’s Maul, Deutschland. Es reicht!“ geeinigt.

Die Aktionstage plätscherten so vor sich hin, die Gegenaktionen am Abend des 2. Oktobers gingen im nationalen Taumel unter. Pyros gegen Kohl & Co konnten nicht von Jubelraketen unterschieden werden. Am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg riefen Ostberliner Künstler:innen und Musiker:innen abseits von den Vereinigungsfeierlichkeiten um 23.53 Uhr die Autonome Republik Utopia aus.

Aber die Demonstration am 3. Oktober war groß, kämpferisch und dynamisch. Die Angaben über die Zahl der Teilnehmer:innen schwanken zwischen 15.000 und 20.000.

Es gab zwei Lautsprecherwagen, vorne der Lauti-West, weiter hinter der Lauti-Ost (eine Spende aus Freiburg). Der Lauti-Ost-Schutz bestand aus Mitgliedern der Autonomen Antifa Ostberlin und Bewohner:innen besetzter Osthäuser.

Schon während der Fahrt zum Startort O‑Platz in Kreuzberg kam es zum Versuch der Westpolizei, die beiden Lautsprecherwagen zu durchsuchen, was aufgrund der schnell anwachsenden Anzahl von Demoteilnehmer:innen, die zur Unterstützung zu den Lautis eilten, verhindert werden konnte.

Am Oranienplatz tauchten die beiden NA/VAPO-Neonazikader Ingo Hasselbach und Günther Reinthaler auf. Als Antifaschist:innen sie entdeckten und angriffen, wurden die Nazis von der Polizei in Schutzhaft genommen.

Ein großes Aufgebot der Westberliner Polizei begleitete die Demonstration ab Höhe Palast der Republik im Spalier.

Seit Mitte 1990 war bei allen linksradikalen Demonstrationen das Lied „Hey Rote Zora“1Hey Rote Zora

Staat und Macht und Geld
Widdewiddewitt, und Bullenschweine
Alle Groß und Klein
Trallallalala
Kriegen eine rein
Wir machen uns die Welt
Widdewidde
Wie sie uns gefällt
Kampf dem Kapital
Illegal legal ist scheißegal

Hey Rote Zora
Molli hier, Molli da, Molli hopsassa
Hey Rote Zora
Die macht, was uns gefällt, hey
Hey Rote Zora
Molli hier, Molli da, Molli hopsassa
Hey Rote Zora
Auf das der Groschen fällt!

Wir ha‘m ein Haus
Instandbesetztes Haus
Den Peter und den Pit
Die schauen nur zum Fenster raus

Wir ha‘m ein Haus
Den Peter und den Pit
Der jeder Bullensau
Mal kräftig in die Fresse tritt

Hey Rote Zora
Molli hier, Molli da, Molli hopsassa
Hey Rote Zora
Du machst, was uns gefällt hey
Hey Rote Zora
Molli hier, Molli da, Molli hopsassa
Hey Rote Zora
Auf dass der Groschen fällt!
ein Highlight. Der Song war von der bis heute bestehenden Band Heiter bis Wolkig2Ab 1994/1995 gab es eine sehr intensive Diskussion über den Umgang mit der Band Heiter bis Wolkig, worauf sie in vielen linken Orten boykottiert wurde. Zum einem ging es um Sexismusvorwürfe und Mackergehabe der Band, vor allem aber wurde einem Bandmitglied Vergewaltigung vorgeworfen. Auf nadir.org findet sich ein Dossier mit Debattenbeiträgen aus der Zeit, siehe: https://www.nadir.org/nadir/archiv/Sexismus/Diskussion/Heiter_bis_Wolkig/, einer Punk- und Kabarettgruppe aus Köln. Er gehörte auch am 3. Oktober zum Repertoire.Im Lautsprecherwagen Ost wurde er zweimal gespielt, beim zweiten Mal, Höhe Mollstraße, in der Nähe vom Alexanderplatz, folgte daraufhin ein massiver gewalttätiger Angriff der Polizei auf den Lautsprecherwagen. Mehrere Beteiligte des Schutzes wurden dabei zum Teil schwer verletzt. Der Angriff konnte aber unter hohem Kraftaufwand zurückgedrängt werden. Während des Angriffs wurde aus dem Lautsprecherwagen auf die Parallelen zum 3. Oktober 1989 in Dresden hingewiesen. Auch im Jahr zuvor prügelten Polizist:innen auf Demonstrant:innen ein, wurden Wasserwerfer und Räumfahrzeuge eingesetzt.

Kurz darauf eskalierte die Lage, als die Spitze der Demonstration am Alexanderplatz ankam. Die Demonstration wurde für beendet erklärt und es begannen längere Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Im Oktober 1990 tagte immer noch ein Untersuchungsausschuss zu den Polizeieinsätzen vom 7./8. Oktober 1989 in Ostberlin. Er bestand aus Autor:innen wie Christa Wolf, Kulturschaffenden, Theolog:innen und Vertreter:innen der Bürger:innenbewegung.

Auf Einladung von Christa Wolf wurde die Polizeigewalt vom 3. Oktober 1990 durch Organisator:innen der Demonstration vorgetragen und mit der Forderung verbunden, diese bei dem Untersuchungsausschuss auch zu thematisieren. Dieses Anliegen wurde aber von der Mehrheit mit Verweis auf eine angebliche Gewaltbereitschaft vieler Demoteilnehmer:innen abgelehnt.

Die Herrschenden aus dem Westen zeigten am 3. Oktober ihr hässliches Gesicht, es war eine klare Ansage: Seht her, nun ist es vorbei mit dem Traum einer freiheitlichen Unordnung. Und es war ein Probelauf für das, was kommen sollte – den militärischen Sturm auf die Mainzer Straße einige Wochen später. Aber auch da, wie schon zum 3. Oktober, gab es eine gemeinsame Gegenwehr von Aktivist:innen aus Ost und West. Zu dieser Zeit gab es mehr Gemeinsames als Trennendes, das sollte sich bald ändern. Aber das ist ein neues Kapitel.

Dirk Teschner

In den 80ern Ost-Oppositioneller, erst in Karl-Marx-Stadt, dann in Ost-Berlin, in verschiedenen Gruppen und Samisdats wie „Friedrichsfelder Feuermelder“ und „Antifa Infoblatt Ostberlin“. Im Herbst 1989 Mitgründer des „Telegraph“ und der „Vereinigten Linken“. Seit Mitte der 2000er Kurator.

Bis heute aktiver linksradikaler Aktivist und Antifaschist.