Leipzig

In Leipzig randalierten am Abend des 2. Oktober 1990 ca. 150 Neonazis in der Innenstadt, darunter auch Mitglieder der „Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front“ (GdNF) aus Franken. Sie überfielen Passant:innen und griffen später das soziokulturelle Zentrum „Die Villa“ an…

Leipzig

In Leipzig randalierten am Abend des 2. Oktober 1990 ca. 150 Neonazis in der Innenstadt, darunter auch Mitglieder der „Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front“ (GdNF) aus Franken. Sie überfielen Passant:innen und griffen später das soziokulturelle Zentrum „Die Villa“ an.

Randale in der Innenstadt

Einer der Neonazis, die in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990 in der Leipziger Innenstadt randalierten.1Foto: DAZ/SNERA, DAZ – Die Leipziger Andere Zeitung, Nr. 37, 10.10.1990, S. 5.

Am Abend des 2. Oktober 1990 trafen sich am Leipziger Hauptbahnhof Neonazis aus verschiedenen Städten, darunter auch Mitglieder der „Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front“ (GdNF) aus Franken. Die GdNF war zu dem Zeitpunkt eine der wichtigsten neonazistischen Organisationen.

Zwischen 23 Uhr und 23:30 Uhr bewegten sich die ca. 150 Neonazis in die Innenstadt. Sie waren u.a. mit Baseballschlägern, Messern, Schreckschusspistolen und Pistolen mit Reizgas bewaffnet. Auf dem Markt störten sie das Konzert der Band Renft, griffen Passant:innen an und jagten Migrant:innen.2Antifaschistisches Broschürenkollektiv: „Leipzig ganz rechts. Eine Dokumentation rechtsextremer Aktivitäten in Leipzig 1989 – 1995“, Leipzig 1995.

Am Gewandhaus kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, auf die die Neonazis Steine warfen. Es folgte eine Verfolgungsjagd.

Die Szene in der Innenstadt wird von der Schriftstellerin Anne König in der 2019 erschienen Buchcollage „Das Jahr 1990 freilegen“ wie folgt beschrieben:

„Ich habe Angst, Angst, Angst.

Knallende Raketen, Muttis, die sich zuprosten, Besoffene, die das Deutschlandlied johlen. Dazwischen die mit den weißen Kapuzen. Reizgas, die Massen treiben auseinander (Rathausplatz). Irgendeine Musikgruppe muss ihr Konzert abbrechen, weil die Weißkapuzen Knaller auf die Bühne werfen. Vom Spießer und Deutschlandfanatiker, der sich die Schwarz-Rot-Goldene um seinen Bierbauch gewickelt hat, bis zu einem 12-jährigen, dem der Papi die Flagge in die Hand gedrückt, an die Jacke geheftet und für ein paar Minuten an einer Passagenecke abgestellt hat – ein schaudererregendes Bild. Ich schrecke bei jedem Knaller auf, als würde man auf mich schießen. Seltsame Freude in den Gesichtern.

Bullen mit Helm und Schild greifen sich die ersten Skins.

Ein Mädchen mit Fahrrad schreit entgeistert: ‚Das kann doch nicht sein. Nationalsozialismus pur!‘

Die Leute von RTL packen ihre Kameras ein und verschwinden in ihren Autos.

Von feierlicher Stimmung ist nichts zu spüren. Hier geht es ums nackte gesunde Davonkommen.

Die Skins schmeißen Fahrräder die Moritzbastei herunter, Glas splittert. Die Truppe (nicht mehr als 50) wendet sich Richtung Gewandhaus. Die Bullen laufen ruhig.

Plötzlich stehe ich zwischen Skins. C. schiebt mich an einen RTL-Wagen heran und mahnt zu Ruhe: ‚Bloß nicht rennen.‘ Ich kriege weiche Knie und bereue, dass ich so neugierig war. Der Typ von RTL guckt verständnislos durch seine Brille aus dem Wagen. Wir fahren ihn an, dass das wohl der Stoff wäre, den man aufzuzeichnen hätte. Ich bekomme auf diese Scheißjournalisten Wut.

Das Gewandhaus wird von den Grünen mit Plastikschild und Helm umstellt. Am Mendebrunnen schlagen sie auf ein Mädchen ein. Tumulte, Quietschen, Schreie. Schaulustige, die sich am Rand der Sensationsarena auf Blumenbeete gestellt haben, besichtigen das Geschehen.

Hupende Autos mit Deutschlandfahnen.

Neben mir ein Kahlkopf: ‚Eh, das Weib, wie das gequietscht hat!‘

Die Bullen stehen da und gucken zu.

‚Deutschland, einig Vaterland.‘“

Jan Wenzel (Hrsg.): Das Jahr 1990 freilegen, Leipzig: Spector Books 2019, S. 512.

Währenddessen fuhren Neonazis grölend durch die Stadt: „Einige Skinheads fuhren mit Jeeps durch die Innenstadt, schwenkten die Deutschlandfahne und schrien ‚Sieg Heil‘. Die Polizei hielt sich zurück.“3„Gegen das deutsche Einerlei“, in: taz, 4.10.1990.

In der Jungen Welt wird der Abend in Leipzig wie folgt zusammengefasst:

„Auch in Leipzig kam es zu massiver Gewalt. Hier waren es Rechtsradikale: Tränengas-Anschlag auf den Studentenklub ‚Moritzbastei‘. Überfall auf das Kulturzentrum ‚Villa‘. Bombendrohung an der Uni, die sich aber nicht bewahrheitete. Wehrlose Menschen wurden grundlos verprügelt, einer, mit einem abgebrochenen Flaschenhals attackiert, blieb regungslos am Boden liegen. Ausländer wurden mit Messern bedroht. Sie sind die hauptsächlichsten Opfer in der vielbevölkerten Studentenstadt.“

Ralf Thürsam / Simone Schmollack: „Gewalt, Terror und Fragen“, Junge Welt, 5.10.1990, S. 2.

Angriff auf „Die Villa“

Kurz nach den Auseinandersetzungen in der Innenstadt griff der Mob das soziokulturelle Zentrum „Die Villa“ in der Karl-Tauchnitz-Straße an.4„Randale in der Innenstadt“, in: Leipziger Volkszeitung, Nr. 232, 4.10.1990, S. 13. Das Zentrum war im Frühjahr 1990 aus einer Besetzung der Räumlichkeiten der FDJ-Kreisleitung entstanden. Der Angriff wird in einer antifaschistischen Broschüre wie folgt beschrieben: „Während einige Faschos mit ihren PKWs die Straße absperren, stürmen etwa 100 andere aus dem nahe gelegenen Park heraus und werfen fast alle Fensterscheiben des Hauses ein.“5Antifaschistisches Broschürenkollektiv: „Leipzig ganz rechts. Eine Dokumentation rechtsextremer Aktivitäten in Leipzig 1989 – 1995“, Leipzig 1995.

Die zerschlagenen Scheiben nach dem Angriff auf „Die Villa“.6Foto: LVZ/HEINZ, Leipziger Volkszeitung, Nr. 233, 5.10.1990, S. 13.

Nach dem Angriff auf „Die Villa“, gegen 3 Uhr nachts, wurden 45 Personen festgenommen. Das Antifachistische Broschürenkollektiv stellte dazu nüchtern fest:

„Die diesmal hinzukommende Polizei nimmt in diesem Zusammenhang 45 Personen fest, verlässt jedoch sogleich wieder den Ort des Geschehens, obwohl sich noch etwa 60 der Angreifer im angrenzenden Clara-Zetkin-Park aufhalten. Trotz der an der Villa verhafteten Faschos teilt die Staatsanwaltschaft Wochen später den MitarbeiterInnen der Villa mit, dass die Täter nicht ermittelt werden konnten.“

Antifaschistisches Broschürenkollektiv: „Leipzig ganz rechts. Eine Dokumentation rechtsextremer Aktivitäten in Leipzig 1989 – 1995“, Leipzig 1995.
Bericht über die Randale und Angriffe in der Leipziger Innenstadt am 2. Oktober 1990 in der Leipziger Volkszeitung.7Leipziger Volkszeitung, Nr. 232, 4.10.1990, S. 13.
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