Magdeburg

In Magdeburg randalierten in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990 über 70 Neonazis in der Innenstadt. Später wurde ein Wohnheim vietnamesischer Vertragsarbeiter:innen im Stadtteil Olvenstedt angegriffen…

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In Magdeburg randalierten in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990 über 70 Neonazis in der Innenstadt. Später wurde ein Wohnheim vietnamesischer Vertragsarbeiter:innen im Stadtteil Olvenstedt angegriffen.

Randale im Zentrum und Angriff auf Jugendclub

Kurz nach Mitternacht griffen 70 Neonazis mit Baseballschlägern im Stadtzentrum Passant:innen sowie einen Jugendklub an. Als die Polizei eintraf, wurde sie aus der Gruppe heraus „mit Steinen, Feuerwerkskörpern, Flaschen, schweren Schrauben und Schreckschußpistolen angegriffen“, konnte die Neonazis dennoch erst einmal abdrängen. Zwischen 2 Uhr und 2:30 Uhr gab es weitere Vorfälle: Eine Gruppe von „Randalieren“ beschädigte vor 300 Schaulustigen das CENTRUM-Warenhaus, weitere Läden und eine Disco.1„Randale und Plünderungen im Zentrum“, in: Volksstimme – Magdeburgische Zeitung, Nr. 232, 4.10.1990, S. 4.

In der Magdeburger Volksstimme wurde zwei Tage nach den Neonazi-Randalen über diese berichtet.2Volksstimme – Magdeburgische Zeitung, Nr. 232, 4.10.1990, S. 4.

Angriff auf Wohnheim vietnamesischer Vertragsarbeiter:innen in Olvenstedt

In Magdeburg-Olvenstedt griffen Neonazis – offenbar unterstützt von Bürger:innen aus der Nachbarschaft – das Wohnheim vietnamesischer Vertragsarbeiter:innen an.

Ein Bewohner des Wohnheims am Scharnhorst-Ring erinnert sich daran, dass der Angriff vorbereitet und angekündigt war. In dem Fall hatte die Polizei zumindest ein Konzept zum Schutz der Bewohner:innen des Heims:

„Der Höhepunkt war Anfang Oktober 1990. Diese Leute haben deutschlandweit Flyer verbreitet und dazu aufgerufen, nach Magdeburg zu kommen und unser Wohnheim in Brand zu setzen. Die Behörden in Magdeburg haben diese Gefahr erkannt und viele Polizisten zu uns geschickt, um unser Wohnheim und weitere Wohnblöcke in der Nähe, in denen vietnamesische Vertragsarbeiter:innen wohnten, zu schützen. Die Polizei hat uns über die Lage informiert und uns gesagt, dass, wer im Wohnheim bleiben wolle, in den oberen Etagen zusammenkommenkomen solle; ansonsten konnten wir das Wohnheim verlassen und selbst nach Schutz und Obdach suchen.

Die Kriminalpolizei war im Keller und im Erdgeschoss präsent und war mit Schusswaffen ausgerüstet. Sie ging zu den Leuten, die das Wohnheim belagerten, sprach mit ihnen und riet ihnen, die Menschenansammlung aufzulösen usw. Zum Schluss haben die Beamten die Wege zum Wohnheim gesperrt, damit niemand in dessen Nähe gelangen konnte. Die Rassisten konnten ihren Plan nicht umsetzen und am nächsten Tag versammelten sich nur ein paar einzelne Jugendliche um das Wohnheim herum.“

Erinnerungen eines Zeitzeugen, aufgezeichnet vom Deutsch-Vietnamesischen Freundschaftsverein (DVF) Magdeburg e.V.
Die handschriftlichen Erinnerungen des Zeitzeugen, verfasst auf Vietnamesisch.

Weiteren Berichten zufolge versuchte der Mob dennoch, das Heim anzugreifen. Dabei kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Ein Augenzeuge erinnert sich daran wie folgt: 

„Da wurde halt gleich um die Ecke, wo ich gewohnt hab, da war ein Vietnamesen-Wohnheim, welches dann überfallen wurde, was dann nicht nur eingefleischte Nazis waren, sondern wo das halbe Viertel mitgemacht hat und wo’s dann auch ab dem Tag auch für uns dort in dem Stadtteil gefährlich wurde.“

„Stadtfeld Unbreakable – Leben heißt Kämpfen“, Red Media Kollektiv 2018, Online: youtube.com/watch?v=-uOeXKsU4is (ab 6:57).

In der Presse ist über den Angriff in Olvenstedt zu lesen: 

„Zu weiteren Ausschreitungen kam es vor einem Wohnheim von Vietnamesen in Neu-Olvenstedt. Während des Einsatzes wurde erneut ein äußerst militantes Auftreten der Randalierenden verzeichnet. Gegen die Einsatzkräfte der Polizei wurde gezielt mit Feuerwerkskörpern und Steinwürfen vorgegangen. Im Verlaufe des Einsatzes wurden elf Personen durch die Polizei zugeführt.“

„Randale und Plünderungen im Zentrum“, in: Volksstimme – Magdeburgische Zeitung, Nr. 232, 4.10.1990, S. 4.

Jusos protestieren öffentlich

Am 5. Oktober 1990 protestierten die Jusos in einer Pressemitteilung – als ein Fall von ganz wenigen – öffentlich gegen die Neonazi-Gewalt der Vereinigungsnacht.

Die Pressemitteilung der Jusos, erschienen drei Tagen nach den Angriffen in der Volksstimme.3Volksstimme – Magdeburgische Zeitung, Nr. 233, 5.10.1990, S. 16.
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