Schwerin

In Schwerin kam es in der Innenstadt zu Randalen und gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen Neonazis auf der einen Seite und einer Bürger:innenwehr und der Polizei auf der anderen Seite…

Schwerin

In Schwerin kam es in der Innenstadt zu Randalen und gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen Neonazis auf der einen Seite und einer Bürger:innenwehr und der Polizei auf der anderen Seite.

Schon im Vorfeld erhielt die Volkspolizei in Schwerin durch einen Informanten die Information darüber, dass es in der Nacht zum 3. Oktober 1990 zu „geplante[n] Ausschreitungen“ kommen würde:

„Am 01.10.90 wurde Unterzeichnendem durch eine Information des Inhabers des Imbissbusses an der Tankstelle Dresch bekannt, daß die Skins sich in den Abendstunden des 02.10.90 im Stadtgebiet von Schwerin sammeln wollen, um von dort aus zum Leninplatz zu ziehen und dort eine öffentliche Flaggenverbrennung vorzunehmen. Nach dieser Aktion wollen sie dann von Gaststätte zu Gaststätte ziehen, um dort Zerstörungen vorzunehmen. Weitere Angriffe sollen auf Nahverkehrseinrichtungen sowie Taxis gerichtet sein. Nach Angaben des Informanten sollen die Schweriner Skins von ca. 30 Skins aus England sowie eine unbekannte Zahl Hamburger Skins Unterstützung bekommen.“

Tagesrapporte des Volkspolizei-Kreisamtes Schwerin in der Akte 7.12–1/3 VPKA Schwerin (Z 51/1997) 545 im Landeshauptarchiv Schwerin.

Weiterhin heißt es:

„Gegen 20.00 Uhr war der Führungsgruppe ein anonymer Anruf bekannt geworden, in welchem sich eine unbekannte männliche Person als der Führer der Skinheads von Schwerin ausgab und androhte, den Leninplatz in Scherben zu legen.“

Tagesrapporte des Volkspolizei-Kreisamtes Schwerin in der Akte 7.12–1/3 VPKA Schwerin (Z 51/1997) 545 im Landeshauptarchiv Schwerin.

Die Angaben über die Unterstützung durch weitere Skinheads aus Hamburg und England scheint übertrieben. Tatsächlich kam es aber in der Innenstadt zu Auseinandersetzungen zwischen rechten Skinheads und einer Art Bürger:innenwehr von je 25–30 Personen. Die Bürger:innenwehr bestand laut Polizeibericht aus mehreren Gruppen, die mit Funkgeräten ausgestattet waren und sich an neuralgischen Punkten wie dem Wohnheim für Asylsuchende und belebten Orten aufhielten, um diese vor Angriffen zu schützen. Kurz nach Mitternacht gerieten diese Gruppierungen auf dem Leninplatz, wo etwa 800 Personen feierten, aneinander. Die Polizei schritt zweimal ein und trieb sie zum Markt. Dabei entstand einiges an Schaden: In insgesamt 7 Läden gingen insgesamt 13 Schaufensterscheiben zu Bruch. Vier Personen wurden aufgrund dieser Sachbeschädigungen vorläufig festgenommen.1Tagesrapporte des Volkspolizei-Kreisamtes Schwerin in der Akte 7.12–1/3 VPKA Schwerin (Z 51/1997) 545 im Landeshauptarchiv Schwerin.

Über die Vorfälle in Schwerin wurde auch andernorts in der Presse berichtet. In der Leipziger Volkszeitung vom 4.10.1990 hieß es: „In Schwerin zogen 40 Jugendliche randalierend auf den Marktplatz. Schaufenster gingen zu Bruch.“2„Massive Ausschreitungen begleiten Einheit“, in: Leipziger Volkszeitung, Nr. 232, 4.10.1990, S. 2. Dabei wurden die Randale auch übertrieben und leicht verfälscht dargestellt.

Die Frankfurter Rundschau berichtet von einer regelrechten Straßenschlacht zwischen Neonazis und Autonomen:

„In der Schweriner Innenstadt kam es zu schweren Zusammenstößen zwischen etwa 200 links- und rechtsextremen Demonstranten sowie der Polizei. Rechtsradikale, die die Einheit mit ‚Sieg Heil‘- und ‚Deutschland, Deutschland‘-Rufen begingen und Schaufensterscheiben einwarfen und vermummte Autonome gingen mit Knallkörpern, Raketen, Schlagstöcken und Ketten aufeinander los. Mindestens zwei Menschen wurden verletzt, mehr als zehn nach Berichten von Augenzeugen festgenommen.“

„‚Sieg Heil‘-Rufe in Schwerin“, in: Frankfurter Rundschau, 4.10.1990.

Auch in der Jungen Welt findet sich die Meldung zu der Straßenschlacht in Schwerin.3„Schunkelnd-schubsend in die Bunte Republik“, in: Junge Welt, 4.10.1990, S. 4.