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Aachen, Bielefeld, Bonn, Dresden, Grimma, Hamburg, Iserlohn, Leverkusen, Postdam, Recklinghausen, Riesa, Rostock, Schwerin, Selmsdorf, Vacha…

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Aachen

„In Aachen nahm die Polizei in der Nacht 25 Skinheads fest, die mit Pflastersteinen und Baseballschlägern auf die Feiernden losgegangen waren.“

„‚Sieg Heil‘-Rufe in Schwerin“, in: Frankfurter Rundschau, 4.10.1990.

Bielefeld

„In Bielefeld mußten neun Personen ‚aus dem rechtsextremen Bereich‘ mit zur Wache fahren, nachdem sie Ausländer angepöbelt hatten.“

„‚Sieg Heil‘-Rufe in Schwerin“, in: Frankfurter Rundschau, 4.10.1990.

Bonn

„In Bonn nahm die Polizei wegen drohender Auseinandersetzungen mit linksgerichteten Gruppen 86 Mitglieder der neonazistischen Organisation Freiheitliche Arbeiterpartei (FAP) bis zum Morgen in Gewahrsam.“

„‚Sieg Heil‘-Rufe in Schwerin“, in: Frankfurter Rundschau, 4.10.1990.

„Am 2. Oktober verübten unbekannte Täter einen Brandanschlag auf das Bonner Stadthaus. Am Tatort war ein mit ‚Kokel 002‘ bezeichnetes Selbstbezichtigungsschreiben zurückgelassen worden. Es enthielt einen Aufruf, den Verzicht auf die ehemaligen deutschen Ostgebiete zu verhindern. Gleichzeitig drohten die Täter, einen weiteren ‚folgenschweren‘ Brandanschlag zu verüben. Sie bezichtigten sich auch der Täterschaft bei dem Brandanschlag auf das Schloß Cecilienhof in Potsdam am 27. Juli. Dort war ein Schreiben mit der Kennzeichnung ‚Kokel 001‘ gefunden worden. Im Schloß Cecilienhof tagte 1945 die ‚Potsdamer Konferenz‘, die die Teilung Deutschlands besiegelte.“

Verfassungsschutzbericht 1990, Bonn, S. 122.

Dresden

„In der Dresdner Neustadt, dem Zentrum der Alternativen, herrschte gespannte Stimmung: Neonazis zogen mit ‚Sieg Heil‘-Rufen durch die Straßen.“

B.Z., 4.10.1990.

In seinem Wenderoman „89/90“ beschrieb Peter Richter 2015 die Stimmung unter den Dresdner Hausbesetzer:innen. Zu Beginn erfährt der Ich-Erzähler, Schüler an einer Dresdner Schule, über einen Mitschüler während des Unterrichts von den Plänen der Neonazis:

„W. erzählte, wir hatten Biologie, dass die Nazis in der Stehbierhalle am Wasaplatz schon recht konkret über ihre Pläne für den 2. Oktober sprächen. Ich habe da Kumpels von der Pferderennbahn, sogenannte Turffreunde, Zocker, da spiele Politik keine Rolle, da gehe es rein im rennsportlichen Sinne um Stammbäume, um Sieg-Wetten, großen wie kleinen Einlauf, aber am Rande all dessen habe er das eben doch mitbekommen: Die seien da ganz unmissverständlich. Den Vorabend des Beitritts zur Bundesrepublik wollten die Kameraden, so der W., angemessen feiern, und jetzt rate mal, mit wem? Mit euch! Ist das nicht herrlich?

Den Angaben des W. zufolge wollten die gegen zehn oder elf Uhr am Abend durch die Neustadt marschieren, ein paar Nachtcafés abfackeln oder besetzte Häuser und dann, Punkt zwölf, zeckenfrei in die deutsche Einheit… So hätten sie das formuliert. Er sage es ja nur. Könnte mich ja interessieren.

Hören Sie auf zu schwätzen, rief, in der Abenddämmerung ihrer einstigen Autorität, Klassenlehrerin J.

Keinen Mucks habe ich gesagt, protestierte routiniert, der W.

Peter Richter: 89/90, München 2015, S. 401.

Grimma

Am 3. Oktober 1990 begann in Grimma eine Serie von Angriffen, die sich insbesondere gegen die vietnamesischen Vertragsarbeiter:innen richtete:

„Seit dem 3. Oktober störten mehrfach Jugendliche die öffentliche Ordnung in Grimma-Süd. Sie belästigten vorwiegend in der Gabelsberger Straße wohnende vietnamesische Mitbürger und wandten Gewalt gegen Personen und eine CLG-eigene Wohnunterkunft an. In der Kinderambulanz im Erdgeschoß des Gebäudes wurde ein Schaden von 15 000 bis 20 000 DM angerichtet. Betriebsrat und Geschäftsführung der Chemieanlagenbau GmbH verwahren sich gegen die Akte des offensichtlich politisch motivierten Vandalismus und erwarten die Bestrafung der Schuldigen. Es wurde Anzeige gegen Unbekannt erstattet.“

„Bestrafung nötig“, in: Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Grimma, 11.10.1990.

Die in der Folge immer gewalttätigeren Attacken veranlassten die Stadtverordneten Grimmas Mitte Oktober 1990, eine Erklärung abzugeben – eine der wenigen Ausnahmen in dieser Zeit:

„Als im Oktober vergangenen Jahres auf dem Grimmaer Markt Bürger ihre Stimme für mehr Demokratie erhoben, hätten wir es nicht für möglich gehalten, ein Jahr später an gleicher Stelle Rufe zu hören wie ‚Jude raus‘ oder ‚Die Roten sollen hängen‘. Als vor Jahresfrist das Wort Rosa Luxemburgs ‚Freiheit ist die Freiheit des Andersdenkenden‘ zu einer Hauptlosung erhoben wurde, die Forderung nach Toleranz zum politischen Programm eines jeden Redners gehörte, hätten wir nicht geglaubt, daß heute in unserer kleinen Stadt Ausländerfeindlichkeit nicht nur gepredigt, sondern auch ausgeübt würde. (Tschieche, stellvertretender Bürgermeister)“

„Grimmas Stadtverordnete erklären“, in: Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Grimma, 13./14.10.1990.

Hamburg

In Hamburg scheinen Neonazis erfolglos versucht zu haben, die besetzten Häuser in der Hafenstraße anzugreifen. In der Frankfurter Rundschau wurde zwei Tage später berichtet:

„In mehreren Städten gab es Zusammenstöße zwischen Rechts- und Linksradikalen und der Polizei. In Hamburg versuchte nach Mitternacht eine Gruppe angetrunkener Jugendlicher, zur Hafenstraße vorzudringen. Dabei kam es zu Schlägereien mit der Polizei. Die Sicherheitskräfte sperrten die Reeperbahn und den nahegelegenen Hans-Albers-Platz. Insgesamt nahm die Polizei hier mindestens 40 Menschen fest.“

„‚Sieg Heil‘-Rufe in Schwerin“, in: Frankfurter Rundschau, 4.10.1990.

Henningsdorf

In der Nacht zum 3. Oktober entwendeten Neonazis Waffen aus einer NVA-Kaserne in Henningsdorf bei Berlin:

„Noch in der Nacht zum 3. Oktober haben sich dort nach Angaben von Augenzeugen ‚junge, glatzköpfige Männer mit Bomberjacken und weiten Hosen‘ offenbar mit Übungsmunition eingedeckt. Die Skins wurden von Jugendlichen dabei beobachtet, als sie ‚mit Planen verdeckte gewehrähnliche Gegenstände‘ über den Zaun schleppten. Als die Eindringlinge bemerkten, daß sie beobachtet worden waren, ergriffen sie samt ihrer Beute die Flucht. Das Gelände des 38. Grenzregiments der DDR Henningsdorf befindet sich direkt hinter dem ehemaligen Todesstreifen nahe der Ruppiner Chaussee. Wer Handgranaten, Panzerfäuste, Platzpatronen, Sprengstoffstangen oder gefüllte Maschinengewehrgürtel benötigt, hat dort die freie Auswahl. […]

Die Jugendlichen[, die die Neonazis bemerkt hatten,] verständigten daraufhin die Berliner Polizei. Doch die erklärte sich nach Informationen der taz für nicht zuständig, da daß Kasernengelände auf dem Gebiet des künftigen Landes Brandenburg liegt. Immerhin wurden die Beamten dort informiert. Als sie den Bericht der Jugendlichen bestätigt fanden, sagten sie eine stärkere Bewachung des Geländes zu.“

„Skinheads bedienen sich im NVA-Lager“, in: taz, 8.10.1990, S. 21, Online: https://taz.de/Skinheads-bedienen-sich-im-NVA-Lager/!1749325/

Iserlohn

„In Iserlohn demonstrieren Angehörige der örtlichen Vertriebenenverbände mit Transparenten ihr Missfallen über die angeblich noch immer ungelöste deutsche Frage: ‚Breslau, Königsberg, Stettin – deutsche Städte wie Berlin‘.“

„3. Oktober 2010 – Vor 20 Jahren: Die DDR tritt der BRD bei“, WDR-Stichtag, 3.10.2010, Online: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag5108.html

Leverkusen

„In Leverkusen lieferten sich etwa 150 Punks und Skinheads eine Schlägerei.“

„Auseinandersetzungen begleiteten Einheitsnacht“, Berliner Zeitung, 4.10.1990, S. 2.

Potsdam

„In der Nacht zum ‚Tag der Deutschen Einheit‘ 1990 erwarteten Hausbesetzer:innen einen Überfall auf das alternative Potsdamer Kulturzentrum ‚Fabrik‘. Ein damals Anwesender beschreibt die Situation: ‚Vor dem Tor Wachposten. Ich sage ihnen, dass ich unterwegs keine Skinrotte gesehen habe. Auf dem Hof Punks, bewaffnet mit Knüppeln, mit denen sie kampfeslustig oder nervös klappern. In der Fabrik gedämpfte Stimmung. Leise Musik, Gruppen, die beieinander stehen oder sitzen.‘“

Christin Jänicke, Benjamin Paul-Siewert (Hrsg.): 30 Jahre Antifa in Ostdeutschland. Perspektiven auf eine eigenständige Bewegung, 2019, S. 56.

Es kam letzten Endes zu keinem Angriff auf das besetzte Haus.

Nicht nur die Hausbesetzer:innenszene erwartete Angriffe. Eine Bürger:inneninitiative rief zu einer Mahnwache auf, um das „Denkmal des unbekannten Deserteurs“ zu schützen.

Auch in der Regionalzeitung werden mögliche Angriffe schon im Vorfeld diskutiert.1Märkische Volksstimme, 2.10.1990, S. 2.

In der Nacht vom 2. zum 3. Oktober wurde das „Denkmal des unbekannten Deserteurs“ trotz der Mahnwache mit weißer Farbe besprüht und mit einem Meißel beschädigt.2Märkische Oderzeitung, 4.10.1990, S. 3.


Recklinghausen

„Nicht überall geht es jedoch so harmonisch zu. Für Nordrhein-Westfalen dokumentiert die Westfälische Rundschau auch vereinzelte Ausschreitungen: In Recklinghausen skandiert beispielsweise eine Gruppe von rund 70 Neonazis ausländerfeindliche Parolen.“

„3. Oktober 2010 – Vor 20 Jahren: Die DDR tritt der BRD bei“, WDR-Stichtag, 3.10.2010, Online: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag5108.html

Riesa

In Riesa haben Neonazis am 2. Oktober 1990 andere Feiergäste verprügelt und einen von ihnen schwer verletzt. Offenbar griff niemand ein und es rief auch niemand die Polizei.

„In der Nacht vom 2. zum 3. Oktober, gegen 24 Uhr, ereigneten sich im und am Diskozelt in der Pausitzer Delle mehrere Körperverletzungen. Gegen 24 Uhr wurde die Nationalhymne abgespielt. Eine Vielzahl der Gäste des Diskozeltes grüßte dabei mit dem faschistischen Gruß und rief ‚Heil Hitler – Sieg Heil!‘. Sich dagegen verwahrende Gäste wurden brutal zusammengeschlagen. Eine medizinische Behandlung der Geschädigten machte sich erforderlich, bei einem Geschädigten wurden der Unterkiefer und das Nasenbein zerschlagen. Die Polizei erhielt erst Kenntnis vom Sachverhalt durch die Anzeigenerstattung der Geschädigten. Weitere geschädigte Personen und Zeugen der Sachverhalte werden gebeten, der Kriminalpolizei bei ihren Ermittlungen Unterstützung zu geben.“

„Polizeirapport. Mehrere Körperverletzungen nach Schlägerei im Diskozelt“, in: Sächsische Zeitung, Ausgabe Riesa, Jg. 45, 5.10.1990, S. 8.

Später in der Nacht kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Neonazis und der Polizei: „Am 3. Oktober 1990, gegen 3:25 Uhr, mußten die Einsatzkräfte der Schutzpolizei die Bahnpolizei unterstützen, da vier Skinheads die Ordnung der Bahnhofshalle störten.“3„Skinheads randalierten“, in: Sächsische Zeitung, Ausgabe Riesa, Jg. 45, 5.10.1990, S.8.


Rostock

Kurzmeldung in der Jungen Welt über die Situation in Rostock.4„Schunkelnd-schubsend in die Bunte Republik“, Junge Welt, 4.10.1990, S. 4.

In Rostock entschied man sich auf Grundlage einer Gefahrenanalyse zu präventiven Maßnahmen: „Rechtsradikale Übergriffe befürchtend, sind bereits zu Wochenbeginn 25 ausgesiedelte sowjetische Juden an einen unbekannten Aufenthaltsort gebracht worden.“5„Randale an der Ostsee“, in: Ostsee-Zeitung, Nr. 232, 4.10.1990, S. 3.

In der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990 habe es dann nach Angaben der Leipziger Volkszeitung kurz vor Mitternacht in Rostock tatsächlich „Übergriffe rechtsradikaler Gruppen“ gegeben.6„Massive Ausschreitungen begleiten Einheit“, in: Leipziger Volkszeitung, Nr. 232, 4.10.1990, S. 2.

Auch in der Jungen Welt hieß es: „Das große Volksfest in der Rostocker Innenstadt wurde durch antisemitische Sprechchöre angetrunkener Jugendlicher gestört.“


Schwerin

Zu den Vorkommnissen in Schwerin liegen widersprüchliche Zeitungsmeldungen vor. 

In der Leipziger Volkszeitung vom 4.10.1990 heißt es: „In Schwerin zogen 40 Jugendliche randalierend auf den Marktplatz. Schaufenster gingen zu Bruch.“7„Massive Ausschreitungen begleiten Einheit“, in: Leipziger Volkszeitung, Nr. 232, 4.10.1990, S. 2.

Die Frankfurter Rundschau berichtet indessen von einer regelrechten Straßenschlacht unterschiedlicher Beteiligter:

„In der Schweriner Innenstadt kam es zu schweren Zusammenstößen zwischen etwa 200 links- und rechtsextremen Demonstranten sowie der Polizei. Rechtsradikale, die die Einheit mit ‚Sieg Heil‘- und ‚Deutschland, Deutschland‘-Rufen begingen und Schaufensterscheiben einwarfen und vermummte Autonome gingen mit Knallkörpern, Raketen, Schlagstöcken und Ketten aufeinander los. Mindestens zwei Menschen wurden verletzt, mehr als zehn nach Berichten von Augenzeugen festgenommen.“

„‚Sieg Heil‘-Rufe in Schwerin“, in: Frankfurter Rundschau, 4.10.1990.

Auch in der Jungen Welt findet sich die Meldung zu der Straßenschlacht in Schwerin.8„Schunkelnd-schubsend in die Bunte Republik“, in: Junge Welt, 4.10.1990, S. 4.

Selmsdorf

In Selmsdorf in Mecklenburg-Vorpommern an der ehemaligen Grenze zwischen DDR und BRD randalierten am Abend des 2. Oktober 1990 ca. 50 Neonazis – vermutlich in Ermangelung anderer Ziele – in den Gebäuden der Grenzkontrollstation.9„Massive Ausschreitungen begleiten Einheit“, in: Leipziger Volkszeitung, Nr. 232, 4.10.1990, S. 2. Polizeieinheiten aus Lübeck und Grevesmühlen schritten ein und nahmen elf Personen in Gewahrsam.10„Randale an der Ostsee“, in: Ostsee-Zeitung, Nr. 232, 4.10.1990, S. 3.

Weiterhin hieß es im Tagesspiegel: „Vier Rechtsradikale, die Passanten angegriffen und mit einer Gaspistole ‚herumgeschossen‘ hätten, seien später in Schleswig-Holstein festgenommen worden“.11„Feiern in ganz Deutschland“, in: Der Tagesspiegel, 4.10.1990, S. 2.


Vacha

„In Vacha im Wartburgkreis (Thüringen) demonstrierten am Tag der Wiedervereinigung ca. 30 Neonazis durch den Ort.“

Kurt Hirsch, Peter B. Heim: Von links nach rechts. Rechtsradikale Aktivitäten in den neuen Bundesländern, München 1991, S. 124.

Gemeint ist damit sehr wahrscheinlich die Demonstration der nationalsozialistischen Wiking-Jugend:

„Am 3. Oktober veranstaltete sie [die Wiking-Jugend] im hessisch-thüringischen Gebiet bei Fulda einen Marsch und eine Wiedervereinigungsfeier. Die WJ-Aktivitäten erstreckten sich zunehmend auf das Gebiet der ehemaligen DDR.“

Verfassungsschutzbericht 1990, Bonn, S. 114.