Winterthur in der Schweiz

In Winterthur in der deutschsprachigen Schweiz verübten drei Neonazis in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990 einen Handgranatenanschlag auf die vermeintliche Wohnung eines antifaschistischen Journalisten…

Winterthur in der Schweiz

In Winterthur in der deutschsprachigen Schweiz verübten drei Neonazis in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990 einen Handgranatenanschlag auf die vermeintliche Wohnung eines antifaschistischen Journalisten. Dabei wurde aus reinem Glück niemand verletzt. Zwei der Täter waren Aktive der neonazistischen „Nationalrevolutionären Partei der Schweiz“, einer von ihnen war Infanterieleutnant der Schweizer Armee.

Bei dem Anschlag handelte es sich um einen Racheakt gegen einen Journalisten, der in der neonazistischen Szene Winterthurs recherchiert und mit seinen Ergebnissen 1988 investigative Artikel in Zeitungen veröffentlicht hatte. Allerdings wohnte er zu dem Zeitpunkt nicht mehr in der Wohnung.

Der Haupttäter, ein Infanterieleutnant der Schweizer Armee, hatte die Handgranate während seines Truppendienstes entwendet und wurde von zwei Mittätern unterstützt. Er sowie einer der Mittäter waren – angeblich ehemalige – Mitglieder der neonazistischen „Nationalrevolutionären Partei der Schweiz“ (NPS). Während der Täter in der späteren Verhandlung aussagte, er habe sich zuvor versichert, dass sich niemand im Haus befinde, sagte eine Zeugin aus, dass sie gehört habe, wie die Granate durch eine Glasscheibe geworfen worden sei, was nahelegt, dass er die Wohnung vorher nicht abgesichert hatte.1„Der Rechtsextremisten-Anschlag in Winterthur“, Neue Zürcher Zeitung, 22./23.12.1990, S. 41.

Zu den Folgen des Anschlags hieß es in der Neuen Zürcher Zeitung:

„Der Anschlag […] hatte einen Sachschaden von rund 100’000 Franken verursacht. Ein Motorrad wurde zerstört, Scheiben gingen zu Bruch, nur ein Armierungseisen verhinderte, dass ein Loch in die Kellerdecke gerissen wurde. Zwei Personen, die sich zur Tatzeit im Obergeschoss aufhielten, kamen unverletzt davon.“

„Der Rechtsextremisten-Anschlag in Winterthur“, Neue Zürcher Zeitung, 22./23.12.1990, S. 41.

Anfang Dezember 1990 wurden vier Verdächtige festgenommen. Bei Hausdurchsuchungen fand die Polizei insgesamt 19 Schusswaffen und 5000 Schuss Munition, die legal erworben waren, eine zweite entwendete Armeehandgranate und militärische Gewehrtreibladungen, die von der Armee entwendet worden waren, sowie Nazi-Devotionalien.2„Der Rechtsextremisten-Anschlag in Winterthur“, Neue Zürcher Zeitung„ 22./23.12.1990, S. 41.; „Drei Jahre Zuchthaus für Bombenleger“, Der Landbote, 22.8.1992.

Schäden des Anschlags.3Foto; KAPO, Neue Zürcher Zeitung, 22./23.12.1990, S. 41.

Der Untersuchungsrichter leugnete zunächst die politische Motivation des Anschlags, während der Staatsanwaltschaft diese berücksichtigen wollte.4„Anklage gegen Neonazis steht“, Winterthurer Arbeiterzeitung, 27.1.1992. Im Januar 1992 wurde Anklage gegen die zwei Haupttäter erhoben. Sie wurden 1993 zu drei bzw. dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Der politische Hintergrund spielte bei der Entscheidungsfindung nur eine geringe Rolle.5„Drei Jahre Zuchthaus für Bombenleger“, Der Landbote, 22.8.1992.; „Zweiter Attentäter von Töss: Dreieinhalb Jahre Zuchthaus“, Winterthurer Arbeiterzeitung, 6.3.1993.


Die Täter scheinen sich nicht selbst dazu geäußert zu haben, ob sie das Datum für ihren Anschlag bewusst gewählt haben. Allerdings hat die damalige Presse den Anschlag sehr wohl in einen Zusammenhang mit der deutschen Vereinigung gestellt.6„Anklage gegen Neonazis steht“, Winterthurer Arbeiterzeitung, 27.1.1992. Auch an anderer Stelle haben die Winterthurer Neonazis deutlich gemacht, welche Bedeutung dieser Tag für sie hat. Am 3. Oktober 1992 randalierten Neonazis aus der deutschsprachigen Schweiz und der BRD in Winterthur, nachdem sie sich in ihrem Lokal mit nazistischen Fahnen getroffen und „Sieg Heil“ gerufen hatten:

„Am Samstag, kurz vor Mitternacht, provozierten Skinheads in der Altstadt eine wüste Auseinandersetzung mit Leuten der ‚Widder‘-Alternativszene. Es kam zu Keilereien mit Stahlruten, Baseball-Schlägern und Holzlatten zwischen Metzgasse und Technikumstrasse, Steine und Bierflaschen flogen, eine Scheibe des Coiffeurgeschäftes Dino ging in die Brüche, und den Blutspuren nach zu urteilen gab es Verletzte, offiziell mindestens drei. Die Skins, die nach Augenzeugenberichten den Kürzeren zogen, bedrohten eine Pressefotografin und nahmen ihr vorübergehend den Film ab. 

Die Polizei wurde, nicht zum ersten Mal an diesem Datum, von den Ereignissen offenkundig überrascht, unterband aber die Fortsetzung durch eiligst veranlasste und bis weit nach ein Uhr fortgesetzt Präsenz; der Posten Obertor war zu jener Zeit de facto leer.“

„Winterthur, Treff für Rechtsradikale. Skinheads provozieren gewalttätige Auseinandersetzungen in der Nacht der deutschen Einheit“, Winterthurer Arbeiterzeitung, 5.10.1992.
Deutsche und Schweizer Neonazis randalieren in Winterthur zum Tag der deutschen Einheit 1992.7Foto: Winterthurer Arbeiterzeitung, 5.10.1992.

Im Tages-Anzeiger wurde der Anschlag neun Jahre später noch einmal aufgegriffen:

„Eine Explosion erschütterte am 2. Oktober 1990 kurz vor Mitternacht das idyllische Bütziackerquartier in Töss. Im Parterre des Hauses Nummer 39 zeigte sich ein Bild der Verwüstung: Wände, Decken und Türen waren zerfetzt, zahlreiche Fensterscheiben, ein Motorrad sowie ein Kachelofen in der Wohnung im ersten Stock zerstört. Noch in 50 Meter Entfernung lagen Scherben herum. Ein Brand konnte von Bewohnern gelöscht werden. Wie durch ein Wunder kamen keine Menschen zu Schaden. Das Parterre war unbewohnt, und im ersten Stock war gerade niemand zu Hause.

Die ersten Vermutungen der Behörden über die Ursache stellten sich rasch als falsch heraus. Auslöser war nicht etwa ein unsachgemäss gelagerter Gasbehälter, sondern eine Handgranate aus den Beständen der Schweizer Armee. Nachbarn fanden in ihrem Garten den zerfetzten Stiel der HG 43. Die Bombe hatte eine „erhebliche Zerstörungskraft“, hiess es damals in den Medien.

Für die Quartierbewohner stand von Anfang an fest: Das war ein Anschlag von Neonazis. Denn im Haus wohnte bis vor kurzem der Journalist M[.] K[.], der in den Jahren zuvor immer wieder kritisch über rechte und rechtsextreme Kreise berichtet hatte. Besonders übel nahmen ihm die Neonazis, dass er während Monaten verdeckt in der Szene recherchiert hatte. Unterstützt wurde der schwer wiegende Verdacht durch Zeugenaussagen. Nachbarn hatten kurz vor der Detonation beobachtet, wie zwei Männer aus dem Haus liefen.

Kurz vor Weihnachten 1990 präsentierten die Behörden die Täter und zahlreiche beschlagnahmte Waffen: Drei Schaffhauser zwischen 20 und 23 Jahren hatten zugegeben, den Anschlag verübt zu haben. Die beiden Haupttäter waren an vorderster Front aktiv für die rechtsextreme Nationalrevolutionäre Partei der Schweiz. Der Bombenwerfer war Infanterieleutnant – er hatte die Granate aus Armeebeständen geklaut und wurde 1992 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt.“

Andreas Mösli: „Politische Vergeltung mit einer Handgranate“, Tages-Anzeiger, 10.9.1999, Online: https://www.antifa.ch/politische-vergeltung-mit-einer-handgranate/